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3 Tester, 3 Meinungen

Hymer-Car Grand Canyon S im Praxis-Test (2019)

Hymercar Grand Canyon S (2019) Hymercar Grand Canyon S (2019) Hymercar Grand Canyon S (2019) Hymercar Grand Canyon S (2019) 36 Bilder

Der Hymer-Car Grand Canyon S ist ein Campingbus unter 6 Metern mit moderner Mercedes-Fahrtechnik an Bord. Wie schlägt er sich im Praxistest im Schnee, mit Anfängern und einem Auto-Profi?

Bei unseren Praxistests kommt es weniger auf harte Zahlen und Fakten an, sondern darauf, wie sich das Fahrzeug auf verschiedenen Trips mit unterschiedlichen Menschen und Ansprüchen schlägt. Dieses Mal waren wieder drei Personen mit ganz unterschiedlichen Voraussetzungen unterwegs und testen den Hymer-Car Grand Canyon S auf dem neuen Sprinter.

Hymercar Grand Canyon S (2019) Foto: Ingolf Pompe
Drei Tester am diskutieren (von links): Sophia Pfisterer, Matthias Ackermann, Thomas Gerhardt.

Kollege Matthias Ackermann ist Spezialist für Motorräder und arbeitet für die Schwesternzeitschrift MOTORRAD. Er träumt davon, sich demnächst einen Campingbus zuzulegen, und erlebt den Grand Canyon aus Anfängerperspektive. Sophia Pfisterer ist als promobil-Redakteurin schon etwas versierter, was Reisemobile angeht. Sie nimmt den Grand Canyon mit in den Schnee, um zu testen, ob der Bus auch Minusgraden und Schnee Stand hält. Thomas Gerhardt ist ebenfalls bewandert im Thema Campingfahrzeuge und hat schon einige getestet. Als Redakteur bei Auto-Motor-und-Sport ist er vor allem an Fahreigenschaften, Technik, Bedienung und Komfort des Mercedes Sprinter interessiert.

>>> Test 1: Das erste Mal im Campingbus

Hymercar Grand Canyon S (2019) Foto: Ingolf Pompe
Tester 1: Matthias Ackermann, Camping-Neuling

Die Idee reifte kurz nach dem Griechenland-Urlaub auf den Peloponnes im vorletzten Sommer. Als Patchwork-Familie unterwegs mit drei pubertierenden Kindern, die außer Strand, elektronischen Hilfsmitteln und Faulenzen nichts im Sinn hatten. Inspiriert von einem Kollegen, der seit zehn Jahren mit VW-Bus und Bootsanhänger genau in die gleiche Ecke fährt, konnten ich und meine Frau uns sehr gut vorstellen, diese Reise einmal alleine mit einem Campingbus zu machen. Weiter geträumt natürlich dann auch nach Nordeuropa (Schweden/Norwegen) oder einfach nur Städtetouren im Lande.

Ich, Matthias, Chef vom Dienst bei der Zeitschrift MOTORRAD und meine Frau Susanne, stöberten nach Urlaubsende gleich in promobil, die im gleichen Verlag erscheint. Es kamen gleich Fragen auf nach Größe/Länge, Aufbau und Ausstattung. Schnell war klar dass es ein Bus sein sollte mit maximal sechs Metern Länge.

Aber wie wohnt es sich überhaupt auf wenigen Quadratmetern? Funktioniert die Heizung ausreichend oder wie ist das mit dem Schlafen? Also am besten erstmal ausprobieren. Da kam das Angebot der Kollegen von promobil gerade recht. Es war mittlerweile zwar Dezember und in hiesigen Gefilden nicht gerade bestes Campingwetter, aber meine Frau und ich dachten uns, vielleicht ist gerade das die richtige Zeit, um einen ersten Eindruck zu bekommen. Also gleich zusagen. Zumal der Hymer-Car mit seiner Größe und Ausstattung unserem Favoriten (der hier nicht verraten wird) ziemlich nahe kam.

Hymercar Grand Canyon S (2019) Foto: Ingolf Pompe
Spezielles Merkmal des Grand Canyon S: Die Heckverbreiterung, die Platz fürs Querbett schafft.

Schnell war klar, wohin die Reise gehen sollte. Wieder mal ins Ostallgäu nach Kaufbeuren. Da Camping für uns bis jetzt überhaupt kein Thema war und wir somit komplette Neueinsteiger waren, sind wir eigentlich ohne jegliche Vorkenntnisse in dieses kleine Abenteuer gestartet. Bei der Einweisung war zwar alles soweit klar, in der Praxis tauchte dann aber doch die eine oder andere Frage auf. Doch erstmal füllten wir zuhause Frischwasser auf und statteten den Bus mit dem Nötigsten aus, mit all dem, was man für drei Tage und zwei Nächte braucht.

Wettertechnisch hatten wir uns wahrscheinlich das schlechteste Wochenende ausgesucht. Sturm, nein, ich würde es Orkan nennen. Wir waren vor allem auf die Nächte gespannt, da wir beide sowieso schlechte Schläfer sind.

Schon nach den ersten Metern war klar: Dieser Campervan auf Sprinter-Basis fährt sich trotz Transportergröße fast wie ein Pkw. Überraschende Erkenntnis: Mit 100 km/h auf der rechten Spur mitschwimmen ist sehr viel entspannender, als im Pkw mit derselben Geschwindigkeit einem „Schleicher“ auf der linken Spur zu folgen. Dazu im Cockpit eine gute Übersicht, viel Platz und bequeme Sitze. An die Automatik muss man sich kurz gewöhnen, erweist sich dann aber schnell als Vorteil und beschleunigt den Wagen mit seinen 163 PS flott.

Erste Vorstellung: Hymer-Car Grand Canyon S 16:34 Min.

Die Federung ist komfortabel, das Fahrzeug bleibt jederzeit stabil und man genießt die erhöhte Sitzposition. Zum Schmunzeln brachte uns das Infotainmentsystem „MBUX“, das dank Sprachsteuerung sogar auf Fragen antwortet. Unterwegs zeigt sich schnell der Vorteil einer „fahrenden Wohnung“. Kurz einen Parkplatz ansteuern, ohne auszusteigen die Toilette aufsuchen und weiter geht es. Übrigens tat die Dieselheizung im Innenraum bereits ihre Dienste. Nur für das Warmwasser benötigen wir erstmals das Handbuch, stellten dann aber fest, dass der Boiler einfach mehr Zeit braucht.

Erstes Ziel ist der Stellplatz an der Therme in Bad Wörishofen. Nach dem „Einchecken“ sind wir überrascht, wie viele wohl die gleiche Idee haben, eine Wochenendtour mit einem Thermenbesuch zu verbinden. Trotzdem ist in der ohnehin günstigen Stellplatzgebühr eine kleine Ermäßigung für den Eintritt inbegriffen. Die Ladestation für den Strom ist schnell gefunden, der Anschluss dank der tollen Einweisung problemlos. So werden die Batterien übers Wochenende sicherheitshalber fast durchgehend geladen.

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Schlaftest verlief unruhig

Dann die erste Nacht. Sofort ist klar, das Bett ist viel zu hoch, keine Aufstiegshilfe vorhanden und beim nächtlichen Aufstehen ohne Erfahrung macht man (bisweilen leicht schmerzhafte) Bekanntschaft mit den Oberschränken.

Hymercar Grand Canyon S (2019) Foto: Matthias Ackermann
Kürzer dürfte es nicht sein: Matthias Ackermann passt mit 1,85 Metern Größe ganz genau ins Bett.

Wer nachts öfters raus muss, sollte bei einem Querbett auch eher vorne liegen. Sportlich sollte man auf jeden Fall sein. Für meine 1,85 ist das Bett gerade so ausreichend lang, in der Breite dürften es doch ein paar Zentimeter mehr sein. Die Matratze empfinden wir trotz der Tellerfedern etwas hart – bei einem Bus-Kauf würden wir wahrscheinlich nach einer Alternative suchen. Durch den Orkan und heftigen Regen ist die Nachtruhe empfindlich gestört und ein abschließendes Urteil zum Thema „Schlafen“ können wir uns nicht bilden.

