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Erdgas statt Diesel fürs Wohnmobil

Mit Gasantrieb trotz Fahrverbot in Großstädte

Iveco Daily Natural Power Foto: Jürgen Bartosch 7 Bilder

Klar ist, im Mobilitätssektor muss sich einiges ändern. Batterieelektro- oder gar Brennstoffzellenantriebe brauchen aber noch Entwicklungszeit. Die Erdgas-Technik könnte die Lücke schließen.

21.01.2018 Jürgen Bartosch

Erdgas? Ist doch ein alter Hut. Viele heizen seit Jahrzehnten ihre Wohnung mit dem fossilen Gas und auch damit betriebene Fahrzeuge sind nichts wirklich Neues. Okay, Erdgas verbrennt sauberer und effizienter als Erdöl, trägt aber dennoch zur CO2-Anreicherung und damit zur Erderwärmung bei. Wie soll es nun zum Hoffnungsträger der Energiewende werden?

Biogas-Erzeugung zeigt Potenziale auf

Mehrere Faktoren lassen den bewährten Energieträger aktuell in neuem Licht erscheinen. Landwirte entdecken zunehmend das betriebswirtschaftliche Potenzial, das in der Biogas-Erzeugung steckt. Und die regionalen Gasversorger unterstützen sie dabei. Bei bestimmten Gärprozessen tierischer Fäkalien, oder auch gezielt dafür angebauter Pflanzen entsteht vor allem Methan (CH4) – was auch der Hauptbestandteil von Erdgas ist. Entsprechend aufbereitet kann dieses Biogas direkt ins Erdgasnetz eingespeist werden. Bei seiner Verbrennung entsteht dann nur etwa so viel CO2, wie in der Herstellungskette der Atmosphäre entnommen wurde.

Tatiana Demeusy Foto: Jürgen Bartosch
Tatiana Demeusy

„Das Potenzial der Biogas-Produktion ist enorm. Der Erdgas-Bedarf im Verkehrssektor könnte bereits heute zu 100 Prozent durch Biogas gedeckt werden.“ Tatiana Demeusy, Projektentwicklerin beim Gasversorger Südwest

Die Biogas-Erzeugung kann aber auch aus anderem organischem Material wie Grünschnitt oder verdorbenen Lebensmitteln erfolgen. Die Supermarktkette Carrefour betreibt bereits eine Anlage in Frankreich, die vor allem die organischen Abfälle aus den eigenen Märkten nutzt. Weitere acht Anlagen sollen bald folgen, um künftig einen Großteil der eigenen Transporterflotte damit zu betanken. Erdgas-Fahrzeuge könnten mit diesen aktuellen Entwicklungen neuen Schwung erhalten – auch für die Reisemobilnutzung.

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Die Vorteile von Erdgas liegen in der Speicherung und Infrastruktur

Vorteil: Die nötigen Änderungen an der Fahrzeugtechnik und bei der Nutzung sind nicht so tiefgreifend wie etwa beim Elektroantrieb (siehe auch Kasten rechts). Und die Infrastruktur ist schon zu einem Großteil vorhanden. Über 900 Tankstellen versorgen hierzulande mit Erdgas. Dazu versorgt das bestens ausgebaute Leitungsnetz kontinuierlich mit Nachschub. Übrigens stellt dieses Leitungsnetz inklusive angeschlossener Speichermöglichkeiten den mit Abstand größten Energiespeicher Deutschlands dar.

Und beim Stichwort „Energiespeicher“ sollte man hellhörig werden, denn gerade bei regenerativ erzeugtem Strom ist die Speicherung der Schlüssel zur effizienten Nutzung. Denn Sonne und Wind liefern nicht unbedingt dann Energie, wenn sie gebraucht wird.

Neben der Entwicklung der Elektromobilität verspricht Erdgas eine Brückenfunktion

Power-to-Gas lautet dabei die verheißungsvolle Formel. Erste Pilotanlagen laufen bereits, die – möglichst vor Ort installiert, etwa bei großen Windparks an der Küste – überschüssigen Ökostrom dazu nutzen, zunächst Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff zu zerlegen. Der Wasserstoff kann zum einen bis zu einem gewissen Anteil direkt ins Erdgasnetz eingespeist und genutzt werden.

Norbert Barthle Foto: Jürgen Bartosch
Norbert Barthle

„Das Verkehrsministerium setzt zum einen auf Elektromobilität. Zum anderen werden aber auch – technologieoffen – andere innovative Antriebe gefördert, wie die Erdgastechnik undsynthetisch erzeugte Kraftstoffe.“ Norbert Barthle, parlamentarischer Staatssekretär, Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur

Oder mit Hilfe des Wasserstoffs kann CO2 aus der Atmosphäre entnommen und zu Methan reduziert werden. Dieses regenerativ erzeugte Erdgas kann dann künftig – gemeinsam mit dem Biogas – mehr und mehr das fossile Erdgas in der Versorgungskette ersetzen. So könnte Methan als chemischer Energieträger die Elektrizität ideal ergänzen.

Auch das Verkehrsministerium unterstützt diese Projekte und sieht darin eine Technologie mit großem Potenzial neben der Entwicklung der Elektromobilität. Gerade für den Transportsektor verspricht Erdgas als Betriebsstoff künftig eine wichtige Brückenfunktion übernehmen zu können.

Fahrbericht Iveco Daily Natural Power (NP)

Iveco setzt verstärkt auf Erdgas. Nicht nur beim Daily, sondern auch bei den großen Lkw Eurocargo und Stralis. Vorläufiger Höhepunkt: der neueste Erdgas-Sechszylinder-Motor, Cursor 13 NP, mit 460 PS und 2000 Nm Drehmoment. Mit 136 PS und 350 Nm nehmen sich die Leistungsdaten des Erdgas-Daily etwas bescheidener aus. Doch der vom bekannten Dreiliter-Vierzylinder abgeleitete Erdgas-Motor erreicht damit immerhin die Werte des 2,3-Liter-Dieselaggregats in mittlerer Leistungsstufe. Und auch der Drehmomentverlauf mit einem breiten und tief ansetzenden Plateau verspricht ähnliche „Anschieberqualitäten“.

Iveco Daily Natural Power Foto: Jürgen Bartosch
Der blaue Kühlergrill markiert beim Daily ab sofort den Erdgas-Motor mit 136 PS und 350 Nm. Die blauen Felgen gibt es optional.

Im Vier-Tonnen-Kastenwagen, der zur Probefahrt bereitstand, bestätigt sich dies auch in der Praxis. Die spontane Leistungsbereitschaft erinnert an einen Dieselmotor, die Laufruhe dagegen an einen Benziner – auch wenn gewisse Brummfrequenzen dem Nutzfahrzeugmotor immer noch zu eigen sind.

Umstieg auf die neuerdings verfügbare Hi-Matic-Variante im 3,5-t-Kastenwagen. Im Zusammenspiel mit der famosen Achtgang-Wandlerautomatik wirkt der Motor noch unangestrengter. Zumindest für diese Gewichtsklasse braucht wirklich niemand zu befürchten, mit dem Natural-Power-Antrieb untermotorisiert durch die Gegend zu schleichen.

Reisemobil-Basis mit Euro-6-NormFahrbericht Iveco Daily (2017)

Für ein voll beladenes Sechs- oder gar Sieben-Tonnen-Mobil – der Erdgasmotor wird für fast alle Daily-Varianten angeboten – muss man sicherlich von einer etwas gemütlicheren Gangart ausgehen – auch um die Reichweite im Blick zu behalten. Verschiedene Tankgrößen können am Rahmen befestigt werden – Serie sind 190 Liter Gas – maximal 276 Liter. Die Stahltanks kosten aber nicht nur Platz, sondern auch 150 bis 250 Kilo Zuladung. Etwa 450 Kilometer Strecke sollen damit überbrückbar sein. Für die leichteren Daily-Varianten ist optional eine Benzin-Notversorgung mit 14-Liter-Tank verfügbar. Dabei sinkt die Motorleistung aber auf 82 PS.

Der Aufpreis des Erdgasmotors – den es übrigens auch als Fiat Ducato 140 Multijet Natural Power gibt – liegt gegenüber dem gleich starken Diesel bei rund 6500 Euro.

Fazit

Wie reisen wir morgen? Eine verlässliche Antwort kann momentan keiner geben. Das schafft Unsicherheit. Aber es kann auch Mut machen, dass sich immer mehr Technologien als Lösungsansätze auftun, um den Wandel in der Verkehrs- und Energie-Infrastruktur voranzubringen. Und die Erdgastechnik ist eine, die relativ kurzfristig einspringen kann – der aktuelle Erdgas-Daily etwa ist deutlich besser als Reisemobilbasis geeignet als der Elektro-Daily. Zwar ist das Mehrgewicht der Gastanks nicht ohne und die Reichweite nur mittelprächtig. Doch damit kann man zurechtkommen, zumindest im deutschen und italienischen Tankstellennetz – in manch anderem Reiseland sieht es aber noch mau aus. Noch – denn etwa in Frankreich will man verstärkt auf Biogas setzen.

Neuester Kommentar

Wieso kommen alle nur auf Erdgas wobei man bei lpg bedeutend höhere Reichweiten erzielt durch das man das Gas verflüssigen kann und weniger Gewicht mit sich rumschleppen muss da die Glasflaschen dünner sind des weiteren kann es wieder passieren das die Tanks bersten wenn der Hersteller günstig einkauft

V8Fahrer 4. März 2018, 08:20 Uhr
Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
Heft 01_2018
Heft 01 / 2018 13. Dezember 2017 146 Seiten Heftinhalt anzeigen Artikel einzeln kaufen
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