Mut, Talent, Visionen – viele Frauen haben Geschichte geschrieben, doch ihre Geschichten stehen selten im Mittelpunkt klassischer Städtereisen. Dabei lassen sich quer durch Europa Orte entdecken, an denen ihre Ideen, Kämpfe und Werke bis heute lebendig sind.
1. Hannah Arendt (Bozen)
In Bozen trifft Geschichte auf klare Worte: Über einem riesigen faschistischen Relief am Gerichtsplatz leuchtet heute das berühmte Zitat der jüdischen Theoretikerin und Publizistin Hannah Arendt: "Kein Mensch hat das Recht zu gehorchen." Die Aussage stammt aus einem Radiointerview von 1964, in dem Arendt über Adolf Eichmann (ein SS-Obersturmbannführer) sprach. Ihre Botschaft ist klar: Totalitäre Systeme leben vom Gehorsam – Verantwortung trägt jeder Einzelne.
Das 36 Meter breite Werk des Künstlers Hans Piffrader zeigt Benito Mussolini hoch zu Ross. Statt das Monument aus der Zeit des italienischen Faschismus zu verstecken, entschied sich die Stadt Bozen es als Mahnmal zu erhalten. Mit Hinweisen über die Entstehungsgeschichte sowie Hannah Ahrendts Worten, die in allen drei Landessprachen (Italienisch, Deutsch und Ladinisch) zu lesen sind, ist die Fassade des Finanzgebäudes heute ein eindrucksvoller Lernort.
2. Sophie Scholl (München)

Sophie Scholl (1921–1943): Im Lichthof der Münchner Universität gedenkt man der mutigen Widerstandskämpferin Sophie Scholl, die für ihren Kampf gegen das NS-Regime mit dem Leben bezahlte.
Kaum ein Ort steht so eindringlich für Zivilcourage wie der Geschwister-Scholl-Platz in München. Hier erinnert eine Gedenkstätte an Sophie Scholl und die studentische Widerstandsgruppe Weiße Rose.
Im Lichthof der Ludwig-Maximilians-Universität München verteilten Sophie Scholl und ihr Bruder 1943 Flugblätter gegen das NS-Regime. Heute sind diese als bronzene Platten im Boden eingelassen. Die dort ansässige Dauerausstellung "Die Weiße Rose. Widerstand gegen die NS-Diktatur" zeigt seit 2017 mit Motiv und Aktionen, Inhalte der Flugblätter und interaktiven Medienstationen die Geschichte der studentischen Widerstandsgruppe.
Wer sich noch intensiver mit der Weißen Rose beschäftigen möchte, findet neben dem Geschwister-Scholl-Platz und der DenkStätte Weiße Rose im Lichthof der LMU, mit dem ehemaligem Wohnhaus Sophie Scholls sowie der Gedenkstätte in der Justizvollzugsanstalt Stadelheim weitere Orte, an denen Sophie Scholl einst lebte – und starb.
3. Hildegard von Bingen (Rüdesheim)

Hildegard von Bingen (1098–1179): In und um Rüdesheim wird das visionäre Erbe der Benediktiner-Äbtissin Hildegard von Bingen, die als Mystikerin, Universalgelehrte und Komponistin im 12. Jahrhundert wirkte, lebendig gehalten.
Bereits im 12. Jahrhundert war Hildegard von Bingen eine außergewöhnliche Mystikerin, Universalgelehrte und Komponistin. Die Benediktiner-Äbtissin gilt als erste deutsche Vertreterin der Frauenmystik, gründete Klöster und wurde später von Papst Benedikt XVI. zur Heiligen und Kirchenlehrerin erhoben.
Rund um Rüdesheim am Rhein führen Wanderwege zu Orten ihres Wirkens. Besonders beeindruckend ist das Kloster Rupertsberg, in dem Hildegard viele ihrer visionären Schriften und Kompositionen verfasste. Heute setzt die Abtei St. Hildegard in Rüdesheim diese Tradition fort. Hier können Besucherinnen und Besucher nicht nur die Klosterkirche und die historischen Gebäude besichtigen, sondern auch in Veranstaltungen, Konzerten und Ausstellungen Hildegards Werke und Ideen hautnah erleben.
4. Rosa Luxemburg (Erfurt)