Da wir am nächsten Tag einen ausgiebigen Thermenbesuch geplant haben, fällt die Morgenwäsche bzw. -dusche aus. So benutzen wir die klein geratene kleine Nasszelle lediglich zum Zähneputzen und Händewaschen. Hier macht vor allem das klappbare Waschbecken einen billigen Eindruck auf uns. Die Küchenzeile benutzen wir nur zum Wasserkochen, was mit dem Gasherd für unsere Begriffe recht lange dauert.

Hymercar Grand Canyon S (2019) Foto: Matthias Ackermann
Mit fast 6 Metern Länge passt der Hymer-Car nur fast auf alle Pkw-Parkplätze.

Nach unserem Thermenbesuch genießen wir die Nähe zum Stellplatz, der ja nur ein paar Schritte entfernt ist. Mit der gespeicherten Hitze der Sauna kommen wir in einen angenehm temperierten Bus. Leider erwartet uns dann eine ähnliche Nacht wie die erste. Den Bus haben wir mittlerweile umgeparkt, um ihn vor evtl. herunterfallenden Ästen zu schützen.

Am nächsten Morgen wird es wieder spannend: Der erste Besuch einer Service-Station. Wie war das genau mit der WC-Kassette? Aber auch diese Hürde erweist sich als problemlos. Zumal es auch noch andere hilfs- und auskunftsbereite Wohnmobiltouristen gibt. Frischwasser haben wir noch genug und die Leerung bzw. das Ablassen des Brauchwassers geht zügig und einfacher als gedacht.

Hymer-Car und Knaus im Vergleichstest
Knaus Box-Star Road 540 gegen Hymer-Car Ayers Rock

>>> Test 2: Camping im Schnee

Hymercar Grand Canyon S (2019) Foto: Ingolf Pompe
Testerin 2: Sophia Pfisterer, Reisemobil-Redakteurin

Eine Wintertour im Campingbus? Ob das möglich ist? In Zweierbesatzung und bei winterlichen Bedingungen teste ich den Grand Canyon S zwischen den Jahren bei Temperaturen unter Null Grad und muss feststellen: Ja! Mit kleinen Einschränkungen bietet der Campingbus genauso viel Komfort wie ein aufgebautes Wohnmobil.

Und wo könnte man einen Wintertest besser stattfinden lassen als in den Bergen? Es muss ja nicht immer gleich alpin zugehen. Die Wintersaison in diesem Jahr hat’s in sich und auch in Hessen am Hoherodskopf schneit es wie verrückt, als wir ankommen. Die Straßen sind zum Glück geräumt. Auf dem Parkplatz angekommen gleiten wir mit dem Sprinter langam, vorsichtig und ohne zu rutschen auf unseren Stellplatz.

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Der zweithöchste Gipfel des Vogelsbergs ist perfekt für Wanderungen und bietet rasante Rodelbahnen, was vor allem den Kindern unserer Freunde gefällt, mit denen wir uns dort verabredet haben. Die Familien kommen in der dortigen Jugendherberge unter und können es kaum glauben: „Ihr wollt im Bus übernachten? Ist das nicht viel zu kalt?“

Ist es nicht. Die Heizung im Grand Canyon S bollert fein durch. Das Angebot, dass wir mitten in der Nacht zu den Kindern ins Stockbett krabbeln dürfen, können wir getrost ausschlagen. Stockbettartig ist nur der Aufstieg auf die etwas zu hoch angebrachte Liegefläche – wie Kollege Ackermann vermisse ich (1,58 m groß) eine Trittstufe.

Die gemütliche Nacht entschädigt dafür. Draußen gefriert der Schnee an den Bäumen, doch im Bett zieht selbst an den Hecktüren keine Kälte ins Innere. Besonderes Schmankerl: Eine kleine Heizluftdüse am Matratzenende bläst richtig viel Warmluft genau an die Füße.

