Stellplatz-Radar: 12.000 Stellplätze in einer App für iOS und Android.
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  1. #1
    imported_Jeff
    Gast

    Standard Albanien ... ein Abenteuer?

    Die 380 km lange Fahrt von Norden nach Süden nach Griechenland.

    Der kleine Grenzverkehr läuft reibungslos. Bei der Einreise müssen wir pro Kopf € 10,00 bezahlen und nochmals € 2,50 für die Fahrzeugdesinfektion, die allerdings nicht stattfindet.
    Schnell versenden wir noch einige SMS an unsere Kinder und klären sie über Standort und Plan zur Durchfahrt auf.
    Sie sollen wissen dass wir nun Albanien angehen.
    Dann rollen wir.
    Die ersten Kilometer laufen gut. Wir queren auf einer alten, einspurigen Holzbrücke ein auf der Karte nicht näher bezeichnetes Gewässer.
    Fast hätten wir die Brücke links von uns verpasst, sieht es doch so aus als führe die Hauptstrasse immer geradeaus. Beschilderungen sind in Albanien eher eine Seltenheit.
    Zum Glück steht an der Straße ein Bauer der uns wild gestikulierend anzeigt, dass wir auf dem falschen „Holzweg“ sind. Wir danken per Handgruß, wenden und rollen langsam über die alten und vom Regen spiegelglatten Bohlen der Holzkonstruktion und Brücke. Ein Polizist regelt diese „Einbahnstraße“ und passt auf, dass nicht gleichzeitig zwei oder mehr Lkws dieses wackelige Gebilde befahren.
    Bei Skhodar erreichen wir die Schnellstrasse nach Tirana, der Hauptstadt Albaniens.
    Es regnet in Strömen, aber die Straße ist soweit sehr gut ausgebaut und wir machen schnell die knapp 100 Kilometer nach Tirana wett. Unterwegs und auf der Straße begegnen uns Eselsfuhrwerke, natürlich ungesichert und ohne Licht, auch ganze Schafherden tummeln sich auf dem Asphalt, wie auch Kühe und eigentlich alles, was man auf einer Schnellstraße nicht vermuten würde.
    Kaum in Tirana angekommen erkennen wir auf welches Chaos wir uns eingelassen haben.
    Die Straßen, wenn man sie so nennen kann, sind eher verschlammte Pisten. Schlaglöcher so groß wie unser ganzer Campingbus und bis zu 40 cm tief, voll mit braunem Schlamm und Regenwasser müssen wir im Schritttempo durchfahren.
    Dabei tobt ein höllischer Verkehr um uns herum.
    Vor uns staut es sich, hinter uns wird hemmungslos gehupt und zu beiden Seiten drängeln sich alle möglichen Fahrzeuge an uns vorbei.
    Es scheint keine Regeln zu geben und wenn es welche gibt, so hält sich niemand daran. Ergo müssen auch wir eine etwas rabiatere Fahrweise an den Tag legen, sonst kommen wir nicht vom Fleck.
    Die Straßengullys liegen bis zu 40 cm tiefer als der noch teilweise zu erahnende Asphalt. Wir werden kräftig durchgeschüttelt und mit uns alles was im Fahrzeug verstaut ist. Unser 4-Tonnen-Reisemobil ächzt, knirscht, rappelt und scheppert.
    Gerade verabschiedet sich der Halter einer Gardinestange, gefolgt von einem lautem knacken und Bruch der Kleiderstange.
    Jetzt können wir nur erahnen was hinter uns alles im Fahrzeug passiert und was wir noch vor uns haben werden. Doch egal, wir sind in Tirana und nun müssen wir auch durch Tirana durch.
    Die bunt getünchten Häuser Tiranas verleihen der Stadt einen gewissen Hauch von Fröhlichkeit in der Höhe.
    Allerdings beschränkt sich das wirklich nur auf die Hausfassaden. Lässt man den Blick auf alles andere schweifen sieht die Realität doch eher ernüchternd aus.
    Irgendwie kommen wir uns vor, als würden wir eine riesige, belebte Müllhalde durchkreuzen.