Rosa Luxemburg (1871–1919): Eine nachdenkliche Statue in Erfurt ehrt die Revolutionärin und KPD-Gründerin Rosa Luxemburg, die bis heute für ihr vehementes Eintreten für die Freiheit der Andersdenkenden bekannt ist.
"Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden" – dieser Satz ist das bekannteste Vermächtnis der KPD-Gründerin Rosa Luxemburg. In Erfurt erinnert ein von Anke Besser-Güth gestaltetes Denkmal in einem kleinen Park zwischen Schlüterstraße und Talstraße nahe des Boyneburgufers an die Politikerin und Revolutionärin.
Die Statue zeigt Rosa Luxemburg sitzend, reflektierend, mit einem Buch in der Hand, das die Freiheit des Denkens und Andersdenkens symbolisiert. Ursprünglich sollte die Statue das Gelände der ehemaligen SED-Parteischule in Daberstedt schmücken, doch wegen politischer Bedenken fand sie 1974 einen "unverfänglicheren" Platz nahe des Rosa-Luxemburg-Platzes. Heute lädt der kleine Park Besuchende ein, sich mit Luxemburgs Ideen auseinanderzusetzen.
5. Käthe Kollwitz (Weimar)

Käthe Kollwitz (1867–1945): Das Weimarer Denkmal der Grafikerin und Pazifistin Käthe Kollwitz würdigt eine der stärksten Stimmen der deutschen Kunst, deren Werke von tiefem Mitgefühl und sozialem Engagement zeugen.
Käthe Kollwitz war Grafikerin, Bildhauerin und sozial engagierte Realistin, deren Werke Armut, Krieg und Verlust in klarer, emotionaler Bildsprache zeigen. Der Verlust ihres Sohnes im Ersten Weltkrieg machte sie zudem zu einer entschiedenen Pazifistin, deren Engagement für soziale Gerechtigkeit tief in ihrer Kunst verankert ist. Kollwitz war die erste Frau, die in der Preußischen Akademie der Künste aufgenommen wurde und galt als eine der stärksten Stimmen der deutschen Kunst des 20. Jahrhunderts.
Am Zeppelinplatz in Weimar steht seit 1979 ihr zu Ehren eine lebensgroße Bronzestatue. Die Skulptur, geschaffen von der Bildhauerin Anke Besser-Güth, gilt als Denkmal für Mut, Mitgefühl und gesellschaftliches Engagement. Es befindet sich direkt gegenüber der Käthe-Kollwitz-Schule, die ebenfalls denkmalgeschützt ist.
6. Clara Schumann (Leipzig)

Clara Schumann (1819–1896): Für ihr herausragendes musikalisches Lebenswerk als virtuose Pianistin und Komponistin wurde Clara Schumann besonders gewürdigt, indem ihr Porträt ab 1989 die 100-D-Mark-Banknote zierte.
Clara Schumann war eines der größten Wunderkinder der Musikgeschichte: Als Pianistin, Komponistin und Klavierpädagogin im 19. Jahrhundert prägte sie über 60 Jahre das Konzertleben und galt als eine der technisch versiertesten Virtuosinnen ihrer Zeit. Mit Robert Schumann an ihrer Seite schrieb sie Musikgeschichte und hinterließ ein inspirierendes Erbe.
Im Schlosspark Lützschena erinnert seit 2019 ein Gedenkstein am Dianateich an Clara Schumann. Der Findling aus der Eiszeit symbolisiert Beständigkeit und Erinnerung, und eine Bank lädt zum Verweilen ein – mit Blick auf den Park, den Clara und Robert Schumann einst besuchten.
7. Caroline Herschel (Berlin)