Wasserverlust – Frust wegen Frost

Dann jedoch ein jähes Erwachen. Am nächsten Morgen stellen wir enttäuscht fest: Der Forstwächter am Boiler hat wirklich gute Dienste geleistet und über Nacht das gesamte Frischwasser abgelassen, obwohl die Heizung wie angeordnet 16 Grad Innentemperatur lieferte. Vor der Abfahrt in Stuttgart (bei 8 Grad Außentemperatur) hatten wir extra vor dem Befüllen der Wassertanks das Fahrzeug eingeheizt, damit das nicht passiert. Doch als am Hoherodskopf die Temperaturen nachts unter Null fallen, stellt sich heraus, dass die Wasseranlage wohl doch nicht ausreichend frostgeschützt ist.

Hymercar Grand Canyon S (2019) Foto: Ingolf Pompe
Klappt: Das Waschbecken wird hochgeklappt, um sich auf die Toilette zu setzen.

Der Dusch-Test im Bus muss ausfallen. Gut, dass wir uns in der Jugendherberge waschen dürfen. Auch das Klappwaschbecken im Bad und die Toilette können wir so nur am ersten Abend ausprobieren: Beides macht einen brauchbaren ersten Eindruck. Praktisch finde ich die vielen offenen Ablageflächen, auf denen man mit Spanngummis Duschgel, Haarbürste & Co. befestigen kann. Noch ein Plus: Im Bad lassen sich sogar die nassen Winterklamotten auf einem herunterklappbaren Bügel gut trocknen.

Zufrieden bin ich auch mit Stau- und Wohnraum. Anders als erwartet bietet der Sprinter-Ausbau genügend Platz für alle Klamotten und Dinge, die wir dabeihaben. Sogar für mein dickes E-Bike ist im Hymer-Car genug Platz, das ich nach der Tour damit zur Fahrradwerkstatt bringe. Clever finde ich auch die Gurte, an denen ein Campingtisch und zwei Campingstühle platzsparend verzurrt und verräumt werden.

Besonders toll am Raumgefühl innen finde ich, dass die Sichtachse über dem wirklich sehr großen Kühlschrank nicht komplett verbaut ist und man so vom Bett bis nach vorn ins Fahrerhaus blicken kann. Und noch etwas stellt sich als vorteilhaft für die Bewegungsfreiheit heraus. Weil es im Grand Canyon S über den Vordersitzen – anders als in vielen anderen Campingbussen – keinen Stauschrank gibt, ist der Durchstieg vom Cockpit in den Wohnraum (und umgekehrt) viel bequemer. In anderen Modellen bringe ich es trotz kompakter Körpergröße immer wieder fertig, mir den Kopf an diesem Staufach anzuschlagen. Vermisst haben wir das Fach tatsächlich nicht.

Hymercar Grand Canyon S (2019) Foto: Ingolf Pompe
Helle Farben, abgedrundete Ecken: Das Design ist modern.

Reine Geschmackssache: Das Interieur-Design ist hell, modern und klar – so mag ich das. Dazu gehören auch die abgerundeten Ecken am Küchenblock. Praktisch für kleine Tee- und Kaffeekoch-Einheiten zwischendurch: Die erweiterbare Arbeitsfläche neben dem Zweiflammkocher. Insgesamt sagen mir Anmutung und Verarbeitung der Möbel zu. Einen kleinen Punktabzug gibt's für eine kleine raue Kante im Bad. Danach habe ich aber zugegebenermaßen auch länger gesucht.

Nach der zweiten Nacht gibt's einen weiteren Punktabzug: Um die Gasflasche umzustöpseln, muss man hinten beide Heckklappen öffnen, um an den Gasdruckregler zu kommen. Als ich mit Umschrauben fertig bin, ist die gesamte Wärme aus dem Fahrzeug gewichen. Zum Glück geht's jetzt wieder in etwas wärmere Gefilde.

Outlets mit Stellplätzen Wohnmobil-Ausflug zu Outlet-Zentren 14 Stellplatz-Tipps fürs Shopping-Fieber

Nach den Tagen in den Bergen nehmen wir Kurs Richtung Zivilisation. Kurzer Zwischenstopp: Outlet-Center Wertheim. Hier passt der Sprinter nicht auf die Pkw-Parkplätze. Zu viel Überhang bleibt bei diesem fast 6 Meter langen Bus, sodass sich die Parkplatzsuche etwas dahinzieht und wir letztendlich zwei Plätze hintereinander blockieren müssen. Trost spendet das Wissen, dass wir immerhin genügend Stauraum für Schnäppchen haben.

Nach der Shoppingtour geht‘s zum eigentlichen Ziel Nummer zwei: Die Therme in Sinsheim. Hier heißt es: Entspannung nach der Einkaufstour. Diesmal nehmen die großzügigen Pkw-Plätze vor dem Eingang den Hymercar problemlos auf.

Im beheizten Außenbecken des Erlebnisbades kann man auch bei klirrender Kälte gemütlich seine Runden drehen – und einen Drink an der Poolbar schlürfen. Ich überlege kurz: Es gibt keine ausgeschilderten Stellplätze an der Therme, wir müssen nach dem Thermenbesuch noch fünf Minuten weiterfahren zum Stellplatz. Riskiere ich es mit einem Drink zu fahren? Nein. Risikieren wir es, illegal auf dem Parkplatz zu übernachten? Der schwarzlackierte Bus ist recht unauffällig und erst auf den zweiten oder dritten Blick als Wohnmobil erkennbar. Die getönten Scheiben tun ihr übriges… nochmal Nein. Ein alkoholfreies Weizen, bitte.

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Entspanntes Fahren mit Sprinter-Technik

Am nächsten Tag fahren wir relaxed zurück – bis auf die Windgeräusche (?) vom Dachfenster über der Sitzgruppe stört hier nichts den Fahrkomfort. Dank Abstandshalter und Tempomat kann ich auch bei viel Verkehr rund um Stuttgart immer locker bleiben.

Hymercar Grand Canyon S (2019) Foto: Ingolf Pompe
Auf einem großen Display in der Mittelkonsole zeigt MBUX die Route an.

Auf mein Kommando „Hey, Mercedes“ sucht mir die Sprachsteuerung MBUX den richtigen Radiosender, verrät mir, wo die nächste Tankstelle oder der nächste Supermarkt sind oder wieviel Kilometer ich noch fahren kann. Zwei Einschränkungen: Ob der Dieselvorrat bis zum nächsten Ziel reicht, kann sie nicht berechnen. Und auf die Frage, wie sie Alexa und Siri findet, reagiert sie humorlos: „Wie kann ich Ihnen helfen?“.

Apropos Assistenzsysteme. Als ich meinen Lieblings-Co-Piloten (beim Campen und auch sonst) auf dem Rückweg ans Steuer lasse, hole ich mir eine zweite Meinung ein: „Und? Wie fährt sich’s?“ Er: „Langweilig.“ Ich: „Dann schalte die Assistenten aus.“ Er: „Zu faul.“ Vielleicht war das doch ein bisschen zu viel Entspannung.

>>> Test 3: Alltags-Qualitäten

Hymercar Grand Canyon S (2019) Foto: Ingolf Pompe
Tester 3: Thomas Gerhardt, Auto-Profi

Im Gegensatz zu den Kollegen nutzte ich den Hymer Grand Canyon S in seiner Redaktions-Anwesenheit nicht zum Camping, sondern als Einkaufs- und Transportmobil. Warum das einen Bericht Wert ist? Nun, seinen Besitzern bietet der Campingbus zwar nicht ganz die Erstwagenqualitäten der kleineren Aufstelldachmodelle VW California oder Mercedes Marco Polo. Als Zweitwagen ist er aber ideal.

Ich selbst könnte mir nichts besseres vorstellen, als ein Fahrzeug seiner Art und Größe zuhause neben einen Klein- oder Kompaktwagen – eventuell sogar mit Elektroantrieb und/oder Cabrioverdeck – zu stellen. Fürs tägliche Kurzstrecken-Pendeln den Kleinen, für entspannende Wochenendausflüge in die Natur und gelegentlich anfallende Transportaufgaben den Großen. Zack, fertig ist der perfekte Privat-Fuhrpark.

