Corona: Auswirkungen auf Camping- und Wohnmobil-Branche
Corona und die Wohnmobil-Branche
Stellplatz-Fokus Niederbayern Adi Kemmer

Was machen Wohnmobil-Nomaden in Corona-Zeiten?

Schlechte Karten für alle Vollzeit-Reisemobilsten

Menschen, die dauerhaften im Wohnmobil leben, haben es während der Corona-Pandemie besonders schwer. Es ist fast unmöglich einen Stellplatz zu finden. In manchen Städten werden sie noch ausnahmsweise geduldet.

Alle Camper und Wohnmobilisten mussten sich mittlerweile damit abfinden, dass es aufgrund der Eindämmung des Corona-Virus derzeit nicht in den Urlaub auf einen Stell- oder Campingplatz in oder außerhalb von Deutschland gehen kann. Doch wen die Schließung von Stell- und Campingplätzen in Zeiten von Corona richtig schwer trifft, sind alle, die dauerhaft in ihrem Wohnmobil leben – vor allem da einige Bundesländer Reisen in Campingfahrzeugen mittlerweile explizit verboten haben: Mecklenburg-Vorpommern, Rheinland-Pfalz, Sachsen-Anhalt (aktuelle Infos siehe hier).

Doch die Realität einiger weniger sieht so aus, dass sie nicht nur zur Urlaubszwecken im Reisemobil unterwegs sind. Trotz Meldeadressen-Pflicht, gibt es in Deutschland Menschen, die kein Haus oder keine Wohnung besitzen, sondern im Reisemobil leben und keine Möglichkeit haben auf einen festen Wohnsitz auszuweichen. Zahlreiche Leser haben sich bereits hilfesuchend an unsere Redaktion gewandt.

Hessen: Drei Frauen überdauern auf öffentlichem Stellplatz

Wir konnten mit einer Dame sprechen, die anonym bleiben möchte und im im Wohnmobil lebt. Aktuell verharrt sie mit zwei weiteren alleinreisenden Frauen und deren Wohnmobilen auf einem öffentlichen Stellplatz in Frankfurt-Offenbach. Es ist ihren Angaben zufolge einer der letzten geöffneten Stellplätze in Deutschland. Zu den aktuellen Maßnahmen gegen das Coronavirus gehört auch das Verbot für die Nutzung von Stell- und Campingplätzen zu touristischen Zwecken. Leider wirkt sich dieses Verbot auch auf die Frauen aus, die auf einen Stellplatz angewiesen sind. Die Gemeinde, die den Platz betreibt, war für Informationen über eine mögliche Schließung redaktionsseitig nicht erreichbar.

Aktuell können die drei gestrandeten Woohnmobilistinnen noch die volle Ver- und Entsorgung am Platz nutzen. Falls dies demnächst nicht mehr möglich wäre, würde es für die Damen schwierig werden. Ohne Frischwasser und eine Möglichkeit ihren Abwassertank zu leeren, ist es fast unmöglich weiter im Wohnmobil auszuharren.

Großes Glück haben die drei auch bei der Gasversorgung. Alle drei Wohnmobile sind mit Tankflaschen ausgestattet, so können die Gasvorräte einfach an einer Gastankstelle wieder aufgefüllt werden. Andere haben es da durchaus schwerer. In manchen Bundesländern wie Bayern, Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern sind sogar die Baumärkte geschlossen und das Tauschen der Gasflasche unmöglich. Auch in anderen Bundesländer gibt es laut der Leserin Schwierigkeiten mit diesem Service.

Von der Polizei werden die drei Damen geduldet. Was sie mehr fürchten sind die Bewohner der Stadt. Auf Supermarktparkplätzen wären sie aufgrund des ortsfremden Kennzeichens schon schief angesehen und sogar unfreundlich angehupt worden, erzählt die Leserin. Die Bewohner würden nicht verstehen, dass es sich bei ihnen nicht um Touristen handle, die womöglich das Virus anschleppen. Laut ihrer Aussage sind sie in ihren Fahrzeugen bestens Isoliert. Sie halten sich an die Beschränkung der sozialen Kontakte und halten auch untereinander Abstand: Vor den Wohnmobilen sitzen sie nur ab und zu und wenn dann mit dem empfohlenen Mindestabstand von zwei Metern.

Aus Angst davor, dass jemand ihren Stellplatz wegnimmt, fahren sie nur abwechselnd weg. Einkäufe werden mit dem Fahrrad erledigt. Unsere Leserin sagt: "Im Moment können wir nur die Zeit aussitzen. Wir haben noch alles, was wir brauchen und können es gut aushalten." Für die nächsten Wochen wünscht sich unsere Leserin, dass es auch so bleibt.

Bayern: Reisendes Ehepaar wird von Polizei vertrieben

Noch schwieriger ist es dagegen in Bayern, wo seit dem 20. März 2020 eine Ausgangssperre gilt. Hier hat sich das Ehepaar Schmitthammer an uns gewandt. Sie seien von der Polizei dazu aufgefordert worden, nicht mehr im Wohnmobil unterwegs zu sein. Der ADAC bestätigt ein solches "Fahrverbot" jetzt in einer neuen Pressemitteilung (Stand 2. April): "Grundsätzlich erlaubt ist der Transport des Wohnwagens laut ADAC nur noch in Ländern mit Kontaktverbot, in Ländern mit Ausgangsbeschränkungen jedoch nicht. Ein triftiger Grund zum Verlassen der eigenen Wohnung ist hier nicht mehr gegeben."

Dauer-Reisemobilisten wie das Ehepaar Schmitthammer sind in Bayern gestrandet - und quasi nicht mehr geduldet. Ein befreundeter Stellplatzbetreiber des Phoenix Reisemobilhafens Bad Windsheim hat sie noch aufgenommen. Dort dürfen sie die Ver- und Entsorgung nutzen. Dank einer Gastankflasche haben auch sie mit der Gasversorgung glücklicherweise kein Problem. Ihren derzeitigen Aufenthaltsort haben sie durch langes Abtelefonieren verschiedener Plätze gefunden. In der Facebook-Gruppe "Wir leben wirklich im Wohnmobil" tauschen sie sich mit anderen Wohnmobilisten aus und versuchen sich gegenseitig zu helfen. Dem Ehepaar Schmitthammer macht vor allem die ungewisse Zukunft Sorgen.

Was können Stellplatz-Betreiber tun?

Wir haben bei einer Stellplatzbetreiberin in Hessen nachgefragt, wie Behörden und Stellplätze den gestrandeten Reisemobil-Nomaden helfen könnten. Laut ihrer Aussage sei es möglich, beim Amt ihrer Gemeinde eine Sondergenehmigung zu beantragen. Menschen, die wirklich auf einen Stellplatz angewiesen sind, bekommen dann einen Duldungsschein für den jeweils örtlichen Stellplatz ausgestellt. Jede Stadt regele das aber unterschiedlich. Verallgemeinern ließe sich das in der derzeitigen Situation leider nicht.

Stell- und Campingplatzschließungen in Europa

Maßnahmen zum Schutz vor Corona wurden nicht nur in Deutschland ausgerufen, sondern in vielen Ländern Europas. Italien hat als erstes Land eine komplette Ausgangssperre für alle Italiener verhängt. Touristen mussten das Land verlassen und die Grenzen sind geschlossen. In Spanien und Portugal sind inzwischen auch alle Camping- und Stellplätze gesperrt. Hier haben Camper noch versucht auszuharren und einer Rückreise nach Deutschland zu umgehen, wie auch dieser Beitrag in der ARD-Mediathek zeigt. Vor allem ältere Menschen wähnten sich auf den großzügigen Plätzen in Sicherheit und hatten Angst auf der Heimreise oder in Deutschland zu erkranken. Mittlerweile sind aber doch die meisten abgereist, da sie nirgends mehr unterkommen.

Dies bestätigt uns auch Kalle Meyer von der Reisemobil-Union: "Die Wohnmobilisten sind dann irgendwann auch einem Herdentrieb gefolgt und in Konvois zurück nach Deutschland gefahren." Er war bis kurz vor der Schließung der Stellplätze selbst noch in Spanien unterwegs. Er sagt, die Mehrheit der Reisemobilsten habe schließlich eingesehen, dass sie in Deutschland medizinisch wesentlich besser versorgt sind als in Spanien oder Portugal. Den Gedanken, die Corona-Krise in Spanien auszusitzen, haben viele nach der weiteren Verschärfung der Maßnahmen verworfen.

Laut Kalle Mayer gibt bei der Rückreise an den Grenzen keine Probleme. Schwieriger sei es einen Platz für Zwischenübernachtungen zu finden. Den langen Weg aus dem Süden Eurpoas legen die meisten in Etappen zurück. Da auch in Frankreich alle Camping- und Stellplätze geschlossen sind, müssen Camper häufig auf Rast- oder Parkplätzen schlafen. Mit Frischwasser könne man sich an Tankstellen versorgen, doch die Entsorgung sei praktisch unmöglich. Kleiner Trost: Die Polizei ließe die meisten Reisemobilisten gewähren. "Sie haben zurzeit größere Probleme, als Menschen zu belästigen, die mit ihrem Wohnmobil am Straßenrand übernachten."

Fazit

Stellplatzbetreiber, die ihre Plätze für Wohnmobil-Nomaden offen halten, sind in Deutschland der Retter in der Not. Diese Menschen können zurzeit nirgends hin und sind auf geöffnete Ver- und Entsorgungsstationen angewiesen.

Wenn die Versorgung gesichert ist, können sich autark stehende Reisemobilisten sehr gut an die Isolationsmaßnahmen halten. Geöffnete Stellplätze sollten allerdings nicht von Wohnmobilisten missbraucht werden, die am Wochenende "mal kurz raus wollen". Für alle gilt: Daheim bleiben und den Kontakt zu anderen so gut es geht vermeiden – auch wenn die eigenen vier Wände auf Rädern stehen.

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