Caroline Herschel (1750–1848): Auf dem nach ihr benannten Platz in Berlin-Friedrichshain ehrt die Skulptur eines Sternenwächters Caroline Herschel, eine bahnbrechende Pionierin der Astronomie.
Auf dem kleinen Caroline-Herschel-Platz in Berlin-Friedrichshain fällt sofort die blaue Skulptur eines Sternenwächters auf. Sie erinnert an die Namensgeberin des Platzes, Caroline Lucretia Herschel (1750–1848) – eine der ersten Frauen, die in der Astronomie volle Anerkennung erhielt.
Caroline begann ihre wissenschaftliche Karriere bei ihrem Bruder Friedrich Wilhelm Herschel, dem Entdecker des Uranus. Sie unterstützte ihn bei seinen Forschungen, entdeckte selbst mehrere Kometen, erstellte astronomische Reduktionen und katalogisierte hunderte Sternhaufen und Nebel. Später folgte sie ihrem Bruder nach England und erhielt dort eine offizielle Anstellung mit Gehalt als seine Gehilfin. Sie betrieb nebenher jedoch ihre eigenen Forschungen. Nach Friedrich Wilhelms Tod 1822 kehrte Caroline nach Hannover zurück und setzte dort ihre Studien fort. Sie wurde für ihre wissenschaftlichen Leistungen mehrfach geehrt, unter anderem erhielt sie 1846 die goldene Medaille der Preußischen Akademie der Wissenschaften.
8. Marlene Dietrich (Berlin)

Marlene Dietrich (1901–1992): Die in Berlin geborene Marlene Dietrich wird in ihrer Heimatstadt als weltweite Ikone für Glamour, Selbstbestimmung und politischen Widerstand gegen das NS-Regime gefeiert.
Marlene Dietrich war eine der bedeutendsten Schauspielerinnen und Sängerinnen des 20. Jahrhunderts. Geboren in Berlin, eroberte sie die Bühnen und Kinos weltweit und wurde zum Symbol für Glamour, Eleganz und Selbstbestimmung. Während des Zweiten Weltkriegs engagierte sie sich für die US-Truppen, reiste mit Shows an die Front und setzte sich gegen das NS-Regime ein. Ihr Mut, ihre klare Haltung und ihr Eintreten für Freiheit machten sie zu einer Ikone politischen und kulturellen Widerstands.
Viele ihrer Erinnerungsstücke sind heute in der Deutsche Kinemathek – Museum für Film und Fernsehen ausgestellt, das sich im Filmhaus am Potsdamer Platz befindet. Dort gibt die Marlene Dietrich‑Collection Einblick in ihr Leben, ihre Karriere und ihre Rolle in der Filmgeschichte – von Originalkostümen über Fotografien bis zu persönlichen Dokumenten. Ihr Geburtshaus in Berlin‑Schöneberg wird heute durch eine bronzene Gedenktafel markiert, und auf dem Marlene‑Dietrich‑Platz am Potsdamer Platz findet sich zu ihren Ehren ebenfalls eine Widmung.
9. Clara Zetkin (Birkenwerder)

Clara Zetkin (1857–1933): In ihrem ehemaligen Wohnhaus im brandenburgischen Birkenwerder wird das Erbe der engagierten Politikerin und Frauenrechtlerin Clara Zetkin heute mit einem Museum am Leben erhalten.
Die Politikerin und Frauenrechtlerin Clara Zetkin lebte vor ihrer Übersiedelung in die Sowjetunion 1932 in Birkenwerder. Das heutige Clara-Zetkin-Haus wurde 1929 von ihrem Sohn Konstantin Zetkin erworben. Er wollte seiner betagten Mutter eine Unterkunft in unmittelbarer Nähe zu ihrer Arbeit im Deutschen Reichstag bieten.
Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde das Haus 1933 durchsucht, Druckschriften beschlagnahmt und das Anwesen konfisziert. 1949 übertrug die DDR das Haus dem älteren Sohn Maxim Zetkin, auf dessen Initiative hin 1957 zum 100. Geburtstag seiner Mutter eine Gedenkstätte errichtet wurde.
Heute nutzt die Gemeinde Birkenwerder das Haus multifunktional: Geschichtsstübchen im Kellergeschoss, Bibliothek im Erdgeschoss und das Clara-Zetkin-Museum im Obergeschoss, das persönliche Gegenstände der Sozialistin zeigt. Im Garten steht eine Doppelskulptur von Clara Zetkin und Rosa Luxemburg, die ihr politisches Erbe lebendig hält.
10. Astrid Lindgren (Vimmerby)

