Mercedes Marco Polo (2020) Karl-Heinz Augustin
Mercedes Marco Polo (2020)
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Mercedes Marco Polo (2020) 19 Bilder

Mercedes Marco Polo (2020) im Einzeltest

Stilvoller Campingbus für Zwei

Seit jeher will der Marco Polo dem California in der Kompaktcamperklasse den Rang ablaufen. Im letzten Frühjahr spendierte Mercedes der V-Klasse ein Facelift samt neuem Motor. Kratzt der Camper damit am Thron der Konkurrenz?

Vor etwas mehr als fünf Jahren erlebte er eine Wiedergeburt. Als Mercedes Ende 2014 die dritte Generation des Marco Polo präsentierte, erinnerte nichts mehr an den Vorgänger. Das einstige silbergraue Interieur wich einem edleren Design in Anthrazit- und Cremetönen sowie völlig neuer Formgebung der Möbel. Der Campingausbau wurde auf das hohe Niveau der damals noch jungen V-Klasse und Marco-Polo-Basis abgestimmt. Und heute?

Da setzt die V-Klasse neue Maßstäbe in Sachen Fahrspaß, -sicherheit und -komfort. Denn seit dem Modellupdate im Frühjahr letzten Jahres kommt die Großraumlimousine, wie der Stuttgarter Autobauer sie gerne anpreist, mit aktuellem Diesel OM 654 aus dem Mercedes-Pkw-Motorenprogramm. Drei Leistungsstufen sind verfügbar: der V 220 d mit 120 kW (163 PS), der V 250 d mit 140 kW (190 PS) und die Top-Variante V 300 d mit 176 kW (239 PS). Zu unserem Test trat das Spitzenmodell an.

Schicke und voll ausgestattete Küchenzeile

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Karl-Heinz Augustin
Nobler lässt es sich kaum campen. Passend zum Anspruch der Limousinenbasis gestaltet sich der Ausbau hochwertig und edel im Bicolor-Design. Es dominieren anthrazit- und cremefarbene Töne.

Der Ausbau steht noch annähernd gleich da wie 2014, wirkt nach wie vor modern und edel und passt optisch wie angegossen zur luxuriösen V-Klasse. Öffnet sich die Schiebetür – im Testwagen geht das elektrisch per Knopfdruck auf die Funkfernbedienung –, fällt sofort die schnieke Küchenzeile auf. Unter drei einzeln zu öffnenden Abdeckungen aus dunkel getöntem Glas verbergen sich Zweiflammgaskocher mit elektrischer Zündung, 40-Liter-Kompressor-Kühlbox und eine etwas klein geratene runde Spüle. In drei Schubladen inklusive Besteckkasten sowie einem Staufach mit Schiebetür kommen Kochgeschirr, Lebensmittel und sonstige Utensilien unter, die der anspruchsvolle Camper auf Reisen braucht. Die Verschlussknöpfe sind dezent in den Alu-Griffleisten integriert, lautlos schließen die einwandfrei bündigen Schubladen.

Der Tisch ist im Aluprofil des Küchenblocks eingehängt und verschiebbar. Insgesamt bietet die Sitzgruppe vier Plätze: zwei auf der Rückbank plus die beiden Vordersitze. Das Drehen derselben ist allerdings selbst mit geöffneten Türen mühsam. Nur mehrmaliges Vor- und Zurückschieben der Sitze führt an B-Säule und Mittelkonsole vorbei. Endlich geschafft, muss das Frühstück auf der Vorderkante sitzend eingenommen werden, da der Tisch relativ weit entfernt steht. Besser also, man ergattert einen Platz auf der Sitzbank.

Geschlafen wird vorzugsweise im Aufstelldach, das sich auf Knopfdruck entfaltet. Auf Tellerfedern und Kaltschaummatratze liegt es sich bequem. Bei einer gemessenen Breite von 1,07 Meter wird es für zwei Erwachsene allerdings eng. Auf die unbezahlbare Aussicht, die so mancher Campingbus-Besitzer vom Dachbett aus gerne genießt, muss man im Marco Polo weitgehend verzichten.

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Reisen allein oder zu zweit – kein Problem. Zu dritt oder gar zu viert wird es herausfordernd.

Die beiden seitlichen Fenster im Zeltbalg dienen vor allem der Lüftung, engmaschiger Netzstoff vernebelt die Sicht nach draußen. Ein gläsernes Schiebedach erlaubt immerhin den Blick gen Himmel, sofern einen der Aufpreis von rund 1400 Euro nicht stört. Überaus clever hingegen ist der Faltmechanismus des Aufstelldachs. Dank im Stoff eingenähter Fiberglasstäbe legt sich der Balg beim Schließen auf Anhieb sauber zusammen. Komfortabel, nämlich ebenfalls elektrisch, gestaltet sich auch der Umbau der Sitzbank in eine zweite Schlafgelegenheit. Binnen weniger Sekunden entsteht eine zumindest einigermaßen plane Fläche, die sich aus Sitzfläche, Rückenlehne und Bettverlängerung im Heck zusammenfügt. Richtig bequem wird das dreiteilige Bett aber nur mit dem optionalen Topper.

Geringe Zuladung und wenig Stauraum

Zwei Erwachsenen bietet der Marco Polo so ausreichend Platz. Laut Hersteller sollen bis zu vier Personen gemeinsam reisen können. Neben den knapp bemessenen Liegeflächen kann das auch zur logistischen Herausforderung werden. Denn sowohl Stauraum als auch Zuladung sind begrenzt. Die Auflastung von 3100 auf 3200 Kilogramm bietet Mercedes ab Werk und ist für alle zu empfehlen, die mit mehr als zwei Personen unterwegs sein möchten. Allerdings bleiben die Zuladungsreserven auf der linken Fahrzeugseite, wo die Möbelzeile steht, weiterhin gering. Wäre noch die Gepäckfrage zu klären. Ein Teil kommt im Kleiderschrank, im Hängeschrank und unter der Sitzbank unter. Wirklich schade ist, dass die – eigentlich gut gemeinte – Tasche für Campingmöbel unter der Bettverlängerung im Heck hängt und so den Hauptstauraum immens einschränkt.