An einem Samstag im Dezember soll der Hymer mir beim Entrümpeln, im Anschluss als Möbeltransporter zur Seite stehen. Ein paar Kisten mit Altpapier, ausgedörrte Grünabfälle und etwas Schrott müssen unbedingt zum Recyclinghof und für den Weg dorthin zunächst in den Heckstauraum des Grand Canyon S. Das Raumangebot zwischen den beiden Seitenkästen unter dem Bett ist vielversprechend und das Auge vermittelt: da bekommst du den Kram locker hinein. Zwei Mal fahren? Ach was.

Da es unter dem quer eingebauten Bett für zwei Sperrholzplatten aber zu eng wird, klappt der lattenberostete Mittelteil ganz einfach nach oben weg und bleibt dank der beiden anklippbaren Stoffriemen mit den seitlichen Hängeschränken verbunden und somit sicher in der Senkrecht-Position. Jetzt ist Platz bis unters Dach. Oder zumindest bis unter den Hängeschrank hinter den beiden Hecktüren der Sprinter-Basis.

Hymercar Grand Canyon S (2019) Foto: Ingolf Pompe
Zwischen Ladefläche und Wohnraum gibt's keine Absperrung. Gepäck - wie dieser Koffer hier im Bild - muss extra gesichert werden auf der Fahrt.

Da der Heckstauraum aber auch in Richtung des Wohnraums offen ist und dem Hymercar eine Abtrennung fehlt, verlangt die Ladungssicherung nach erhöhtem Aufwand. (Zwar gibt es bei Hymer eine Laderaumabtrennung als Sonderausstattung für 90 Euro, diese war im Testwagen allerdings nicht dabei.)

Immerhin verfügt der Testwagen über zwei, in den Seitenkästen knapp über dem Boden eingefasste Schienen für Transportösen. Um die Ladung geführte Gurte können hier eingefädelt werden und das Transportgut somit bei Bremsmanövern davon abhalten nach vorne zu rutschen. Verpflichtend im Sinne der Sicherheit. Aber auch zeitfressend. Hinzu kommt, dass ich beim Beladen äußerst vorsichtig vorgehe, um den schicken Fußboden und die Holzdekore des Ausbaus nicht zu beschädigen. Und so dauert es eine knappe Stunde bis sich der beladene Hymer und ich die Fahrt zum Wertstoffhof antreten.

Die zweite Tagesetappe führt zu einer sehr bekannten schwedischen Möbelkette, die an Samstagen natürlich am besten besucht ist. Mit seinen knapp 2,80 Metern Höhe ist die Tiefgarage vor Ort – und auch die meisten anderen mit gängiger Etagenhöhe sowie auf zwei Meter begrenzten Einfahrtshöhe – für den Hymer tabu. Es geht also auf der Freiluftfläche auf die Suche nach einer geeigneten Parkmöglichkeit. Die hohe Sitzposition hilft, aus der Ferne eine der, an diesem Tag raren Parkbuchten zu entdecken. Die sind in der Größe natürlich für Pkws ausgelegt. Für den knapp über zwei Meter breiten und knapp sechs Meter langen Campingbus reicht es aber auch. Dank der guten Übersicht nach vorne ist er leicht hineinmanövriert. Das Heck ragt am Ende etwas über die seitliche Begrenzung hinaus. Nicht schlimm, es sind nur wenige Zentimeter.

Nach dem Einkauf sollen ein Zweisitzer-Sofa, kleinere, noch verpackte Regale sowie einige Wohnaccesoires und Küchenutensilien in den Hymer. Ersteres kommt fest verzurrt in den Heckstauraum, letztere in die Schubladen des Küchenblocks. Wohin aber mit den Regalen und weiteren Dingen (Lampen, Bilderrahmen, Aufbewahrungskisten usw.)? In den Hängeschränken ist dafür zu wenig Platz und ein größerer Kleiderschrank oder größere Staufächer, die sich dafür zweckentfremden ließen fehlen dem Hymer. Am Ende muss das, mit einer Tür verschließbare Bad als eine Art Transportbox herhalten. Mit Erfolg: Alle Gegenstände kommen sicher und heil zu Hause an.

Entspannter Dieselantrieb

Hymercar Grand Canyon S (2019) Foto: Ingolf Pompe
Klappert und ist im Weg: Die Verdunklung am Fahrersitz.

Da der Tag noch etwas Zeit und Sonnenstrahlen bereithält, geht es zum Abschluss auf Kaffeefahrt. Perfekt, um die fahrerischen Qualitäten des Hymercar in aller Ruhe zu erforschen. Der Grand Canyon S basiert auf dem 2018 neu eingeführten Mercedes Sprinter, wobei die mittlerweile dritte Transporter-Generation nach wie vor mit den Motoren des Vorgängers unterwegs ist. Der Testwagen ist mit dem 163 PS starken 2,1-Liter-Diesel ausgestattet, der laut Datenblatt nun Euro-6c erfüllt und seine Kraft über die optionale Siebengang-Automatik an die Hinterräder schickt. Daimler gab neulich sogar bekannt, dass der neue Sprinter mit Wohnmobil-Zulassung sogar der neuesten Abgasnorm VI-D entspricht.

Die Antriebs-Kombination harmoniert gut. Ist der Grand Canyon S erst einmal in Bewegung schaltet das Getriebe früh hoch und schickt den Motor in niedrige Drehzahlen. Dann segelt man quasi über den Asphalt. Perfekt für gemütliches Cruisen. Von den Gangwechseln bekommt man so gut wie nichts mit. Außer vielleicht beim Herausbeschleunigen aus engen Kurven, wenn der Motor vom leisen Brummen rasch ins Knurrige wechselt, merkst du, dass das Getriebe arbeitet und dir die passende Drehzahl serviert.

Was du gleich merkst: Innen haben sie dem Sprinter eine gehörige Portion Premium verpasst. Unter anderem mit dem neuen MBUX, dem sprachgesteuerten Infotainmentsystem, das mit „Hey, Mercedes!“ angesprochen werden will und anschließend allerlei Sprachbefehle entgegen nimmt. Die Aufforderung, mich zum nächstgelegenen Anbieter koffeinhaltiger Heißgetränke zu führen, wird nicht gerade eilig umgesetzt. Nach anfänglichen Kommunikationsschwierigkeiten serviert mit der Mercedes immerhin einige Restaurant-Vorschläge. Bis die Route endgültig feststeht, vergehen ein paar Minuten. Und da meinerseits dafür doch einige Blicke auf den gestochen scharfen Touchscreen nötig sind, fahre ich lieber kurz rechts ran. Das habe ich mir anders vorgestellt. Vielleicht mit etwas Übung...

Hymercar Grand Canyon S (2019) Foto: Ingolf Pompe
"Hey, Mercedes" - Redakteur Thomas Gerhardt und das MBUX-System haben ein paar kleinere Verständigungsprobleme.

Auf dem Weg zurück nach Hause harmonieren Mensch und Maschine besser. Sowohl das Ziel, als auch den gewünschten Radiosender stellt das System nach meiner Aufforderung dieses Mal zuverlässig ein. Na also, geht doch. Was für mich allerdings gar nicht geht, ist der Spurhalte-Assistent (Option). Der arbeitet nicht etwa über Lenk-, sondern über Bremseingriffe – also mithilfe des ESP. Verlässt man unbeabsichtigt die Spur, haut der Mercedes auf der betroffenen Seite die Bremse rein um zwischen den Seitenmarkierungen zu bleiben. Das geschieht teilweise derart abrupt und überraschend, dass mir vor allem bei höherem Tempo recht unwohl wird.

Ansonsten bin ich mit der Art und Weise, wie mich der Mercedes an mein Ziel bringt, aber zufrieden. Als störende Kleinigkeit sei noch die Kunsstoffblende der Faltrollos an den Seitenscheiben erwähnt, die mich während der Fahrt daran hindert, meinen Arm lässig auf der Türverkleidung abzulegen. Außerdem nerven sie bei Standgas mit Klappergeräuschen.

