Oldie GMC Vandura Hardy Mutschler
Oldie GMC Vandura
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Oldie GMC Vandura 9 Bilder

Unterwegs mit dem Oldtimer-Van GMC Vandura

Unterwegs mit dem Oldtimer-Van GMC Vandura Außen Rockstar, innen Privatjet

Sommer 2010, Fußball-WM in Südafrika. Unser Kollege Michael Schröder geht mit seinem Sohn auf Campingtour. Ihr Shuttle: ein sehr cooler GMC Vandura. An der Story, die dabei entstand, haben wir keine Silbe geändert. Soll sie als Inspiration dienen für große Fußballereignisse in den kommenden Jahren.

Natürlich fallen wir auf. Wie ein Wesen aus einer anderen Welt biegt der weiße Van mit dem chromblitzenden Kuhfänger vor der Haube auf den Parkplatz eines Supermarktes in der hessischen Provinz ab, und die vielen gespannten Blicke lassen darauf schließen, dass man mindestens ein paar Rockstars hinter den verdunkelten Scheiben vermutet. Vielleicht erwarten einige ja auch die Neuauflage des "A-Teams": Die Helden der schrägen 80er-Jahre-US-Serie erledigten ihre Jobs in 98 Episoden ebenfalls aus einem GMC Vandura heraus.

Tatsächlich sind es nur ein Vater und sein achtjähriger Sohn, die sich mit Proviant eindecken und am Nachmittag auf einem Campingplatz das erste Spiel der WM anschauen wollen. In aller Ruhe und natürlich ohne Mutter und Schwester, denen man ständig die Regeln erklären muss, dafür mit Grillwürstchen, Eis und Mezzo Mix satt – genau so hat sich Luca diesen Moment vorgestellt. Es tut gut, endlich mal wieder Zeit für uns haben. Männer brauchen das, Vater und Sohn erst recht.

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Das Abenteuer beginnt mit einem Einkauf. Luca bestimmt die Menüfolge: Grillwurst und Mezzo Mix.

Der Einkauf ist dann auch schnell erledigt, weil wir uns für das Menü zum WM-Auftakt (neben Würstchen und Mezzo Mix) auf das Nötigste beschränken: Bier, Mineralwasser, zwei Baguettes, eine Tube Senf sowie eine Packung Weingummis im XXL-Format. Luca staubt im Vorbeigehen noch einen Fußball sowie eine dieser Vuvuzelas ab, von denen ich vor der WM noch nicht ahnen konnte, wie sehr dieses Getröte mir und allen Nachbarn auf die Nerven gehen kann.

Ein Koloss auf deutschen Straßen

Im nächsten Moment rollt der Van wieder durch das Land in Richtung Hegbachsee, wo wir unser Lager aufschlagen wollen. Das Auto sei voll krass, findet mein Sohn, viel cooler als ein VW Bus, und er wünscht, dass er ab sofort ausschließlich in diesem Mobil zur Schule gefahren wird. So ein 95er GMC Vandura, gefällt natürlich auch den Großen: acht Zylinder, 5,7 Liter Hubraum und rund 200 PS – damit kann man sich nicht nur vor dem Schulhof sehen lassen. Die Kraftentfaltung des Triebwerks lässt dann auch erwartungsgemäß nicht einmal im Ansatz Stress am Lenkrad aufkommen.

Im gleichen Moment, in dem der Automatikschalthebel am Lenkrad auf D steht, der rechte Fuß das Gaspedal sachte in Richtung Bodenblech drückt und sich der knapp drei Tonnen schwere Van nach einem kurzen Aufbäumen lässig wie ein Elefantenbulle in Bewegung setzt, vermittelt dieses Aggregat jene Souveränität, wie sie nur einem V8 zu eigen ist. Dazu passt, dass das Automatikgetriebe seine Aufgaben längst klammheimlich erledigt hat, bevor überhaupt der Wunsch nach einer anderen Fahrstufe aufkommt.

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Wie ein Rock’n’Roller im Musikantenstadl: US-Van im klassisch-deutschen Zeltplatz-Ambiente.

Solange die Straßen einigermaßen geradeaus verlaufen, hält das Auto dann auch tapfer seinen Kurs. Kurven mag dieser Van dagegen weniger, aber das ist bekanntermaßen nichts Neues für jemanden, der aus einer Welt kommt, in der ein Großteil der Verkehrswege ohne nennenswerte Biegung auskommt. Und wo man sich bis heute kaum Gedanken darüber gemacht hat, dass für ein Wendemanöver anderswo nicht immer eine freie Fläche von der Größe eines Fußballfeldes bereitsteht: Wesentlich mehr Raum zum Rangieren als ein 5,40 Meter langer und 2,05 Meter breiter GMC Vandura benötigt selbst ein Reisebus nicht.

Doch so etwas interessiert einen Achtjährigen nur am Rande. "Die Landschaft rauscht wie auf einer Kinoleinwand vorbei", stellt Luca nach ein paar Kilometern dagegen begeistert fest. Vermutlich würden die mit Jalousien versehenen Panoramascheiben tatsächlich genügen, um im Garten ein mittelgroßes Gewächshaus zu errichten, und diese Großzügigkeit setzt sich im Innenraum wie selbstverständlich fort: vier üppige Ledersessel, sogenannte Captain Chairs, in denen die Besatzung gerade noch in Rufweite voneinander entfernt sitzt, dazu eine Lederbank, die sich in ein Kingsize-Bett verwandeln lässt – so ein Van erfüllte auf einen Schlag sämtliche Bedürfnisse gleich mehrerer lebens- und partyhungriger Studentengenerationen zwischen Alaska und Florida.