Starker Motor mit niedrigem Verbrauch

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Der Vierzylinder-Diesel OM 654: mehr Power trotz weniger Hubraum und verbesserter Verbrauchswerte.

Die wahre Stärke des Marco Polo findet sich dagegen unter der Motorhaube. Mit der Einpflanzung des Vierzylinder-Diesels OM 654 katapultiert sich der Luxus-Camper an die fahrerische Spitze seiner Klasse. 239 PS und 500 Newtonmeter bringt unser Testfahrzeug dank Hinterradantrieb traktionsstark auf die Straße. Dass man sich als Fahrer ein paar Kilo schwerer fühlt, wenn man in die Vollen geht, und beim Beschleunigen in den Sitz gedrückt wird, nimmt man gern in Kauf. Dem Topmodell 300 d stehen während der Beschleunigungsphase sogar kurzzeitig weitere 30 Newtonmeter für den Vorschub zur Verfügung. Laut Herstellerangaben schafft es die V-Klasse so in unter acht Sekunden von 0 auf 100 km/h. Unser Test-Marco-Polo samt umfangreicher Sonderausstattung und vollem Treibstoff- und Wassertank benötigt rund zehn.

Trotz Leistungssteigerung verspricht Mercedes auch Spitzenwerte hinsichtlich Verbrauchs- und Emissionswerten. Möglich macht das unter anderem die Reduzierung des Hubraums von 2140 auf 1950 cm3 sowie ein neues Common-Rail-Einspritzsystem mit bis zu 2500 Bar Einspritzdruck.

Ebenfalls neu implantiert wurde eine Neun-Gang-Wandlerautomatik, die für die beiden starken Varianten V 250 d und V 300 d serienmäßig ist. Angenehm ruhig und ohne Zugkraftunterbrechung fährt sich unser Testwagen, gönnt sich nur beim Runterschalten via Kickdown ein, zwei Gedenksekunden. Darüber hinaus überrascht der niedrige Geräuschpegel im modellgepflegten Marco Polo. Selbst bei höheren Geschwindigkeiten auf der Autobahn bleibt es im Fahrzeuginneren noch erstaunlich leise. Das erweiterte Sicherheitsprogramm beschert der V-Klasse jetzt einen Fernlicht- sowie einen aktiven Bremsassistenten.

Die Bezeichnung Großraumlimousine steht der V-Klasse gut. Assoziiert man mit einer Limousine doch etwas Edles, Luxuriöses – und etwas Kostspieliges. Der Grundpreis des Marco Polo liegt nun bei stolzen 63.800 Euro. 67.550 Euro kostet das Topmodell.

Marco Polo mit MBUX & MBAC

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Der zentrale Touchscreen gibt neuerdings nicht nur Auskunft über das Basisfahrzeug, sondern auch über die Bordtechnik.

Im Marco Polo wächst nun endlich zusammen, was zusammengehört. Alle Funktionen des Ausbaus sind neuerdings genauso über einen zentralen Touchscreen in der Mittelkonsole abruf- und einstellbar wie bislang schon verschiedene Funktionen des Basisfahrzeugs. Dafür ist der Marco Polo nicht nur serienmäßig mit dem MBUX-Infotainmentsystem inklusive Sprachsteuerung ausgestattet, sondern auch mit dem MBAC genannten Schnittstellenmodul, an das auch andere Ausbauer mit ihrer Bordtechnik andocken können.

Im Marco Polo lassen sich darüber nicht nur die Füllstände der Wassertanks und der Bordbatterie abrufen, sondern auch die Kühlbox und die Heizung regulieren, das Aufstelldach und das Dachfenster öffnen und schließen sowie die Sound- und Lichtanlage steuern. Die Heizung lässt sich damit auch zeitgesteuert programmieren, und ein System von Warnmeldungen kann konfiguriert werden. Außerdem gibt es eine App, die per Bluetooth-Kommunikation im Umfeld des Fahrzeugs alle Funktionen auch über das Smartphone steuerbar macht.

Mercedes Marco Polo im Überblick

Mercedes Marco Polo (2020)
promobil

Gurte/Schlafplätze: 4/2–4
Zul. Gesamtgewicht: 3200 kg
Länge/Breite/Höhe: 5,14/1,93/1,98 m
Grundpreis ab: 63.600 Euro
Testwagenpreis: 83.750 Euro

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Fazit

Stilvoller als im Marco Polo lässt es sich in der Klasse der Kompaktbusse kaum campen. Aber sicherlich bequemer. Mit mehr als zwei Personen wird es eng, Stauraum ist Mangelware, die Zuladung ist teils sogar knapp. Hinsichtlich Fahrleistung und -komfort jedoch kann dem Marco Polo keiner etwas vormachen. Mit der modellgepflegten V-Klasse als Basis schiebt er sich – zumindest fahrerisch – an die Spitze.

Technische Daten

Mercedes-Benz Marco Polo
Grundpreis 63.600,00 €
Aufbau CamperVan
Maße 514 x 193 x 198 mm
Leistung 176 kW / 239 PS
Motor OM 654
Leergewicht 2.725 kg
Sitze mit Gurt 4 bis –
Schlafplätze 2 bis 4
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Mercedes-Benz Marco Polo
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