    Ein Science Fiktion aus einer anderen Welt?
    Es wird langsam dunkel und somit Zeit einen halbwegs sicheren Stellplatz für die Nacht ausfindig zu machen.
    Wir biegen auf die Autobahn Richtung Küstenstadt Durres ab.
    Bis Durres sind es 35 Kilometer. In Tirana wollen wir unser Nachtquartier jedenfalls nicht aufschlagen. Nach ca. 20 Kilometern finden wir eine große Tankstelle mit Restaurant und Hotel auf einem großem und hell erleuchtetem Parkplatz. Wir parken so, dass das Heck unseres „Hotels“ an einem hohen Metallzaun zu einer Raffinerie steht. Eine gute Idee wie wir später feststellen, denn gegen 20 Uhr sichern 3 große und laut knurrende Schäferhunde das Gelände. Links von uns ist das hell erleuchtete 24-Stunden-Restauant und vor uns die Tankstelle. Alarmanlage, KO-Gas-Warngerät, Rauchmelder, alle möglichen Verrieglungen werden von uns eingesetzt diese Nacht. Wir fühlen uns sicher, relativ sicher. Das letzte was wir wahrnehmen ist der Sprechgesang eines Muezzins, dann schlafen wir ein.
    Gegen 4 Uhr morgen werden wir daran erinnert wie sicher unsere Platzwahl war. Vor uns wurde in der Nacht eine Polizeisperre errichtet die den Autobahnverkehr überprüft. Mehr Sicherheit konnten wir uns wohl kaum wünschen, allerdings mussten wir dafür auch unsere Nachtruhe opfern.
    Laut grölend, teils lauthals singend verrichteten die Ordnungshüter ihren Dienst. Wie Kinder balgten sie sich auf der Autobahn herum, wenn mal gerade kein Fahrzeug kam. Was bleibt uns übrig, als in warme Decken gepackt dem Treiben eine Weile zuzuschauen. Es ist noch stock-dunkele Nacht und die Fahrzeuge die angehalten werden sind zum größten Teil ohne Licht unterwegs, was die Ordnungshüter offensichtlich nur peripher tangiert. Wohl gemerkt, wir stehen an der Autobahn! Manche Fahrer mussten aussteigen und den Beamten die Innen- und Außenhandflächen zeigen. Nennt man das hier Zielfahndung? Auch tummeln sich auf der Autobahn Mofas, wobei die oder der Sozius, des starken Regens wegen, dem Fahrer auch noch einen Regenschirm vor das Gesicht hält.
    Fünf Polizisten tun hier in dieser stürmischen Regennacht Dienst. Zwei in Uniform und gelben Regenjacken, drei schwer bewaffnet in Kampfanzügen mit schusssicheren Westen. Die ersten zwei halten die Fahrzeuge an, die anderen drei befinden sich eher im Hintergrund am Parkplatz, offensichtlich für den Fall der Fälle. Nach einer Stunde zuschauen wird die Sache dann aber eher langweilig und wir visieren das Bett an und da passiert es. Quietschende Reifen, Geschrei, Trillerpfeife!. Ein Fahrzeug durchbricht die Polizeikontrolle und die beiden Verkehrspolizisten springen zur Seite und in Sicherheit. Nun geht alles sehr schnell. In Windeseile sind vier Polizisten im Polizeiwagen, um die Verfolgung aufzunehmen. In gleicher Windeseile springen Drei wieder aus dem Auto raus, denn anspringen will der Wagen offenbar nicht. Sie versuchen es mit anschieben, ohne Erfolg, es geht ja auch bergauf. Der Vierte steigt nun auch wieder aus, gemächlich und gemütlich diesmal. Man beschließt wohl die Verfolgung aufzugeben und geht zur Tagesordnung über. Sie balgen sich wieder wie Kinder, lachen und grölen herum. Na dann Gute Nacht, oder was von der Nacht noch übrig blieb.
    Gegen 6 Uhr und einem gutem, starken Kaffee besichtigen wir die kleineren Schäden im Fahrzeug und flicken provisorisch Gardinenhalter und Kleiderstange. Es kann weiter gehen. Nach 15 Kilometer erreichen wir Durres, die Küstenmetropole. Auch hier herrscht das in Tirana schon erlebte Chaos an Verkehr und natürlich wie könnte es anders sein, regnet es ohne Unterlass und die Straßen gleichen Kanälen. Das macht das Fahren nicht gerade einfacher, denn wir können ja nicht sehen, was sich unter der Wasseroberfläche befindet. Langsam durchfahren wir die Stadt. Natürlich verfahren wir uns, denn Beschilderungen gibt es ja kaum welche. Ein Polizist weist und freundlich den Weg und wir kommen am großen Hotelboulevard am Hafen an. Hier fahren wir südlich und dann immer der „Schnellstraße“ entlang.
    Die Hotels sind alle recht neu und leuchten ebenso in fröhlichen Pastellfarben. Touristen sehen wir keine, haben wir zu dieser Jahreszeit auch nicht erwartet.
    Vorbei an der großen Bucht von Durres zur rechten fahren wir entlang der touristischen Zentren. Das Mittelmeer können wir nur erahnen, denn eine Wand von Hotels türmt sich vor uns auf. Die schöne Seite zeigt natürlich zum Meer und den Stränden, die Hässliche zur Straße. Was wir hinter den Hotels sehen verschlägt uns dann doch den Atem. Angefangen von Öllachen, Müllhalden und einem Berg von Tausenden von Autobatterien ist alles dabei, was für die Umwelt schädlich ist. Dies sehen die Touristen jedoch nicht. Ihre Fenster weisen zum Strand, nicht zur Straße. Hier möchten wir nicht mal den Finger ins Meer halten um die Temperatur zu erfühlen. Wie war das doch in Deutschland? € 7,50 Pfand für eine Autobatterie! Wer nun Pfandmarken und einen LKW zum Verladen hätte könnte ein Vermögen verdienen.
    Kurz hinter Durres, in Erwartung schlimmster Straßenverhältnisse und hoffend Albanien überhaupt mit unserem Camper durchfahren zu können, immerhin die Berge in der Ferne strahlen mit ihren leuchtenden Schneekappen, werden wir angenehm überrascht.
    Wir rollen auf einer Autobahn! Rollen? Nein, wir glauben zu schweben! Eine Asphaltdecke, so eben, wie wir sie heute nicht einmal mehr in Westdeutschland vorfinden. Na dann ist ja alles klar, es ist 7 Uhr, ca. 270 Kilometer bis zur griechischen Grenze, in 2,5 Stunden sind wir durch. Hurra! Wir freuen uns über den Edelasphalt und lächeln nur noch dankend für die guten Straßenverhältnisse über die unzähligen Kreisverkehre, Eselsfuhrwerke, Mofas, Schaf- und Kuhherden und paar Geisterfahrer die auf dieser Autobahn unterwegs sind.
    Schnell erreichen wir den Ort Kavaje und rollen gemütlich gen Rrogozhine. Aus unseren Lautsprechern klinkt ein Konzert von Ken Hensley, wir sind einfach super drauf.
    In Rrogozhine endet die Autobahn im Ort. Nicht schlimm denken wir, hinter dem Ort geht’s dann weiter mit einer Schnellstraße, so zeigt es unsere Karte an. Guter Dinge durchfahren wir den Ort, schießen so manches Foto und wundern uns über die merkwürdigen Errungenschaften des neu gewonnenen Kapitalismus zu unseren beiden Seiten. Garagen sind direkt an die Straße gebaut. Sie dienen als Ladenlokale. Alles wird hier feilgeboten. Vom LKW-Spiegel bis zum Hausschlappen, meist unsortiert, Jeder führt alles in seinem Sortiment. Wir haben schnell einen passenden Namen für diese Läden „Ich-Habe- Alles-Kaufhaus“. Das lassen wir uns ja noch gerne gefallen, allerdings würgt es uns schon, wenn wir die Lebensmittelläden (Garagen oder Holzschuppen) sehen. Da hängen direkt an der Strasse beim Metzger ganze Hammelhälften und der nächste noch lebende Artgenosse, dem das gleiche Schicksal in wenigen Minuten erwartet, weil der Metzger davor schon zwei Messer schärft, ist darunter angebunden. Gleich wird er wohl auch geschächtet. An den Hammelhälften kleben die Fliegen und so mancher Spritzer brauner Dreckbrühe aus den zahlreichen Pfützen und Schlaglöchern, der durch einen vorbeifahrenden Laster in die Höhe spritzt erreicht auch das hängende „Lebensmittel“. Fleisch soll in Albanien ja sehr billig sein, doch wir verzichten lieber auf den Hammelgulasch und vergewissern uns noch mal schnell, das unser Tief-Kühlschrank noch gut gefüllt ist. Warum sollten wir eigentlich an der Grenze desinfiziert werden?
    Noch erahnen wir nicht was uns hinter der Ortdurchfahrt von Rrogozhine erwartet. Die eingezeichnete Schnellstraße entpuppt sich als ein etwas äußerst schwer zu beschreibendes Etwas. Man kann noch erahnen, dass es einmal eine Straße mit Asphalt war, aber nun? Wir finden kein Wort dafür und umschreiben es mal so.“ Schlammige Buckelpiste mit Trümmerresten von Asphalt, übersäht mit riesigen, tiefen Schlaglöchern, bei teilweiser Fahrbahn-Überschwemmung, ohne feste Bankette“. Noch rund 200 Kilometer, schießt es uns durch den Kopf. Das schaffen wir dann in 2-3 Tagen, nicht früher und schon gar nicht schneller. Irgendwie kommt mir der Gedanke von dem Metzgerladen wieder in den Sinn. Ich verwerfe diesen wieder schnell, man kann ja auch mal ohne Fleisch auskommen, wenn’s wirklich länger dauert, tröste ich mich darüber hinweg.
    Im Schritttempo geht’s weiter. Mehr als 10-20 Stundenkilometer sind nicht drin. Die Schneeberge grüßen nun schon aus der Nähe und irgendwie überfällt mich der Wunsch hier und jetzt aufzugeben, zu wenden, einfach zurückzufahren. Wie heißt es so schön, „ … die Hoffnung stirbt zuletzt!“ und deshalb entschließen wir uns weiter durchzuhalten. Es kann schließlich nicht mehr schlimmer kommen.
    Als sich vor uns zu beiden Seiten einmal wieder Müllberge in den Straßengräben auftürmen wissen wir aus neu erlangter Erfahrung, dass sich nun der nächste Ort ankündigt. Lushnje müsste es sein laut Karte sein, Ortschilder gibt es hier unten keine mehr. Mit einer Großstadt vor uns wissen wir was uns nun wieder an jedem Verkehrsknotenpunkt erwartet. Mit Karte raus aus dem Wagen raus und irgendein Gesicht ausfindig machen, welches einen halbwegs kompetenten Eindruck vermittelt, um nach dem Weg zu fragen. Nach einer Stunde sind wir auch durch Lushnje durch. Mehrfaches Wenden war wieder einmal angesagt, dann stimmte die Richtung, wir rollen gen Süden. Wie in Lushnje so auch in Fier, der nun vor uns liegenden, nächsten Stadt.
    Wir möchten noch erwähnen dass wir auf diesen Strecken nicht etwa das einzigste Fahrzeug unterwegs sind. Vorzugsweise fährt man in Albanien deutsche Autos. Wir schätzen das rund 80% aller Pkws die wir sehen aus der Daimler-Benz-Schmiede in Stuttgart stammen. Es sind alle Typen dabei, von uralt bis nagelneu. Gefolgt wird diese Nobelmarke von BMW und Audi. Rund 90% deutsche Karossen. So manches von seinem Eigentümer in Deutschland vermisste Fahrzeug mag darunter sein.
    Auch rollt hier der Fern- und Lastverkehr ohne Pause. Volvo und Scania sind hier die Marken die auffallen. So werden wir fleißig überholt, so mach einer kommt uns auf unserer Seite entgegen, um dann im letzten Moment sich wieder nach rechts zu besinnen. Es gibt viele nicht ganz ungefährliche Situationen, was auch die vielen Gedenktafeln mit Fotos Verunglückter und Verstorbener auf diesen Strecken beweisen. Hunderte dieser Gedenkstätten, vom einfachen Holzkreuz bis zu kleinen Kapellchen sehen wir am Rande der Pisten. In einer Kurve kommt uns ein LKW entgegengeschleudert. Zum Glück fängt der Fahrer den Wagen rechtzeitig wieder ab.
    Ließt man so die Beschriftungen auf den Lkws könnte man sich in Deutschland wähnen, wären da nicht die albanischen Kennzeichen an den Fahrzeugen. Von Vießmann-Heizkessel über Aldi bis hin zu Continental-Gummireifen ist jede Beschriftung und Werbung dabei. Dabei sind dies nicht diese Firmen die hier fahren oder für die gefahren wird. Es handelt sich um nach Albanien importierte Lastkraftwagen.
    Nächster Zielort ist Vlore und von dort aus geht muss es ins Inland gehen. Es ist schön später Nachmittag als wir Vlore erreichen. Noch 160 km laut Karte. Wir rollen durch Vlore und wieder grüßt unser „Kartenspiel“. Wo sind wir, wo müssen wir abbiegen, welches ist die richtige Straße? Wir versuchen es bei einem älteren Herrn der für diese Ortschaften einen recht ordentlich gekleideten Eindruck macht, vielleicht ein Lehrer? Ein Beamter?
    Mit Händen und Füßen verständigen wir uns. Seine Handzeichen sind eindeutig, wir verstehen dass es hier nicht mehr weitergeht. Unmöglich, hier, die Karte zeigt es doch eindeutig. Wieder wiegelt er ab. Wir verstehen nur zwei Wörter die er sagt. Das eine ist eine Art von „No“ unterstützt von eindeutiger verneinender Gebärdensprache, das andere lautet „Vier“. Was meint er nur? Meint er 4 Straßen weiter? Er zeigt in die entgegengesetzte Richtung dabei. Als wir nicht zu verstehen scheinen wird er massiver und ruft laut und mehrmals „Vier – Vier- Vier!“ und fasst sich dabei an den Kopf. Dann schlingt er seinen Arm so komisch herum, soll wohl abbiegen bedeuten. Wir jedenfalls verstehen jedenfalls nur „Bahnhof“.
    Es folgen drei weitere Versuche wieder auf Strecke zu kommen. Ein Kontakt erübrigt sich sehr schnell, mit verbalem Gruß aus zweiten Weltkriegstagen werden wir empfangen, um uns gleich wieder abzuwenden. Andere Kandidaten, bessere Auskünfte? Endlich finden wir einen Uniformträger. Er spricht nur italienisch, ist wohl vom Zoll. Vlore ist ja schließlich eine große Hafenstadt. Mit italienisch kommen wir besser voran. Wir sprechen selbst ein paar gängige Worte. Schnell wird uns klar, was uns der ältere Herr von vorhin vermitteln wollte. Er wiederholte doch so oft das Wort „Vier“. Nun wird klar was er meinte, wir müssen zurück nach Fier, dem Ort Fier, nur von dort soll es gen Gjirokaster und dann zur griechischen Grenze gehen, bestätigt auch unser italienischer Zollbeamte freundlich.
    Was war geschehen? Eine einfache Erklärung, die Karte, vom ADAC immerhin, stimmte nicht. Gjirokaster ist von Fier aus zu erreichen, nicht von Vlore.
    Mit Grauen quälen wir uns die 38 Kilometer zurück nach Fier. 2,5 Stunden verlorene Zeit. Wir wollen auf jeden Fall schnell aus Albanien raus. Zum einem wegen dem Wetter, es regnet immer noch stark und lässt darauf schließen, das es in den inländischen Bergregionen bereits schneit. Zum anderen möchten wir nicht in diesen schmutzigen Städten, oder irgendwo ungesichert am Rande der Pisten übernachten. Wir treten aufs Gas. In Fier angekommen, wiederholt sich das alte Spiel. Karte her, aus dem Fahrzeug raus, Richtung erfragen. Diesmal haben wir Glück, an einem Kreisverkehr müssen wir wegen Stau stehen bleiben und ein Schreiner in einem dieser merkwürdigen dreirädrigen Wagen bietet uns an ihm zu folgen. Wir nehmen die Einladung gerne an, folgen ihm und erreichen bald den Ortsausgang von Fier Richtung Gjirokaster.
    Wir bemerken sogar ein Schild, „Gjirokaster 160 km“. Nun geht es Richtung Inland und einige kleinere Pässe sind zu nehmen. Die Piste ist nicht ganz so schlecht, wie die völlig zerstörte vorher beschriebene Buckelpiste, jedoch mehr als 30-50 km/h sind nicht drin, ohne das Risiko eines Achsbruches und des Zusammenbruch der gesamten Inneneinrichtung unseres Reisemobils einzugehen.
    Wir durchfahren unzählige kleine Orte. Wie schon vorher beschrieben kündigen diese sich nur durch Müllhalden zu beiden Seiten der Piste vor den Ortschaften an. Ist das die Errungenschaft der freien Marktwirtschaft? Wir diskutieren darüber, wie lange es dauernd könnte, bis die Ortschaften rundherum völlig zugemüllt sind. In welchen Verhältnissen die Kinder hier aufwachsen und welche gesundheitlichen Risiken durch diese Müllberge entstehen. Schließlich sickert das Regenwasser durch den Müll und gelangt so in Quellen, Brunnen, in das Trinkwasser, in die Flüsse und Seen, oder schwappt einfach durch die Orte selbst. Wir mögen nicht daran zu denken, wie es im Sommer, bei Inlandtemperaturen um 40 Grad hier stinken mag und welche Trilliarden Bazillen und Viren hier wirken. Von den Ratten ganz zu schweigen.
    Derweil sehen wir in allen Orten das die Männer wohl ein und dasselbe Hobby zu pflegen scheinen. Sie stehen an der Straße herum. Scheinbar von morgens bis abends, oder wechseln sie sich ab? Kein Ort ohne die Herren mit den berühmten Händen in den Taschen an den Straßen. Irgendwie kommt uns das so sinnlos vor und auch wenig attraktiv.
    Es geht durch den Ort Sinanay weiter nach Tepelene. Wir hoffen einmal wieder. Hoffen, dass sich die falsch eingezeichnete Route unserer Karte hier vielleicht als Anbindung in eine Schnellstraße verwandelt. Diese Hoffnung begraben wir als wir Tepelene erreichen, die Straße bleibt wie sie ist, eine einzige Katastrophe.
    Es ist schon fast dunkel als wir Gjirokaster durchfahren und dann unerwarteter Weise hinter Jergucat auf eine echte Asphaltpiste gelangen, die uns sicher bis zur Grenze geleitet. Zur Grenze sind es noch 18 Kilometer. Inzwischen ist es dunkel. Straßenlampen gibt es wohl einige wenige, doch die sind wohl defekt. Für die rund 270 Kilometer haben wir 12 Stunden gebraucht, ohne Pause.
    Nun noch schnell über die Grenze nach Griechenland, den nächsten großen Rastplatz ansteuern, zwei-drei Bierchen, ein Stück Wurst und Brot und dann ab ins Bett, mehr wünschen wir uns jetzt nicht mehr.
    Der Grenzübergang auf albanischer Seite, wie zu erwarten, ein Chaos an Fahrzeugen und Menschen. Lauter kleine Shops, zurechtgezimmert aus ein paar Latten und Blech bieten alles was in Albanien billig und Griechenland teuer ist. Zigaretten gehören dazu, wie auch Schuhe, Textilien. Wie auf einem Bazar geht es hier zu.
    Der albanische Grenzpolizist winkt uns uninteressiert und schnell durch. Wir zahlen wieder für die nicht stattfindende Desinfektion des Fahrzeugs € 2,50 und nochmals eine Straßenbenutzungsgebühr in Höhe von € 16,00. Der Zollbeamte hingegen will alles inspizieren. Er ist wohl der Chef des ganzen. Führt sich auf wie auf einem Kasernenplatz beim Morgenappell und schreit die LKW-Fahrer an und kommandiert sie herum. Er springt von einer Ladefläche auf die andere, na das kann ja heiter werden. Er mustert uns mit strengem Blick durch die Windschutzscheibe und gibt klare, nicht zu überhörende Anweisung, die wir akustisch nicht verstehen. Seine Körpersprache hingegen ist nicht zu übersehen, wir sollen links einparken und auf ihn warten, so die unmissverständliche Deutung.
    Während wir überlegen was wir an Bord haben, was wir vielleicht nicht unbedingt haben sollten, oder jedenfalls nicht in den Mengen, klopft der resolute Beamte an die hintere Tür. Um ihn von der Inspektion abzubringen versuche ich ihm noch klarzumachen, dass es sich hier um unser Wohnzimmer, Schlafzimmer, Küche, ja Lebensraum handelt und er gefälligst die Schuhe auszuziehen hat, schon wegen des Teppichbodens. Schließlich würde ich sein Heim ja auch nicht mit Dreckschuhen voller Lehm und Diesel betreten. Interessenslos ignoriert er meinen Wunsch und steht auch schon mitten in unserem „Hotel“. Er deutet uns das Licht anzumachen. Wir schalten das Licht ein, drücken ihm unsere Taschenlampe zudem in die Hand. Nun beginnt er jede Schublade, jede Schranktür zu öffnen, selbst das Hubbett muss herunter. Er kramt in unserer Bettwäsche herum. Dann fasziniert ihn auf einmal etwas. Die Verschlüsse unserer Schränke. Sie haben zwei Funktionen. Einmal als Knopf zum öffnen und einmal als Sicherung gegen Selbstöffnung beim Fahren. Sein Spieltrieb kommt zum Vorschein. Er fummelt daran herum, schaut sich genau an, wie sie funktionieren, scheint stolz zu sein sie auch selber bedienen zu können und wir nun etwas zahmer, ja lächelt sogar und entschuldigt sich, als einige DVDs aus dem Schrank herausfallen.
    Mit den Worten „Policia finished“ , so kam es bei mir akustisch an und einem knappen militärischem Gruß der Handfläche an den Kopf verlässt er unser Hotel. Wir atmen auf und werfen einen Blick auf den Teppichboden. „Ach komm, das macht nichts, ich schrubb ihn wieder sauber!“, sage ich zu meiner Frau.
    Wir sind nun durch, haben Albanien selbst gefahren und erfahren. Alles In knapp 2 Tagen.
    Müssen wir uns das noch mal gönnen?
    Nein! Nächstes mal wird’s ne Fährfahrt und dann schauen wir vom Fährschiff aus auf die albanische Küste, setzen uns in unseren Sesseln zurück, trinken ein Glas Champagner und werden uns lächelnd erinnern.
    Wir fanden das Albanien nichts Wirkliches zu bieten hat. Weder landschaftlich, noch architektonisch. Kein Charme oder Romantik versprüht. Wir fanden nichts ursprüngliches, nichts Typisches oder Neues, sieht man einmal von den farbenfrohen Fassaden einiger Gebäude der großen Städte wie Tirana und Durres ab. Die Menschen denen wir begegneten waren freundlich und hilfsbereit. Die Verständigung in englischer Sprache ist schwierig.
    Der Liter Diesel kostet umgerechnet € 1,00. Griechische Zigaretten € 15,00 pro Stange. Für große 3 LKW-Spiegel zahlen wir nach langen handeln € 25,00, was sehr günstig ist. Lebensmittel mochten wir uns gar nicht erst anschauen. Fleisch schon gar nicht und der an den Straßen angebotene Fisch machte auch nicht den frischesten Eindruck. Textilien brauchten wir nicht, Schuhe ebenso, Andenken haben wir in Hülle und Fülle in Form von Fotos und unseren eigenen Erinnerungen. Ergo, mit uns war kein Geschäft zu machen.
    Abenteuer Albanien? Wohl eher nicht, schon gar nicht für Reisemobilisten, mit ihren doch meist eher zart beseelten, empfindlichen Fahrzeugen.
    Endlich kommen wir spät abends in Griechenland an. Eine kleine verschlafene Taverne am Rande einer Tankstelle. Wir gehen schnell in die Taverne essen und müssen laut lachen, als wir endlich in unserem „Hotel“ in die Betten fallen und über uns der Sternenhimmel leuchtet und wir schnell, auch ohne Muezzingesänge, einschlafen.

