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Fahrbericht Campingbus mit Elektro-Antrieb

Wie fährt sich der Elektro-Camper auf Nissan?

Zooom Stadtindianer Foto: Ulrich Kohstall 14 Bilder

Alternative Antriebe sind Mangelware bei Wohnmobilen. Eine der Ausnahmen: der neue Zooom Stadtindianer mit Elektromotor. Wie kommt man damit in der Praxis zurecht? Wir sind den Mini-Bus gefahren.

23.02.2017 Ulrich Kohstall

Diese Sensation fand am Rande statt. Nur Kenner der Materie bemerkten auf dem Caravan Salon 2015 eine ganz besondere Premiere: Zooom, Spezialist für Minimobile, zeigte das erste elektrisch angetriebene Reisemobil, das man auf dem deutschen Markt kaufen kann.

Campingbus auf Nissan e-NV200

Passende Grundlage ist der neue Nissan e-NV200. Der in Spanien gebaute Japaner wird als NV200 schon länger mit Diesel- oder Benzinmotoren angeboten, fand aber bislang in der Ausbauszene nur wenig Anklang. Das mag daran liegen, dass der Nissan eine halbe Nummer kleiner ausfällt als ein VW-Bus und eine gelungene Einrichtung deutlich mehr Tüftelei erfordert. Als e-NV200 bekommt der Nissan eine eigenständige und etwas längere Frontpartie, um die Lade- und Antriebstechnik aufzunehmen. Der Innenraum bleibt dadurch prinzipiell unverändert. Nissan bietet den Elektrobus in unterschiedlichsten Varianten vom Kastenwagen bis zur Großraumlimousine an.

Zooom Stadtindianer Foto: Ulrich Kohstall
Der Motor des Nissan hat eine Leistung 80 kW/109 PS und ein max. Drehmoment von 254 Nm.

Der hier gezeigte Campingbus basiert auf der Kombiausführung. Mit der Einrichtung von Zooom erhält er den Namen Stadtindianer. Auch dafür gibt es eine Reihe von Ausbaustufen, wobei auch im Wohnraum des ersten Exemplars nur das Nötigste an Bord ist. Das beschert ihm einen verblüffend niedrigen Grundpreis von unter 40 000 Euro, was aber nur funktioniert, wenn man den Akku mietet statt kauft. Kosten dafür: ab 73 Euro pro Monat.

Wie fährt sich der Zooom Stadtindianer Campingbus mit E-Antrieb?

Wer zum ersten Mal hinter dem Lenkrad des kompakten Nissan Platz nimmt, wird gleich mehrfach überrascht. Erst einmal erstaunen die guten Raumverhältnisse im Cockpit, obwohl der Nissan e-NV200 nur 4,56 Meter lang und 1,75 Meter breit ist. Ein Mittelklasse-Pkw nimmt üblicherweise mehr Fläche ein. Allerdings stört im Nissan die ausladende zentrale Konsole, die den Durchstieg nach hinten zur Kletterpartie macht.

Doch jetzt geht es vor allem ums Fahren: Statt einen Zündschlüssel zu drehen, drückt man den großen Einschaltknopf. Dann kommt Leben in die zahlreichen Displays; der Motor bleibt dagegen still. Zum Anfahren bringt man wie von Automatikautos gewohnt den zentralen Wählhebel in die Position D.

Jetzt einfach „Gas“ geben und das E-Auto-Erlebnis beginnt. Verblüffend kraftvoll und ruckfrei nimmt der Nissan Fahrt auf. Auf Gangstufen können Elektromotoren wegen ihres breiten nutzbaren Drehzahlbands verzichten.

Erster Eindruck

Der Nissan vermittelt Fahrspaß der anderen Art. Das liegt sicher am Wissen, dass man lokal emissionsfrei unterwegs ist, aber ebenso an der – nach kurzer Gewöhnung – sehr einfachen Bedienung und dem leisen, vibrationsfreien Schub des E-Motors.

Der e-NV200 fährt sich entspannter und trotz hinterer Blattfedern komfortabler, als man es von einem Kleintransporter erwartet. Fast spielerisch wuselt der Stadtindianer durch die City und über kleine Landstraßen. Erst wenn Tempo gefragt ist, stößt der kräftige 109-PS-Motor – wiederum verblüffend schnell – an seine Grenzen.

Ab 100 km/h geht es nur noch zäh vorwärts

Nissan gibt die Höchstgeschwindigkeit mit 120 km/h an. Das genügt, um an den Lkw-Kolonnen auf den Autobahnen vorbeizuziehen. Ein Überholvorgang auf der Landstraße will aber sorgfältig geplant sein.

Das Ausreizen der Kraftreserven hat noch einen weiteren Effekt: Die angezeigte Reichweite geht rapide zurück. Meldet das Display mit voll geladener Batterie Werte um 150 Kilometer, landet man nach kurzer, flotter Fahrt sofort im zweistelligen Bereich, erst recht, wenn Klimaanlage oder Heizung eingeschaltet werden. Am besten hält man daher die Reichweitenanzeige genauso im Blick wie den Tacho. Ein Beruhigungsmittel für alle, die fürchten, mit leerem Akku zu stranden: der zuschaltbare Eco-Modus, der den Stromverbrauch, aber auch das Motordrehmoment spürbar senkt.

Wie steht's um die Reichweite?

Unter normalen Fahrbedingungen rechnet man am besten mit einer Reichweite von etwa 100 Kilometern. Da ist es sehr hilfreich, dass Nissan dem e-NV200 ein großes, gut ablesbares Navi mit auf den Weg gibt, um die nächste Ladestation an der Route zu suchen.

Findet man eine Schnellladestation vom Typ CHAdeMO (ca. 250 in Deutschland), dauert es eine halbe Stunde, bis der Akku zu 80 Prozent aufgeladen ist. An einer üblichen Haushaltssteckdose muss man für die volle Ladung zehn Stunden einkalkulieren. Beim technisch eng verwandten Elektro-Pkw Leaf verspricht Nissan mit einer größeren Batterie aktuell eine Reichweite von 250 Kilometern. Das wäre für den e-NV200 wohl auch angemessen, um als Reisefahrzeug ernst genommen zu werden.

Der Ausbau von Zooom schafft jedenfalls passende Voraussetzungen dafür. Im ersten Elektromobil realisierte der bayerische Spezialbetrieb eine Minimaleinrichtung mit Bett und drehbaren Vordersitzen im Erdgeschoss und zusätzlichem Aufstelldach mit Liegefläche.

Doch es geht noch mehr, wie in diesem Artikel weiter unten zu sehen ist. Ursprünglich hatte man den Stadtindianer-Ausbau für den Nissan mit Verbrennungsmotor entwickelt. Heute lässt sich feststellen: Für den umweltorientierten, knallroten Elektro-Nissan mit seiner begrenzten Reichweite könnte der Name Stadtindianer kaum passender gewählt sein.

Zooom Stadtindianer Foto: Ulrich Kohstall
Innenraum des Zooom Stadtindiander: Hochbett, Küchenzeile, Schränke

Technische Daten zum Zooom Stadtindianer

Basisfahrzeug: Nissan e-NV200 Kombi 5-sitzig
Motor: Leistung 80 kW/109 PS, max. Drehmoment 254 Nm
Abmessungen: L x B x H 4560 x 1755 x 1980 mm
Preis: 39 504 Euro einschließlich Klapp-/Schlafdach, Bettumbau, Drehsitze, Tisch, Vorhänge, zuzüglich monatliche Batteriemiete

Der Zooom-Ausbau: Alles drin auf wenig Fläche

Eine Spezialität des Zooom Stadtindianers ist seine Komplettausstattung – falls man sich für ein konventionelles Modell mit Verbrennungsmotor entscheidet. In diesem Fall erhält man den Nissan NV200 mit 110-PS-Dieselmotor zum Preis von 42 300 Euro. Im Grundpreis enthalten ist ein werkseitiges Navigationssystem ebenso wie das Aufstelldach, die Möblierung, Heizung, Kühlbox, eine tragbare Toilette und sogar ein Zelt an der Heckklappe samt Außendusche. Wer bestimmte Ausstattungsdetails nicht benötigt, kann sie gegen Minderpreis abwählen.

