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Vom Mordversuch zum Lieblings-Wohnmobil

Hmyer 900 - ein Oldtimer namens Christine

Mobile Menschen: Hymer 900 Foto: Kai Uwe Knot 15 Bilder

Andreas Jaeger wollte schon die Anzahlung sausen lassen, die er für das schaurige Wohnmobil-Wrack geleistet hatte. Doch er stand zu seinem Wort – und seine „Christine“ heute zu ihm. Obwohl sie ihn beinahe umgebracht hätte …

„Man könnte wirklich ein Buch über die letzten vier Jahre schreiben“, meint Andreas Jaeger, den seine Freunde nur Alf nennen, lakonisch. Er fand mit einem James Cook und später mit einem Hymer 750 zum genussvollen Camperleben: „Und trotzdem hat es mir schon immer der 900er angetan, nicht nur wegen der schieren Größe. Ich fand den schon damals richtig cool, als in den späten 90ern ein Video von Thomas D. von den Fantastischen Vier mit seinem eigenen 900er in Dauerschleife lief. Das hatte Stil. Ein echter Klassiker eben.“

Mobile Menschen: Hymer 900 Foto: Kai Uwe Knot
Das Fahrgefühl ist tiefenentspannt, der Sechsender schöpft überschaubare 130 PS aus 5,6 Litern Hubraum, kommt aber mit 16 bis 17 Litern aus.

Mit einem sehr süßen Klassiker begann auch die Beziehung zwischen dem gelernten Koch und dem großen Hymer von 1980: „Immer am späten Donnerstagabend stand Apfelkuchen auf dem Programm“, erinnert sich Alf, der zu jener Zeit eine Menge Kuchen für sein Café zu backen hatte. „Und immer wenn die Bleche im Ofen klemmten, hatte ich Zeit für meine Mails. Und eben dieses Inserat im Internet.“ Ein waschechter 900er, in Rohrrahmen-Bauweise, 8,8 Meter lang und 2,5 breit, in einem lange nicht gewaschenen Zustand elektrisierte ihn sofort. „Ich hatte eine Suchfunktion eingestellt, die klickte auf einmal hoch. Ein 900er! Einer von nicht einmal 30 je gebauten!“ Noch heute glänzen seine Augen. Denn: Er war allen, wirklich allen voraus. „Mitten in der Nacht war das, kurz nach zwei. Und trotzdem hab ich angerufen – und blind zugeschlagen.“

Vom Oldtimer-Wrack zum Namen Christine

Was dann folgte, das war die klassische Odyssee des Oldiegrauens: Bei der Besichtigung kam der Kater, dem der Fluchtreflex folgte: „Ich wollte schon auf die Anzahlung pfeifen – stand dann aber doch zu meinem Wort.“ Obwohl das Wrack hinter Bergen von Gerümpel parkte, die Ausstattung zerlegt in Fragmente – und das Ganze auch noch knifflig zu transportieren. „Ohne einen Spezialtransporter ging nichts.“

Mobile Menschen: Hymer 900 Foto: Andreas Jaeger
Es ging nur per Spezialtransport: „Ich wollte schon auf die Anzahlung pfeifen – stand dann aber doch zu meinem Wort.“

Alf denkt noch heute nervös an die Fahrt – doch schließlich stand der ausgebeinte Aufbau, vollgestopft mit allen auffindbaren Teilen, in Alfs Halle. Und er, nach dem Entrümpeln, stand hinterm Auto: „Ich hatte alles ausgeladen, um mir mal einen Überblick zu verschaffen, und mir dann einen Kaffee gemacht. Vorher hatte ich noch den Sechszylinder gestartet, der brauchte nur frischen Sprit und eine Batterie – ich wollte den mal warm werden lassen, um rangieren zu können.“ Was Alf nicht kannte, das war das Geheimnis einer Druckluftbremse, die nach Jahren des Stillstands besser funktionierte als das Automatikgetriebe. Denn weil fatalerweise ein Gang reingerutscht war, spurtete der Hymer plötzlich los.

„Ich musste zur Seite hechten, sprang aber sofort ins Auto, riss die Bremse an – und hatte plötzlich acht Meter lange Bremsfurchen im Hof.“ Knapp vor einem Baum kam er zum Stehen. „Es gab doch 1983 diesen Film mit dem mordenden Plymouth Fury namens Christine – ab dem Moment hieß der 900er eben auch so.“ Namensgebung mit kaltem Schweiß auf der Stirn? Warum nicht!

