In Ufernähe aufwachen, mit Blick auf Viertausender frühstücken, den Gletscherbach rauschen hören: Was Campingplätze im Schweizer Kanton Wallis so besonders machen kann, wird einigen von Ihnen wegen des Klimawandels zum Verhängnis. 13 Plätze müssen sofort schließen, weil sie laut der Baukommission des Kantons (KBK) "in äußerst besorgniserregender Weise" Naturgefahren ausgesetzt sind.
Vergangene Woche erhielten Campingplatzbetreiber in elf Walliser Gemeinden die Schließungsverfügungen. Der Inhalt: ein Betriebsverbot mit sofortiger Wirkung. Die kantonale Baukommission hatte entschieden. Beschwerden sind zwar möglich, doch sie haben keine aufschiebende Wirkung. Wer trotzdem öffnet, riskiert hohe Geldstrafen.
Das Timing trifft die Betreiber hart. In wenigen Wochen beginnt die Sommersaison. Die ersten Reservierungen sollten demnächst eingehen, und Investitionen getätigt werden. Der niederländische Betreiber Pim Beijen vom Camping Riverside in Goms-Reckingen sagte dem Schweizer Rundfunk (SRF): "Ich verstehe die Welt nicht mehr." Drei Millionen Franken habe er in den Platz investiert. Jetzt stehe er vor dem Aus.
Warum gerade diese Plätze?
Die KBK begründet die Schließung auf Anfrage von promobil eindeutig: Naturgefahren wie Überschwemmungen, Murgänge (schlammige Erdrutsche), Steinschlag, Ufererosion und Lawinen bedrohen die Anlagen. Die Behörde stützt ihre Entscheidungen auf Analysen der Fachstelle für Naturgefahren. Diese bewertet die klimatische Entwicklung und die Naturereignisse der vergangenen Jahre, deren Intensität und Wiederkehrperiode sowie vorhandene Evakuierungsmöglichkeiten und Zufahrtswege. Auf Basis dieser Bewertung wird die Gefahr offenbar hoch eingeschätzt. "Dies bedeutet, dass selbst ein Alarm- und Evakuierungsplan nicht ausreichen würde, um die Personen im Falle eines Ereignisses rechtzeitig zu evakuieren", schreibt die KBK.
Betroffen sind Campingplätze in Hochlagen gleichermaßen wie Campingplätze am Boden des Rhone-Tals. Der Camping Riverside liegt in Goms-Reckingen, eingebettet zwischen der Rhone und dem Blinnenbach. Dessen großes Einzugsgebiet kann bei Starkregen enorme Wassermassen führen und das Gelände des Campingplatzes überfluten. Passiert ist das laut Auskunft von Gemeindepräsident Gerhard Kiechler noch nie. Der Camping des Glaciers in La Fouly thront auf 1.600 Metern direkt am Gletscherbach, mit Blick auf das Dolent-Massiv. Traumhaft und riskant zugleich.
Das Wallis als Klimawandel-Hotspot
Die Schließungen kommen nicht ohne Vorankündigung. Die kantonale Baukommission verweist auf Schreiben aus den Jahren 2020, 2024 und 2025, in denen Gemeinden und Betreiber an ihre Verantwortung erinnert wurden. Darin soll es heißen: Wo Alarm- und Einsatzpläne nicht ausreichen, sei ein umfassendes Schutzkonzept nötig. "In der Zwischenzeit sollte der Betrieb Ihres Campingplatzes eingestellt werden." Die Kantonsverwaltung hat die Schlinge um den Hals der Campingplatzbetreiber Stück für Stück enger zugezogen und dabei womöglich ihren eigenen aus einer Schlinge befreit, die durch die Veränderungen des Weltklimas zunehmend enger wurde.
Das Wallis, Heimat etwa der Hälfte der Viertausender in den Alpen, erlebt die Folgen des Klimawandels besonders drastisch. Raphaël Mayoraz, bis September 2025 Chef der kantonalen Dienststelle für Naturgefahren des Wallis, sagte der Neuen Züricher Zeitung nach den verheerenden Unwettern mit Starkregen und Erdrutschen, die im Juni 2024 mehrere Menschenleben forderten: Eine solche Naturkatastrophe fände nach bekannten Wettermodellen alle hundert Jahre statt. Nach dem Jahr 2000 habe man jedoch schon mehrere Jahrhundertereignisse gehabt. Sein Fazit: "Diese Modelle bilden unsere Realität nicht mehr ab." Die jüngste Vergangenheit gibt ihm recht. Im Mai 2025 zerstörte ein Bergsturz große Teile des Dorfes Blatten im Lötschental. Im Juni 2025 verwüsteten Murgänge das Val de Bagnes.