Beim Elektro-Modell wählt Zooom den sonst üblichen, gegenteiligen Weg: Hier addiert sich zum Grundpreis des Nissan e-NV200 (ab 28.560 Euro) die gewünschte Ausstattung zum Wohnen. Das Dach mit dem 2,00 x 1,25 Meter großen Bett kostet beispielsweise 6200 Euro. Für Bodenplatte, Möbel und Drehsitze werden gut 4000 Euro fällig.

Zooom Berlingo Foto: Silling
Der Elektro-Camper Zooom Berlingo von Familie Silling

Elektro-Umbau: Zooom Berlingo mit Elektroantrieb

Der Zooom Stadtindianer ist nicht der erste Elektro-Camper. Für die meisten Autofahrer gelten Elektromotoren als Zukunftsmusik. Was die wenigsten wissen: Ein elektrischer Antrieb ist nachrüstbar, gerade in älteren Modellen. Lorey in Offenbach hat sich auf die Umrüstung spezialisiert. Je nach Motor- und Akkutyp muss man dafür mit Kosten um 12.000 Euro rechnen. Im Gegenzug entfallen anschließend alle typischen Wartungsarbeiten, die bei Verbrennungsmotoren unvermeidlich sind.

Grundsätzlich ist eine solche Umrüstung auch für kompakte Campingbusse möglich. Vorausgesetzt, man kann sich mit einer deutlich geringeren Reichweite arrangieren, die von der gewählten Akkugröße abhängt. Das Ehepaar Silling hat es ausprobiert und seinen Zooom Berlingo, Baujahr 2008, von Lorey zum E-Mobil umbauen lassen. Dabei entschieden sie sich für einen Linde-Motor mit einem Drehmoment von 150 Nm, der dem Mini-Mobil ein Tempo von 120 km/h erlaubt. Der 22-kWh-Akku kann mit einem Schnellladegerät oder an einer normalen Steckdose aufgeladen werden.

Im Mai 2014 war der erste Lorey-Umbau eines Citroën Berlingo nach einem halben Jahr Arbeit abgeschlossen. Seitdem hat das Paar mit dem Elektro-Zooom mehr als 15 000 Kilometer ohne nennenswerte technische Probleme elektrisch zurückgelegt und Deutschland, Frankreich, Italien, Österreich, Slowenien, die Schweiz, Luxemburg, Belgien sowie die Niederlande bereist.

Allerdings stellten die Sillings auch fest, dass elektromobiles Reisen sehr planungsintensiv ist: Schon vor der Tour muss ermittelt werden, ob es ausreichend Lademöglichkeiten gibt, welche Zugangskarten für die Ladesäulen benötigt werden und wie man sie bekommt. Dabei gibt es je nach Reiseland große Unterschiede. Deutschland hat etwa ein dichtes Netz von Ladestationen mit wenigen Lücken, aber viele unterschiedliche Zugangskarten. In den Niederlanden kann man sich auf eine flächendeckende Versorgung verlassen. In Frankreich stützt sich das ausreichend ausgebaute Netz im Wesentlichen auf die Ladesäulen großer Supermärkte und Autohändler, während an der italienischen Riviera viele im Internet gelistete Ladestationen nicht auffindbar oder nur mit italienischem Bankkonto verfügbar sind.

Doch gerade die vermeintlichen Nachteile wie die geringe Reichweite machen für das Ehepaar Silling den Reiz des e-mobilen Reisens aus. Bei Ladeaufenthalten lernten die beiden oft nette Menschen kennen und besuchten sehenswerte Orte, an denen andere vorbeifahren. Die Elektro-Pioniere haben die unvermeidlichen Ladezeiten für sich genutzt – und wenn es nur zum Kaffeekochen oder Einkaufen war.

Das Fazit von Familie Silling

Man muss sich auf diese entschleunigte Art des Reisens einlassen können, dann macht es wirklich Spaß.

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