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Diesel-Abgasfilter nachrüsten

Wie ist der Fortschritt bei den Filtern?

Blaue Blakette Foto: Fotos: Baumot Group AG und HJS 5 Bilder

Diesel-Nachrüstsysteme könnten die Lösung für das Stickstoffdioxid-Problem in den Städten sein. Aber ist die Technik überhaupt schon einsatzbereit? Und werden Wohnmobile mit bedacht?

02.08.2017 Martin Ehrenfeuchter 1 Kommentar

Stickoxide, Abgasnorm Euro 6, Fahrverbote – nein, hier geht es nicht um das Unwort des Jahres 2017. Die Ankündigung, bestimmte Diesel-Autos künftig aus der Stadt zu verbannen, bringt nicht nur Pendler, sondern auch Reisemobilbesitzer ins Grübeln. Immer häufiger fallen in diesem Zusammenhang die Begriffe „AdBlue-“ und „SCR-Systeme“. Die Automobilindustrie zeigt sich (noch) skeptisch, die Zulieferer beteuern die sofortige Einsetzbarkeit ihrer Produkte und die Politik – ja, was macht eigentlich die Politik? Doch der Reihe nach: Mit der Ankündigung einer möglichen blauen Plakette sowie von Fahrverboten im kommenden Jahr hat die Stadt Stuttgart Dieselhalter in der Region verunsichert. Auch für die meisten Reisemobilbesitzer stellt sich nun die Frage: Was tun gegen ein Einfahrverbot?

Die Lösung soll das Selective-Catalytic-Reduction-, kurz SCR-System liefern. Mehrere Hersteller arbeiten an solchen „Diesel-Saubermachern“ – so auch Abgasspezialist Twintec: Mit dessen BNOx-SCR-System sollen alle gängigen Diesel-Motoren mit Euro 5 sogar die ab 2020 gültige Euro-6d-Norm erfüllen – und das für rund 1500 Euro (zzgl. Einbaukosten). Twintec verspricht eine durchschnittliche Stickoxid-Reduzierung von 93 Prozent – unter Realbedingungen, nicht nur auf dem Prüfstand. Grund genug, sich das Prinzip genauer anzuschauen. Das BNOx-System besteht im Wesentlichen aus zwei Elementen: dem eigentlichen Abgas-Nachbehandlungs-System (siehe Fotoshow/unten) und dem Ammoniak-Generator (siehe Fotoshow/unten). Eine wässrige Harnstofflösung, auch AdBlue genannt, wird über ein Dosiersystem in den Generator gespritzt. Dort wird das AdBlue zu Ammoniak (NH3) aufbereitet. Ein mit dem Generator verbundener Heizkatalysator sorgt dafür, dass die Reaktion schon bei kühlen Temperaturen in Gang kommt und Ammoniak erzeugt wird. So kann die Stickoxid-Reduktion bereits bei Abgastemperaturen ab 150 Grad Celsius wirksam arbeiten. Über einen Mischer wird das NH3 in das eigentliche Abgasnachbehandlungssystem und somit direkt in den Abgasstrom eingeleitet und reagiert dort mit den Stickoxiden zu Wasser und elementarem harmlosen Stickstoff.

Ein ähnliches Prinzip nutzt auch Anbieter HJS aus dem Sauerland, jedoch mit einer anderen Herangehensweise: Zur Reduzierung der Stickoxide wird das SCR-System einem Oxidations-Katalysator und einem Diesel-Partikelfilter nachgeschaltet. Dem durchströmenden Abgas wird zunächst AdBlue eingespritzt, das zu stickoxidminderndem Ammoniak aufbereitet wird. Im letzten Schritt durchläuft das Ammoniak-Abgas-Gemisch dann den SCR-Kat. Auch mit diesem System sollen laut HJS die umweltbelastenden Stickoxidemissionen um bis zu 90 Prozent reduziert werden können. Beide Hersteller haben ihre Systeme mehrfach testen lassen – HJS legte mit einem Euro-IV-Fahrzeug fast 200 000 Kilometer zurück. Das Ergebnis lässt sogar die Besitzer älterer Diesel-Autos hoffen, denn die Technik funktionierte nachweisbar. Das scheint jetzt wohl auch die Automobilindustrie zu merken und erklärt sich nach anfänglichem Zögern gesprächsbereit. Und die Politik? Die ist sich weiter uneins – noch.

SCR-System von Twintec

Rund 30 bis 35 Kilogramm wiegt das BNOx-SCR-System von Twintec – inklusive Tank. Der Katalysator-Hersteller mit Sitz im nordrhein-westfälischen Königswinter und Teil der Baumot-Gruppe möchte Nachrüstsysteme für alle Motorengrößen entwickeln – darunter auch für die gängigen Basisfahrzeuge von Reisemobilen. Die Kosten belaufen sich laut Twintec auf etwa 1500 Euro. Hinzu kommen Einbaukosten von zusätzlich etwa 1000 Euro. Aus technischer Sicht soll das Twintec-BNOx-SCR-System bereits voll einsatzfähig sein.

Ammoniak-Generator (BNOx-Generator) 

Gängige SCR-Systeme dosieren das AdBlue-Additiv direkt in die Abgasanlage am Motorausgang. Das BNOx-SCR-System greift dagegen auf eine für Dieselfahrzeuge weiterentwickelte Methode für Landmaschinen zurück, bei der AdBlue in einen eigens dafür eingebauten Ammoniak-Generator eingespritzt wird. Der Vorteil: Der BNOx-Generator erzeugt bereits ab Abgastemperaturen von 150 Grad Ammoniak. Die sonst üblichen AdBlue-Anlagen werden dagegen erst ab 220 Grad aktiv.