Die Ereignisse sind so dramatisch, dass die KBK bereits im Sommer 2025 die Schließung des Campingplatzes Arolla, dem höchstgelegenen der Schweiz, verfügen musste. Er liegt im Val d'Herens, das mit seinem Fluss Borgne besonders stark von den Unwettern 2024 betroffen war. Betreiber und Gemeinde konnten allerdings einen neuen Standort finden, der weiter weg vom Fluss liegt und damit nicht durch Murgänge (Abrutsch der Uferböschung) gefährdet ist.

Auch der alte Standort des Camping Arolla lag zu nah am Fluss, deshalb mussten die Betreiber 2025 für den höchstgelegenen Campingplatz der Schweiz ein neues Areal suchen.
Streit um die Verantwortung
Trotz der negativen Vorzeichen fühlen sich die Betreiber der jetzt geschlossenen Campingplätze überrumpelt, genauso wie die Kommunalpolitiker in den betroffenen Gemeinden. Dort stößt gerade das Argument der KBK, dass Campingplatzbetreiber und Gemeinden beim Schutz vor Naturgefahren zu wenig unternehmen würden, auf Unverständnis. Denn Schutzmaßnahmen, die auch die Gefahr für ihre Campingplätze verringern würden, hat zum Beispiel die Gemeinde Goms längst geplant und budgetiert. Der Gemeindepräsident Gerhard Kiechler antwortet auf Anfrage von promobil:
"Problematisch ist die Projektdauer, im Falle von Reckingen-Blinnenbach seit 2012 und die Plangenehmigung steht noch aus. Ein sehr großes administratives Verfahren, bei welchem das Ziel des Hochwasserschutzes oft aufgrund verschiedener Gesetze und unterschiedlicher Interessen in den Hintergrund gerät. Seit einem Jahr steht nun die Genehmigung des Rotfuchsdossier aus, anschließend sollte dann die Genehmigung durch den Kanton erfolgen"
Er schiebt den Ball der Verantwortung damit zurück in die Zuständigkeit der Regierungsbehörden des Wallis. Der Kanton verfüge einerseits die Schließung wegen fehlender Schutzmaßnahmen, erteile andererseits keine Bewilligung für ebendiese Maßnahmen.
Was bedeutet das für den Tourismus?
Die wirtschaftlichen Folgen sind erheblich. "Camping ist ein sehr wichtiger Teil des touristischen Angebots und seit Jahrzahnten in unserer Gemeinde etabliert. Darunter sind auch viele Stammgäste, welche wiederum neue Gäste ins Goms bringen und die touristischen Angebote nutzen", erklärt Gerhard Kiechler. Etwa zwölf Prozent der Übernachtungen in den Gemeinden Goms und Obergoms machen Campinggäste aus, gibt die Obergoms Tourismus AG an. Da allein in Goms drei von sechs Campingplätzen geschlossen werden müssen, trifft das die Tourismusbranche hart.
Campingplätze können Schließung abwenden
Es kann Einspruch gegen die Schließung eingelegt werden. Der Weiterbetrieb ist allerdings an Bedingungen geknüpft. Laut der kantonalen Baukommission können die Betreiber Fachbüros beauftragen, die mittels Gefahrenanalyse aufzeigen, welche Schutzmaßnahmen die Sicherheit gewährleisten würden. Auf dieser Basis könne der Entscheid überprüft und angepasst werden.
Eine weitere Option ist die Verlegung des Campingplatzes. Dass es funktionieren kann, zeigt Arolla. Der 2025 geschlossene Campingplatz öffnet laut Gemeindeangaben vom 19. Juni bis 13. September 2026 wieder. An einem neuen, sicheren Standort. Platz gibt es für etwa 15 Wohnmobile und Zelte.
Solche Prozesse klappen nicht immer so schnell. "Beim Camping "Brigga" in Goms-Ritzingen wurde eine Verschiebung des Campings geprüft. Es gibt dazu eine Vorstudie. Jedoch ist auch dies nicht sehr einfach und hängt von raumplanerischen Maßnahmen wie auch den Eigentumsverhältnissen ab", erklärt Gemeindepräsident Gerhard Kiechler.
Für viele andere Betreiber beginnt somit ein Wettlauf gegen die Zeit. Und gegen die Natur, die sie einst so attraktiv machte.
Die betroffenen Campingplätze im Überblick
Die Behörden nennen aus Datenschutzgründen keine Namen. Von den 13 Plätzen sind laut der kantonalen Baukommission vier bereits außer Betrieb oder unterlagen schon Einschränkungen. Im Wallis gibt es insgesamt mehr als 100 Campingplätze. Doch durch Medienberichte und Reaktionen der Betreiber sind unter anderem diese Plätze bekannt geworden:






