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12 Fakten zu Diesel-Verbot in Großstädten

Erster Freifahrtschein fürs Wohnmobil

Blaue Plakete Foto: promobil 4 Bilder

Jetzt wird es ernst: Diesel-Fahrverbote in Städten wie Stuttgart und Düsseldorf können kommen, entschied das Bundesverwaltungsgericht. Wie geht es weiter und was bedeutet das für Reisemobil-Besitzer?

Düsseldorf, Stuttgart, Hamburg, München, Köln, Berlin – in diesen Städten brodelt es, wenn es um Diesel-Fahrverbote geht. Einzelschicksale? Nicht wirklich. Diese Kommunen machen nur den Anfang auf einer Liste mit 16 Städten, die seit Jahren wegen Überschreitungen der Stickoxid-Grenzwerte (NOX) auffallen und handeln müssen, weil gegen sie deswegen Klagen laufen. Laut Umweltbundesamt sind die Dieselmotoren für rund zwei Drittel der NOX-Emissionen im Straßenverkehr verantwortlich.

Als erste deutsche Stadt hat Stuttgart die Reißleine gezogen und für 2018 Fahrverbote für Dieselautos angekündigt, die nicht die Euro-6-Abgasnorm erfüllen. Das führte zu mehreren Klagen vor dem Bundesverwaltungsgericht. Nachdem das Gericht im Februar 2018 die Einwände hinwegwischte, hieß es: Die Fahrverbote für Diesel-Fahrzeuge kommen. Die einzige Voraussetzung lautet, die Verkehrsverbote müssen „Verhältnismäßigkeit“ wahren.

Seitdem verbannen immer mehr Städte alte Diesel:

  • In Hamburg sind seit 31.5.2018 zwei Straßenabschnitte in Altona-Nord für Dieselfahrzeuge gesperrt. Die Max-Brauer-Allee ist für alle unter Euro 6 gesperrt. die Stresemannstraße betrifft nur Lkw mit einem Gesamtgewicht von über 3,5 Tonnen.
  • Das Fahrverbot in Stuttgart ist ab dem 1.1.2019 gültig und betrifft Diesel der Schadstoffklasse Euro 4 und schlechter. Für die Bewohner der Stadt gilt eine Übergangsfrist bis 1. April 2019.
  • In Berlin, Bonn, Frankfurt, Essen, Gelsenkirchen, Köln und Mainz sind für 2019 weitere Fahrverbote angekündigt.

Erste Ausnahmegenehmigung für Reisemobile ausgestellt

Jedoch gibt es für Wohnmobil-Besitzer einen Silberstreifen am Horizont. Er lautet: Freifahrtschein. Laut Stuttgarter Nachrichten wurde am 3. Dezember 2018 der erste Ausnahmegenehmigung erteilt – in Stuttgart gilt 1. Januar 2019 ein Fahrverbot für Diesel der Schadstoffklasse Euro 4 und schlechter (siehe oben).

Den ersten Freifahrtschein für Stuttgart erhielt ein Reisemobilist. Bereits am ersten Tag der Freifahrtschein-Erteilung gingen 230 Anträge bei der Stadt ein, sowohl von Bewohnern der Stadt als auch von Dieselfahrern aus angrenzenden Regionen. Insgesamt rechnen die Behörden mit 7200 Anträgen, also rund zehn Prozent der betroffenen Dieselfahrzeug-Halter in der Region.

Eine Ausnahme in Stuttgart wird gestattet, wenn der Fahrzeughalter bestätigt, dass das Fahrzeug eine grüne Plakette hat, kein alternatives Fahrzeug zur Verfügung steht und das Fahrzeug vor dem 1. Januar 2019 auf den Halter zugelassen wurde. Bei der Stadt kümmert sich ein zehnköpfiges Team um die Anträge.

12 Fakten zum Diesel und den Fahrverboten

Stuttgart Foto: promobil

1. Als jemand, der sich kurz vor der Entscheidung für ein neues Reisemobil befindet, fühle ich mich durch die aktuelle Diskussion um den Diesel stark verunsichert. Wäre es jetzt nicht sinnvoller, die Kaufabsicht erst noch ein Weilchen zurückzustellen?

Die größten Einschränkungen, die in naher Zukunft für Dieselfahrzeuge drohen, sind lokal und zeitlich begrenzte Fahrverbote. In den meisten Fällen werden die aktuellen Euro-6-Diesel-Fahrzeuge davon aber auf absehbare Zeit ausgenommen sein. Ärgerlich daran ist jedoch, dass jede Stadt, jede Region und jedes Land in Europa eigene Regelungen einführt, die teils sehr undurchsichtig sind.

2. Wie stark beeinträchtigen Fahrverbote den Urlaub mit dem Reisemobil?

Autoplaketten Fahrverbot in Madrid und Paris Alle Umweltzonen in Europa

Das Reisen mit Fahrzeugen wird sicher komplizierter werden, da man sich jeweils im Vorfeld informieren muss, wo Fahrverbote bestehen könnten. Das betrifft nicht nur Deutschland, sondern ganz Europa. Doch als Reisemobiltourist sollte man die meisten Einschränkungen ganz gut umgehen können – schwieriger wird es, wenn man selbst in einer Umweltzone wohnt.

Der Rat der promobil-Redaktion bleibt aber: Lassen Sie sich durch diese Unwägbarkeiten nicht die Freude an unserer wunderbaren Urlaubsform vermiesen. Das ist nicht etwa Zweckoptimismus, sondern sachlich begründet.

3. Welche Diesel kann man noch kaufen? 

Neue Reisemobile sind von den bevorstehenden Fahrverboten nicht betroffen, da sie im Normalfall Euro 6 erfüllen. Bei gebrauchten Dieseln sollte man sich genau überlegen, ob man noch ein Reisemobil mit schlechterer Abgasnorm kauft – ihnen drohen Fahrverbote. 

4. Verlieren die Diesel nun schneller an Wert? 

Auch wenn Marktbeobachter etwas anderes berichten, wirkt sich die Diskussion um Fahrverbote negativ auf die Restwerte von Pkw mit Dieselmotor aus. Händler werten bereits jetzt Diesel mit Euro 5, die sie in Zahlung nehmen, um bis zu zehn Prozent ab. Reisemobile sind aber wertstabiler. 

5. Sollte man Benziner kaufen? 

Zum einen kommen Benzinmotoren allenfalls bei kleineren Campingbussen in Frage. Zum anderen drohen auch ihnen Fahrverbote. Kommt etwa die blaue Plakette so wie einst geplant, werden auch ältere Ottomotoren mit schlechterer Norm als Euro 3 genauso ausgesperrt. 

6. Wird es in ganz Deutschland Fahrverbote geben? 

Davon ist nicht auszugehen. In den meisten Gegenden Deutschlands wird der Grenzwert nicht überschritten. In den großen Ballungsgebieten sieht es aber schlechter aus. Bei den Kollegen von auto-motor-und-sport.de können Sie nachlesen, in welchen anderen Städten Fahrverbote drohen.

7.  Wann ist mit den Fahrverboten zu rechnen? 

Das Urteil sieht vor, dass die Fahrverbote mit Übergangsfristen und schrittweise eingeführt werden. Für Stuttgart bedeutet dies beispielweise, dass Fahrverbote Diesel-Euro-5-Fahrzeuge frühestens ab 1. September 2019 kommen dürfen.

8. Hilft die blaue Plakette? 

Eine Entscheidung zum Thema „Blaue Plakette“ wird nun erwartet, da sie eine deutschlandweite Regelung ermöglicht – und es für die Behörden leichter macht, Fahrzeuge mit geringem Schadstoffausstoß zu identifizieren. Stand heute dürften in Fahrverbotszonen nur Diesel ab Euro 6 und Benziner ab Euro 3 fahren. Das ursprüngliche Konzept sah eine Übergangsfrist von zwei Jahren vor. Das hätte Zeit gebracht, um in Ruhe den nächsten Reisemobilkauf zu planen.

9. Werden ganze Städte für Dieselautos gesperrt? 

Was in den Städten umgesetzt wird, lässt sich nicht voraussagen. Nach jetzigem Stand sollen aber nur besonders belastete Teile einer Kommune für Dieselfahrzeuge gesperrt werden, nicht das ganze Stadtgebiet. 

10. Kann man eine Ausnahme von Fahrverboten erwirken? 

Auch das ist eine Sache, die von Stadt zu Stadt verschieden sein kann. Grundsätzlich sind Außnahmen laut Bundesverwaltungsgericht möglich. Beispielsweise für Handwerker oder bestimmte Anwohnergruppen. Wobei Kommunen wohl eher sparsam mit Ausnahmeregelungen umgehen werden.

11. Kann eine Umrüstung vor Fahrverboten schützen? 

Ja. Doch bislang halten sich die Automobilhersteller mit Nachrüstlösungen zurück, da die rechtliche Lage nicht eindeutig ist. Dass auf diesem Sektor aber bereits etwas passiert, wird im nachfolgenden Artikel zum Thema Diesel-Nachrüstung deutlich. 

12. Für welche Fahrzeuge wird es Umrüstungen geben? 

Den Informationen nach dürfte es Nachrüsttechniken für Volumenmodelle mit Euro-5- sowie der frühen Euro-6-Norm geben. Das würde bedeuten, dass die Technologie auch für gängige Basisfahrzeuge von Reisemobilen wie beispielsweise für den Fiat Ducato, den Ford Transit, den Mercedes Sprinter oder den Renault Master einsetzbar ist. 

Wie sauber sind Wohnmobile?
Ducato und Co. im Real-Abgas-Test

Bedeuten die Fahrverbote nun das Ende für den Diesel? 