  2. #2
    Mona
    Gast

    Standard Ein herrlicher Bericht - sehr amüsant

    Lieber Jeff,

    danke für den amüsanten Bericht über die Tour durch Albanien. So unerfreulich es auch für Dich als Reisenden war, Deinen Bericht zu lesen hat riesigen Spaß gemacht. Wir werden wohl auf Albanien verzichten!
    Gruß Mona

  3. #3
    Waggerla
    Gast

    Standard

    Hallo Jeff,

    auch wir fanden Deinen Beitrag äußerst amüsant, waren gleichzeitig aber auch ziemlich erstaunt. Haben wir da was nicht mitgekriegt? Wolltet Ihr nun Albanien erleben oder nur als Transitland nach Griechenland benutzen? Wenn Eure Fahrt durch Albanien nur als Transit gedacht war, bin ich sehr erstaunt, dass Ihr Euch nicht vorher erkundigt habt, welches die beste Strecke durch Albanien ist. Auch wir haben im August 07 Albanien durchquert um nach Griechenland zu gelangen. Wir hatten keinerlei Probleme mit den Straßen, weil wir auf den sogenannten "Autobahnen", für uns aber nur gut ausgebaute Bundesstraßen, nach Griechenland gefahren sind. Hier unsere Reiseroute: Von Montenegro (Ulcinj) über den Grenzübergang Sukobin (war am nähesten) nach Shkoder, weiter nach Lezhe, über Durres (nicht über Tirana) nach Kavaje und Rrogozhine nach Peqin und Elbasan, weiter nach Librazhd, dann nach Kafe Thane (Grenzübergang), dann über Struga (Mazedonien) nach Ohrid und Bitola, anschließend nach Griechenland. Wir fuhren morgens um 8.00 Uhr über die Grenze in Sukobin und um 16.00 Uhr waren wir dann in Mazedonien. Zurück fuhren wir nicht über Mazedonien sondern am Westufer des Ohridsees (Albanien) über Pogradec, Rest wie gehabt. Albanien bietet landschaftlich schon etwas fürs Auge, vor allem in den Bergregionen und es sieht zum Teil sehr arabisch aus. Der Dreck, der überall rumliegt ist übrigens auch sehr arabisch! Wer Charme und Romantik will, muss halt nach Italien fahren. Wir haben unsere Reise schon Wochen vorher entsprechend vorbereitet und im Internet, im Albanienforum, solche Dinge wie Straßenverhältnisse genauestens recherchiert. Außerdem gibt es einen supernetten albanischen Konsul, der einem gerne solche Dinge erzählt, wenn man ihn telefonisch kontaktiert. Sehr erstaunlich, dass ihr das offensichtlich nicht getan habt! Für uns jedenfalls hat sich Albanien als Transitland bewährt und wir werden das jederzeit auch wieder tun. Übrigens haben wir uns in Griechenland mit Freunden getroffen, die auf Fähren schwören. Zurück sind sie dann mit uns über Albanien gefahren, weil sie sich über den zunehmend schlechten Service auf den Fähren scheckig geärgert haben. Unser Motto ist jedenfalls: Lieber über Albanien nach Griechenland, als auf der Fähre Champagner schlürfen. Wer die arabischen Länder liebt, fühlt sich in Albanien auch ganz wohl. Ein Urlaub mit dem Wohnmobil und kreuz und quer durchs Land fahren ist aber wegen der schlechten Nebenstraßen ungünstig. Aber die Transitstrecke ist wunderbar!

    Liebe Grüße
    Waggerla

  4. #4
    burg.wolfg.thorn
    Gast

    Standard Im Transit durch Albanien

    Schade, daß Du solch schlechte Erfahrungen gemacht hast. Leider sind die Karten vom ADAC nicht immer die Besten und seit unseren Erfahrungen in Kreta, sind wir vorsichtig geworden.
    Im Juni 2008 sind wir von GR (Florina) kommend via Mazedonien (Bitola - Ohrid ) - Albanien (Tirana-Shkoder) bis nach Dobrovnik in 13 Stunden gefahren. Deine negativen Erahrungen können wir nicht teilen, bis auf die Strecke Shkoder - Grenze Montenegro. An den Grenzen sind wir überaus freundlich empfangen und zuvor kommend behandelt worden, was nicht dem eigentlichen Umgangston der Grenzer gegenüber den Einheimischen oder Mitgliedern der angrenzenden Ländern entsprach.
    Gerade die Grenzlandschaft zu Mazedonien läd uns in Erinnerungen immer wieder ein, dieses Land näher kennen zu lernen. Siehe auch Berichte im Wohnmobilforum.
    Gruss
    burg.wolfg

  5. #5
    aldie
    Gast

    Standard Albanien ?

    Ein schöner Reisebericht ( wenn man nicht selbst betroffen ist )von einer Fahrt durch dieses Land.

    Beim Lesen des Berichtes mit einer Fahrt im VW Bully durch ein solches Land kamen Erinnerungen hoch von vor 12 Jahren als wir dort waren.
    Mit einem normalen Mobil sind solche Strecken nicht zu machen ( dafür sind sie auch nicht gebaut ) hier ist ein alter AL 28 das ideale Fahrzeug, jedoch für uns kommen solche Fahrten heute nicht mehr in Frage.
    Trotzdem ist es ein Risiko solch ein Land zu durchfahren und man sollte jedem abraten, wenn jemand jedoch eine Gefängniszelle kennen lernen will wo es kein Fernsehn oder Radieo gibt, dann soll er das machen.

  6. #6
    burg.wolfg.thorn
    Gast

    Standard Albanien?

    Hallo zusammen,
    aus unserer Erfahrung im Transit durch Albanien. Immer! Wir hatten zuvor Sch... ohne Ende, haben es aber gewagt und nicht bereut. Ob ich allerdings als Solist fahren würde, weiss ich nicht. Wir sind inder Regel immer zu Zweit oder Dritt unterwegs. UInd wenn dann, nur die Strecke - wie bereits erwähnt. Nicht an der Küste längs.
    Und diese Strecke war gut ausgebaut.
    Gruss BurgWolf

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