Hymer-Car Oldtimer
Cooler Kultcamper mit Stil

Ein Wohnmobil mit Charakter

Christine hat aber mehr als nur einen Namen, sie hat auch eine Geschichte. Und die beginnt Ende der 1970er Jahre, als man in Bad Waldsee anfängt, über den großen Teich zu schielen. „Gerüchten zufolge hat Erwin Hymer ein Apollo-Wohnmobil oder einen Winnebago Chieftain aus den USA geholt und ungefähr nachgebaut. Mit allem, was eine Eigentumswohnung eben braucht“, meint Alf schmunzelnd, während er zum Rundgang lädt, jedoch bestimmt auf die Überziehschuhe verweist. Denn das Innere ist makellos sauber, wenn auch nicht mehr vollständig im Originalzustand.

Mobile Menschen: Hymer 900 Foto: Kai Uwe Knot
Der Holzofen wäre im Prinzip funktionsfähig, macht’s aber vor allem optisch heimelig. Wenn es drauf ankommt, heizt ein Dieselbrenner mit 6000 Watt ordentlich ein.

„Das Auto hatte ein halbes Dutzend Vorbesitzer, die unter anderem eine Zweitwohnung draus machen wollten und die Möbel zersägten“, schaudert Alf, dem es mit einem guten Freund immerhin gelang, einen Großteil der Einbauten zu rekonstruieren. Als Spender diente ein Hymer 750. Grundlegend verändert wurde der Heckbereich. „Der war total zerstört.“ Ein neues Bad und ein 2,0 mal 2,0 Meter großes Bett, das höher gelegt wurde, damit eine Quadgarage drunter passt, hielten Einzug. Drinnen verströmt der 900er noch immer den plüschigen Charme der frühen 80er Jahre, als man mindestens 175.000 Mark lockermachen musste für den 130 PS starken Camper mit Automatikgetriebe und dem puren Reiseluxus jener Zeit.

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„Die vergleichsweise geringe Leistung des Sechszylinders war mit ein Grund, warum sich der 900er in den USA, und für die Staaten war er ja gedacht, nicht verkaufte. Und ein Diesel war damals für die Amis ein Unding, auch wenn sie mit der Innenaufteilung und dem Ambiente wohl einverstanden gewesen wären“, meint Alf. Er räkelt sich derweil lässig in der Sitzgruppe, die direkt hinter dem Vordergestühl anschließt und aus einem Spenderfahrzeug stammt. „Die Bar allerdings ist original“, betont er und wedelt quer durch den Raum. „Der ebenfalls originale Röhrenfernseher allerdings, der existiert leider nicht mehr.“ Seine auf Details zeigenden Arme kann er hier frei bewegen, das Raumgefühl erinnert an eine Kathedrale.

Nur rollt die eben – und wie!

Beim Kauf Ende 2014 hatte Christine 156.000 Kilometer auf der Uhr. Während der Restaurierung kamen einige hinzu, seit der Wiedererweckung deutlich mehr, aktuell sind es 186.000. „Ich fahre wenigstens einmal im Jahr nach Portugal, für mich das schönste Land der Welt!“ Für die Fahrt von Wilhelmshaven, wo Alf das Strandcafé Fährhaus betreibt, gehen stets ein paar Tage drauf.

Mobile Menschen: Hymer 900 Foto: Kai Uwe Knot
Blind in der Nacht gekauft – und dann noch ein Mordversuch! Doch Alf und seine Christine sind längst versöhnt – und ganzjährig unterwegs.

„Ich lass es eben rollen, mehr als Tempo 100 oder 105 müssen nicht sein, auch wenn mehr drin wäre“, sinniert er, während der 900er stoisch seine Bahn durchs Land zieht, untermalt vom sonoren Brummeln des Motors, dessen Kraft von einer Fünfgang-Automatik an die beiden hinteren Zwillingsräder versandt wird. Und doch ist der Hymer trotz seiner 2,5 Breitenmeter überraschend wendig, was Alf, der in engen Ecken auf Millimeter zirkelt, voll ausnutzt.

Man merkt, dass er viel unterwegs ist, dass er dieses Auto liebt. „Natürlich habe ich ein Zuhause. Und doch zieht es mich immer wieder hinters Lenkrad, auch wenn ich erst übers Sofa klettern muss. Aber das hab ich ihr nie krumm genommen. Und den kleinen Mordversuch hab ich ihr auch längst verziehen“, meint Alf, während er liebevoll über die Flanke streichelt. Und hier gibt es viel zu streicheln. „Da könnte man glatt ein Buch drüber schreiben …!“

Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
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