Gut 120 wild campenden Wohnmobile oder Campingbusse in einer einzigen Nacht: So viele zählte die Gemeinde Obergoms am Furka-Pass an einem Tag im Sommer 2025. Das Problem Wildcamping erfasst mittlerweile auch die Kommunen im Schweizer Kanton Wallis. Obergoms will es mit einem kreativen und kommunikativen Ansatz lösen. Für diese Sommersaison möchte die Gemeinde einen Ranger einstellen. Nicht um die Wildcamper zu strafen oder zu verjagen, sondern um mit ihnen zu reden und ihnen passende und legale Stellplätze aufzuzeigen.
Wer in den vergangenen Jahren im Sommer gegen Abend über den Furkapass gefahren ist, kennt das Bild vielleicht: Wohnmobile und Campervans parken am Straßenrand, in Parkbuchten oder auf Bergwiesen. "Sie stellen sich an verschiedenste Orte, teilweise auch an Bergstrassen oder Hauptstrassen", beschreibt Gemeinderätin Daniela Imwinkelried die Situation. Sie erlebt seit Jahren, wie die Alpenpässe und Teilorte von Obergoms in Sommernächten zu inoffiziellen Campingplätzen werden. Mit Folgen: Müll bleibt liegen, Wildruhezonen werden gestört, Fahrzeuge blockieren unübersichtliche Zufahrten. So werden wild stehende Wohnmobile nicht nur zum Problem für Umwelt und Bevölkerung, sondern auch für die Verkehrssicherheit.

Das Hotel Belvedere liegt zwar nicht auf der Passhöhe, es ist aber vermutlich die berühmtestes Stelle des Furkapasses. Auch die Jagd nach einem Foto mit dem Gebäude macht die Alpenstraße in der Schweizer Gemeinde Obergoms zum beliebten Ziel von Campern.
Wildcampen sei in der gesamten Region ein wachsendes Thema, so Imwinkelried. Die Gemeinde Obergoms sei davon jedoch stärker betroffen als die Nachbargemeinden. "Bei uns ist das ausgeprägter, weil wir mehrere bekannte Alpenpässe im Gemeindegebiet haben", erklärt sie. Nicht nur für Reisende im Wohnmobil zählen Furka, Grimsel und Nufenen zu den schönsten Alpenpass-Routen überhaupt. Die Wildcamper kommen aus der ganzen Welt und der Region: Sogar Walliser, die unten im Tal leben, würden oben oben übernachten und dann wieder herunterfahren.
Wildcamping in der Schweiz – unübersichtliche Rechtslage
Obergoms steht nicht allein. Quer durch die Alpen ringen Gemeinden mit dem Andrang mobiler Reisender. In den slowenischen Julischen Alpen patrouillieren Ranger an Passstraßen. Wer dort wild campt, zahlt 500 Euro pro Person. Im Val di Fassa kämpfen Gemeinden mit Parkzeitregeln gegen Wildcamper an den Dolomitenpässen, im Grödnertal könnte ein Wildcampingverbot stilprägend für ganz Südtirol werden.
Legale Stellplätze an Alpenpässen sind rar. Gleichzeitig ist die Rechtslage beim Wildcamping in der Schweiz unübersichtlich. Es ist kantonal und kommunal extrem unterschiedlich geregelt. Im Wallis ist es zum Beispiel offiziell verboten, allerdings sind einzelne Übernachtungen oberhalb der Baumgrenze erlaubt. Die Kanton Aargau und Obwalden erlauben Übernachtungen im Wohnmobil dagegen für eine Nacht an geeigneten Plätzen. Diese Grauzone nutzen Reisende mit aus, die mit ihren Campingfahrzeugen die Passstraßen füllen.
Was der Ranger in Obergoms anders machen soll
Wo andere Gemeinden auf Verbotsschilder und Bußgelder setzen, wählt Obergoms bewusst einen anderen Ton. "Wir möchten das Bewusstsein schärfen und auf die Leute zugehen – sie aber nicht vertreiben", sagt Imwinkelried. Für den Sommer 2026 hat die Gemeinde deshalb eine Ranger-Stelle ausgeschrieben. Laut Stelleninserat liegt der Fokus auf dem "Themengebiet wildes Campieren": Der Ranger soll campierende Gäste betreuen und informieren, auf die Einhaltung der Regeln rund ums Campieren achten, Kurtaxen kassieren oder erklären, warum Naturschutzregeln wichtig sind. Gesucht wird jemand mit "klarer Kommunikation, Konfliktfähigkeit und Freude am Umgang mit Menschen", also ein Vermittler oder eine Vermittlerin.

Mit solch einzigartigen Ausblicken werden Camper belohnt, die im Wohnmobil am Furkapass in Obergoms übernachten. In Zukunft soll ein Ranger die Camper so beraten, dass sie nur noch auf dafür vorgesehenen Stellplätzen halten.
Bei Regelverstößen, heißt es in der Ausschreibung, suche der Ranger "das direkte Gespräch" und sorge "mit Fingerspitzengefühl für eine gute Lösung." Daraus spricht eine eindeutige Priorität: Der Ranger soll den Wildcampern primär legale Alternativen aufzeigen, die das Erlebnis einer Nacht auf oder an einem Alpenpass ermöglichen.
- Am Grinselpass ist eine offizielle Alternative zum Wildcampen das Hotel Alpenlodge Grimselpass, das Stellplätze für Wohnmobile oder Campingbusse zur Verfügung stellt.
- An Furka- und Nufenenpass gibt es Parkplätze mit Stellflächen für Camper.
Diese Infrastruktur peppt die Gemeinde Obergoms für die Camper sogar auf und baut an den Furkapass eine Komposttoilette. Außerdem gibt es in den Ortsteilen der Gemeinde Obergoms drei Campingplätze.
Was das für Reisende mit Wohnmobil bedeutet
"Unser Ziel ist es, die Camper von den Dorf- und Passstrassen wegzulenken – hin zu geeigneten Plätzen, die für Mensch und Umwelt verträglich sind", so Imwinkelried. Kostenlos sind die genannten Camping- und Stellplätze im Vergleich zu wilden Standorten natürlich nicht. Mindestens die Kurtaxe ist fällig. Ohne die wäre das Budget jedoch deutlich geringer, mit dem Alpengemeinden wie Obergoms ihre Infrastruktur erhalten und ausbauen, die Touristen nutzen. Dazu zählen eben auch Reisende mit Wohnmobil oder Campingbus. Wer wild campt, kündigt diesen Deal quasi auf und stellt sein Wohnmobil möglicherweise noch auf einem Grundstück ab, das nicht öffentlich ist und Einheimischen gehört.
Der Ranger ist eine neue Lösung, um das alpenweite Problem Wildcamping deutlich einzudämmen. Das Modell zeigt, dass es nicht zwangsläufig auf Konfrontation hinauslaufen muss. Ob ein Ranger mit Gesprächsangebot mehr bewirkt als Schranken und Strafen, wird sich im Sommer 2026 zeigen. Für Wohnmobilisten, die Furka, Grimsel und Nufenen auf dem Plan haben, gilt in jedem Fall: Wer sich vorab über aktuelle Regeln und legale Stellplätze informiert, steht am Ende besser da. Im wörtlichen wie im übertragenen Sinne.