Zuhause angekommen, werfe ich noch einen Blick auf die Preisliste. Ab 56.990 Euro geht es los. Kalkulieren wir noch ein paar Extras mit ein und rechnen etwa 20.000 Euro für einen Klein- oder Kompaktwagen hinzu, dürfte mich mein perfekter Fuhrpark in etwa 100.000 Euro kosten. Fuhrpark, wohlgemerkt.

Mercedes Sprinter 4x4 Fahrtest
Mit Allrad über das verschneite Timmelsjoch

Daten und Preise

Basisfahrzeug: Mercedes Sprinter, Hinterradantrieb, ab 115 PS, Testwagen: 163 PS
Länge/Breite/Höhe: 5,93/2,03/2,76 Meter
Grundpreis: 56.990 Euro

Stehhöhe: 1,92 Meter
Sitz-/Schlafplätze: 4/2 (optional 4 Schlafplätze mit Aufstelldach)
Bettenmaße: 1,95 x 0,90/1,30 m

Bordtechnik: Gebläseheizung mit 4000 Watt, 100-Liter-Frischwassertank, 85-Liter-Abwassertank, Bordbatterie 95 Ah, Gasflaschen 5+11 L.

Vor- und Nachteile des Hymercar Grand Canyon S

Vorteile:

 gute Motorleistung
 sehr gute Heizleistung und Dämmung
 viele Steckdosen
 Automatik
 modernes Infotainmentsystem „MBUX“
 moderne Fahrassistenten
 gute Stehhöhe
 großer 90-Liter-Kühlschrank
 einfach verständliche Anzeige für Wasser/Strom etc.
 Verarbeitung im Möbelausbau

Hymercar Grand Canyon S (2019) Foto: Ingolf Pompe
Fazit der Tester: Überwiegend zeigen die Daumen hoch, einer bleibt in der Mitte.

Nachteile:

 Polster auf Rücksitzbank verrutscht beim Sitzen
 kleine Nasszelle
 manche Verdunklung und Dachfenster klappern bei der Fahrt
 Bett zu hoch, keine Aufstiegshilfe
 Matratze etwas hart
 Stauraum-Übergang Wohnraum/Heck offen
 Sitzgruppen-Tisch ausgeklappt instabil
 Querbett etwas schmal
 Badtür öffnet sich bei Fahrt leicht
 Arretierung des Klappwaschbeckens etwas ungewöhnlich

Fazit

Matthias Ackermann: Trotz widriger Wetterumstände hat das Wochenende mit dem Grand Canyon insgesamt Spaß gemacht. Allerdings wurde die Freude durch das zu hohe und kleine Bett und das beengte Bad getrübt. Fazit: Sprinter als Basis super, Ausbau verbesserungsfähig. Wenn das Gesamtpaket stimmt, könnte ich mir vorstellen wieder mal mit dem Hymer unterwegs zu sein.

Sophia Pfisterer: Wintercamping ist auf jeden Fall ohne Gefrierbrand im Hymercar möglich, nur bei Temperaturen unter Null hat uns der Frostwächter einen Strich durch die Rechnung gemacht. Für zwei Personen ist genügend Stauraum an Bord, auch sonst fühlt es sich alles andere als beengt an in diesem Bus. Der Grand Canyon ist ein Fahrzeug für Busfahrer, die Komfort schätzen!

Thomas Gerhardt: Mich haben bei diesem Test vor allem die Alltags- und Antriebsqualitäten des Hymer Grand Canyon S interessiert. Seinen Einsatz als Transportfahrzeug hat der Campingbus nicht perfekt, aber insgesamt gut gemeistert. Wie die Vorgänger-Generation überzeugt das Basisfahrzeug – der 2018 erneuerte Mercedes Sprinter – bei Antrieb und Fahrkomfort. Technik-Komponenten, wie das MBUX-Infotainmentsystem und diverse Assistenzsysteme machen aus dem Transporter gefühlt einen modernen Pkw, haben bei der Bedienung aber noch ihre Tücken.

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