Astrid Lindgren (1907–2002): Die schwedischen Museen feiern die weltberühmte Kinderbuchautorin Astrid Lindgren, die mit starken Figuren wie Pippi Langstrumpf Generationen von Kindern Mut und Gerechtigkeitssinn vermittelte.
Astrid Lindgren (1907–2002) war eine der bekanntesten Kinderbuchautorinnen weltweit. In ihrem Heimatland Schweden schrieb sie Bücher, die bis heute Generationen begeistern. Darunter Pippi Langstrumpf, Michel aus Lönneberga und Ronja Räubertochter. Ihre kindlichen Heldinnen und Helden zeigen, wie wichtig Selbstbestimmung, Gerechtigkeitssinn, Mut und Fantasie sind.
Lindgren nutzte ihre Geschichten, um gesellschaftliche Missstände anzusprechen, und setzte sich zeitlebens für Kinderrechte und soziale Gerechtigkeit ein. Heute kann man in Stockholm Orte besuchen, die mit ihrem Leben und Werk verbunden sind, etwa das Astrid Lindgren Museum im Stadtteil Östermalm oder das Junibacken-Museum, das interaktive Ausstellungen zu ihren Büchern bietet. Besuchende erleben dort die Welt der Figuren hautnah, von Pippis Villa Kunterbunt bis zu Abenteuern in Bullerbü, und tauchen in die fantasievolle, lebensbejahende Welt der schwedischen Autorin ein.
Sonderführung zum Weltfrauentag
Wer wissen will, wie Frauen die Kommunikationsgeschichte geprägt haben, sollte die Sonderführung HERstory im Museum für Kommunikation in Berlin nicht verpassen. Die Tour beleuchtet, warum weibliche Leistungen in der Technik-, Medien- und Kommunikationsgeschichte oft keine Anerkennung fanden und lange unsichtbar blieben.
- Was: Sonderführung "Herstory. Frauen in der Kommunikationsgeschichte".
- Wann: 8. März 2026.
- Wann genau: 11:30 und 14 Uhr.
- Wo: Museum für Kommunikation Berlin.
- Eintritt: 10 Euro, Kinder unter 18 Jahre kostenlos
Der Roadtrip: von Italien über Deutschland bis nach Schweden
Wollte man alle Orte abfahren, betrüge die Strecke ca. 2.400 Kilometer – ein faszinierender Roadtrip quer durch Europa auf den Spuren historischer Frauen! Passende Stellplätze gibt es im Stellplatz-Radar.
- Bozen, Italien (Hannah Arendt) – Startpunkt am Finanzgebäude/Gerichtsplatz.
- München, Deutschland (Sophie Scholl) – Geschwister-Scholl-Platz an der LMU.
- Rüdesheim am Rhein, Deutschland (Hildegard von Bingen) – Kloster Rupertsberg & Abtei St. Hildegard.
- Erfurt, Deutschland (Rosa Luxemburg) – Park zwischen Schlüter- und Talstraße.
- Weimar, Deutschland (Käthe Kollwitz) – Zeppelinplatz.
- Leipzig, Deutschland (Clara Schumann) – Schlosspark Lützschena am Dianateich.
- Berlin, Deutschland (Caroline Herschel & Marlene Dietrich) – Caroline-Herschel-Platz, Filmhaus am Potsdamer Platz & Geburtshaus in Schöneberg.
- Birkenwerder, Deutschland (Clara Zetkin) – Clara-Zetkin-Museum.
- Vimmerby, Schweden (Astrid Lindgren) – Geburtsort und Themenpark "Astrid Lindgrens Värld".
- Stockholm, Schweden (Astrid Lindgren) – Endpunkt am Junibacken-Museum und Astrid Lindgren Museum im Stadtteil Östermalm.