SCRT-System von HJS

1500 Euro kostet das SCRT-System von HJS. Zuzüglich Einbau fallen somit Gesamtkosten von etwa 2500 Euro an. Damit liegt HJS in Sachen Anschaffungskosten gleichauf mit Konkurrent Twintec.

Je nach Motorleistung kann das gesamte System zwischen 25 und 45 Kilogramm wiegen. Hinzugerechnet werden muss das AdBlue, das inzwischen an vielen Tankstellen in Deutschland erhältlich ist. HJS rechnet mit einem AdBlue-Verbrauch von ca. vier Litern auf 1000 Kilometer. Laut Hersteller sollte im Rahmen einer Fahrzeugwartung alle zwei Jahre lediglich eine Sichtkontrolle durchgeführt werden.

Nachgefragt bei Marcus Hausser

Herr Hausser, ist Ihr Diesel-Nachrüstsystem bereits in vollem Umfang einsatzbereit? 

In technischer Hinsicht auf jeden Fall ja. Wir warten auf die Zulassungskriterien von Seiten des Gesetzgebers, der zunächst einmal noch definieren muss, welche Anforderungen ein System genau zu erfüllen hat. Dann können wir richtig loslegen.

Sie sprechen es selbst an. Warum verhält sich die Politik noch so zurückhaltend und auch skeptisch gegenüber der Diesel-Nachrüstung? 

Ich denke, die ganze Problematik ist doch sehr lobbygetrieben. Aufgrund der bevorstehenden Bundestagswahlen müssen sich die Politiker aber zwangsläufig zu diesem Thema positionieren. Deshalb rechne ich hier zeitnah mit einer Lösung.

Inwieweit stehen Sie in Kontakt mit der Automobilindustrie? 

Nach anfänglichem Zögern spüren wir verstärkt ein zunehmendes Inter-
esse von Seiten der Automobilhersteller. Wir haben in naher Zukunft mehrere Projekte mit Erstausrüstern geplant – das stimmt mich sehr positiv und optimistisch.

Werfen Sie doch einmal einen Blick in die Glaskugel: Wo stehen wir in Sachen Diesel-Nachrüstung in einem Jahr? 

Ich glaube, dass die Nachfrage nach einer Diesel-Nachrüstung immens sein wird, da ein Software-Update bei der Nachrüstung keine effiziente Lösung zur Stickoxid-Reduktion bei Euro-5-Fahrzeugen darstellt. Der Staat wird sich finanziell daran beteiligen, das sollte er zumindest meiner Meinung nach.

Fazit

Viel Rauch um nichts? Wohl kaum: Diesel tragen zu einem erheblichen Teil der Stickoxid-Emissionen bei, das ist Fakt. Und dennoch: Wir brauchen den Diesel wegen des Klimaschutzes – zumindest noch für einige Jahre. Studien belegen die Tauglichkeit der SCR-Nachrüstsysteme – sie sind eine echte Alternative zum Neukauf, gerade für Reisemobilbesitzer, die es auch mal in die Stadt zieht. Jetzt muss dringend ein gesetzlicher Rahmen geschaffen werden, der bei der Bevölkerung für Planungssicherheit in Sachen Fahrzeuganschaffung sorgt. Die Politik sollte zügig Klarheit schaffen – der Wirtschaft und der 15 Millionen Dieselfahrer wegen.

Neuester Kommentar

Mal ein Schreiben an die Politik, dies ist jetzt 8 Wochen her und immer noch keine Antwort, man könnte das glatt als Garantiefall anmelden.


Hallo Hr. Dobrindt

Meine Frau und ich sind leidenschaftliche Wohnmobilcamper und haben uns im Oktober 2016 ein neues Wohnmobil Bj 16.02.2016 für 54.000 Euro gekauft. Dieses Wohnmobil haben wir aus ersparten und Kredit sowie unserem alten Wohnmobilverkauf finanziert. Zum Zeitpunkt des Kaufes war kaum die Rede von Euro 6 für Dieselfahrzeuge, jedenfalls ist es nicht so beim kleinen Mann angekommen. Dieses Wohnmobil hat Euro 5, bedingt durch die Euro 6 Debatte und die Einfahrverbote sind wir verunsichert mit unserem neuen Wohnmobil. Wir sind einfache Arbeitende Bürger , die sich nicht einfach mal eben was neues kaufen, sondern bei größeren Anschaffungen eben sparen müssen. Wir können nicht mal eben 4000 – 5000 Euro für eine Umrüstung hinblättern, und mal ganz zu schweigen von dem hohen Wertverlust durch die Euro 6 Einführung.

Nehmen sie bitte die Hersteller der neuen Fahrzeuge in die Pflicht, Neufahrzeuge mit Euro 5 kostenlos umzurüsten, oder aber das der Bund sich daran beteiligt.

Oder aber die Kosten für die Besitzer so klein wie möglich zu halten durch eine Aufteilung der Kosten, zb. Übernimmt der Hersteller 50 % Bund 40% Halter 10 %.

Es kann nicht sein das hier der kleine Mann bluten muss, und wieder mal die Politik sich raushält.

Mfg

Hans-Jörg Woelk

Hansi0204 2. August 2017, 19:25 Uhr
Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
pro 06/2017
Heft 07 / 2017 7. Juni 2017 146 Seiten Heftinhalt anzeigen Artikel einzeln kaufen
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