Luxuriöser Bus mit Teppichboden

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Die Vuvuzela von 2010 übertönt den blubbernden V8. Das Ambiente des Vandura erinnert an einen schicken Privatjet. Vier sehr plüschige und ultrabequeme Ledersessel bieten der Besatzung des Vandura Platz. Im Heck: eine Lederbank, die sich in ein Bett verwandeln lässt.

Der Bestseller der Szene heißt eindeutig: Chevrolet G20, dessen Kurzbezeichnung Chevy Van sich dann auch rasch als Oberbegriff für diese neue Fahrzeuggattung durchsetzte. Der von 1970 bis 1996 produzierte, baugleiche GMC Vandura gilt dagegen als luxuriösere und qualitativ höherwertigere Busvariante, deren Innenraum in diesem Fall dann auch viel mehr an den eines schicken Privatjets als an einen profanen Transporter erinnert: Teppichboden, Wurzelholzverkleidung, Klimaanlage vorne und hinten, vier drehbare Leselampen oberhalb der Fenster, dimmbare Leuchten im Himmel sowie ein Fernseher (leider ohne TV-Empfang) samt Video- und DVD-Player. Am besten gefällt Luca, dass er Herr über eine eigene Stereoanlage ist, die sich auf Fußhöhe links neben seinem Sessel befindet.

Den serienmäßig eingebauten Staubsauger verbucht er als Argument, mit dem man so einen Van gegebenenfalls auch einer Mutter schmackhaft machen könnte. Hinter Groß-Gerau entdecken wir schließlich den Abzweig zum versteckt gelegenen Campingplatz am Hegbachsee. In gut einer Stunde wird die WM angepfiffen, und bis dahin müssen natürlich die Würstchen auf dem Grill liegen. Minuten später dirigiert uns Platzchef Josef Brenner durch sein Reich. Jägerzäune, Gartenzwerge, gehäkelte Gardinen und auch schon mal ein Fahnenmast im Vorgarten – heute haben sich viele Dauercamper für das Wochenende eingerichtet, und in diesen Kreisen mag man es offensichtlich bodenständig. Unser Mobil wirkt auf einmal wie ein exotischer Rock’n’Roll-Star, der aus Versehen im Musikantenstadl gelandet ist. Mal schauen, wie die Szene reagiert.

Jetzt muss jedoch erst einmal alles ruckzuck gehen. Stromkabel verlegen, Stühle und Grill aufbauen, Feuer machen. Und der mitgebrachte Mini-Fernseher soll schließlich auch noch in Position gebracht werden. Wobei die Arbeitsteilung erwartungsgemäß so aussieht, dass Luca sich ein Eis gönnt und anschließend seinen Ball übers Gelände kickt. Dass wir das Spiel Südafrika gegen Mexiko tatsächlich doch noch sehen können, liegt an der spontanen Hilfsbereitschaft der Camper-Szene, die als verschworene Gemeinschaft ihresgleichen (wir gehören also bereits dazu!) in einer Notsituation offensichtlich nie und nimmer im Stich lassen würde. Denn bei uns ist Minuten vor Spielbeginn der größte anzunehmende Ernstfall eingetreten: kein TV-Empfang. Bevor die Situation jedoch eskaliert, erscheint Nachbar Rainer Engerer mit einem neuen Receiver in seinen Händen. "Das ist doch völlig selbstverständlich, dass man sich hier hilft." Er habe in seinem Wohnwagen übrigens längst auf Premiere umgestellt.

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Oh je! Kein Empfang heißt keine WM: Wie erklärt man das einem achtjährigen Fußballfan?

Gleich darauf machen Würstchen, Bier und Mezzo Mix die Runde. Und Südafrika schießt das erste Tor dieser WM. Genau so haben wir uns diesen Moment vorgestellt.

Technische Infos GMC Vandura

Modell: GMC Vandura, Bauzeit 1968 bis 1996.
Antrieb: V8-Benzinmotor, Hubraum 5657 ccm, Leistung 199 PS, Drehmoment 407 Nm, Hinterradantrieb, Viergang-Automatik.
Maße und Gewichte: (L x B x H) 5.400 x 2.050 x 2.550 mm, Leergewicht 2.800 kg.
Varianten: Es gab Kastenwagen sowie Leiterrahmen-Fahrgestelle für Lkw und Wohnmobile. Für Freizeit- und Campingbusse wurden in der Regel Versionen mit Hightop (erhöhtem Dach) verwendet.
Charakter: Der Vandura ist technisch baugleich mit dem Chevrolet G 20, aber luxuriöser ausgestattet. Der Sound des rustikalen, langlebigen V8-Benziners ist Kult. Die Fahrleistungen können heute noch überzeugen. Kehrseite der Medaille: Unter 18 Litern Benzin auf 100 Kilometer macht er’s nicht, auch 25 sind drin. Die Federung ist auf komfortables Cruisen ausgelegt, Kurvenhatz liegt dem Fahrwerk des Vandura nicht. Rangieren kann trotz der sehr leichtgängigen Lenkung in Arbeit ausarten; der Wendekreis des GMC ist riesig.
Verfügbarkeit & Preise: Der Vandura wird in Deutschland selten angeboten. Ende Januar waren auf mobile.de 10 Exemplare gelistet. Die Preise beginnen ab ca. 8.000 Euro. Selten befinden sich die Fahrzeuge im Originalzustand. Viele wurden mehr oder weniger stark individualisiert.