„Keineswegs, ist sich Stefan Bratzel vom Institut CAM (Center of Automotive Management) in Bergisch Gladbach sicher. „Es gibt saubere Diesel-Technologien, aber mit SCR-Katalysatoren wird die Abgasreinigung deutlich aufwendiger und teurer.“ 

Doch das ist für viele Fahrzeugbesitzer noch Zukunftsmusik. Die Gegenwart zählt. Und die sieht Stand heute noch ziemlich düster oder – um beim Thema zu bleiben – stickig aus: Reisemobilisten und andere Fahrzeughalter, die einen Diesel mit Euro 5 oder darunter besitzen, befürchten bald, an den Stadtgrenzen gestoppt zu werden. Eine durchaus berechtigte Angst. Nur, was lässt sich dagegen tun? 

Leserfrage: Welche Euro-6-Norm hat mein Wohnmobil?

Im Artikel über drohende Fahrverbote schreiben Sie, dass es noch keine gängigen Reisemobile gibt, die die Abgasnormen 6d oder 6d temp erfüllen. Im Fahrzeugschein meines neu erworbenen Mobils steht unter Punkt 14.1 die Kennzahl 36YO. Demnach müsste das Fahrzeug doch eigentlich die zurzeit höchste Abgasnorm erfüllen, oder liege ich da falsch?

Antwort: Es ist schon richtig, dass der Schadstoffschlüssel 36Y0 die bei den Basisfahrzeugen für Reisemobile derzeit höchste Abgasnorm kennzeichnet. Allerdings handelt es sich hierbei um Euro 6b. Die nächsthöhere Abgasnorm Euro 6c wird mit den Ziffern 36ZA–36ZD gekennzeichnet, sofern die Emissionswerte mit dem NEFZ-Verfahren ermittelt wurden. Wurde nach dem WLTP-Zyklus gemessen, ist Euro 6c mit den Schadstoffschlüsseln 36AA–36AF eingetragen. Das erste bei Reisemobilen gängige Basisfahrzeug, das diese Norm erfüllt, wird der neue Mercedes Sprinter sein. Fahrzeuge mit Euro 6d oder 6d temp gibt es bislang nur bei Pkw.

Stellungnahme des CIVD

Der CIVD, der Caravaning Industrie Verband e.V., lehnt die Fahrverbote ab. Der Verband ruft Stadte und Kommunen auf, alles zu tun, um sie zu vermeiden. Im besonderen gibt es drei Punkte, die der CIVD fordert:

1. Ausnahmeregelungen für Anwohner: Vor allem die Bewohner der betroffenen Städte sollen geschont werden: „Reisemobilbesitzer, die in möglichen Fahrverbotszonen leben, müssen darauf vertrauen können, dass sie ihre Reisemobile auch in Zukunft weiter uneingeschränkt nutzen können.“

2. Bundeseinheitliche Lösung: Der CIVD warnt vor unterschiedlichen Regelungen in den einzelnen Städten und Regionen und fordert eine einheitliche Lösung für Deutschland.

3. Alle Möglichkeiten zur Schadstoff-Reduzierung nutzen: Um Fahrverbote zu vermeiden, sollen bereits gestartete Maßnahmen verstärkt werden. Dazu gehören Infrastrukturmaßnahmen, Verlehrslenkung und die Förderung des öffentlichen Personennahverkehrs.

Nachrüstungen könnten die Lösung sein

Zu diesem Thema verhielt sich die Industrie aber bislang sehr abwartend. Einige Autozulieferer zeigen sich indes offen und rücken so langsam mit ihren Konzepten heraus. Die meisten Fahrzeughersteller halten die Umrüstung dagegen bislang weder für möglich noch für sinnvoll. 

Das könnte nur vorgeschoben sein, glaubt der baden-württembergische Verkehrsminister Winfried Hermann (siehe Interview unten): „Ich habe ein bisschen den Eindruck, dass sich die Hersteller über die blaue Plakette freuen, weil das ja ein Geschäftsmodell ist.“ 

Und die Zulieferer spekulieren natürlich darauf, dass sich nicht jeder Reisemobil-Besitzer gleich ein neues Fahrzeug leisten kann. Deshalb arbeiten sie mit Hochdruck an einer Nachrüst-Technologie. Einige Produkte sollen laut den Anbietern bereits voll einsatzfähig sein. Es fehle lediglich an einem seitens der Politik klar definierten Rahmen, heißt es. 

Damit meint die Industrie vor allem auch einen staatlichen Zuschuss wie damals bei den Partikelfiltern. Das sichere die Auftragslage, betonen die Firmen. Die Regierung will derzeit aber nichts von einer Förderung wissen. Denn der Umbau auf einen SCR-Katalysator, der den Stickoxidausstoß unter Realbedingungen im Schnitt ungefähr halbiert, sei ziemlich aufwendig. Die Kosten für die Nachrüstung eines Euro-5-Modells – und darunter fällt ein Großteil der jüngeren Basisfahrzeuge von Reisemobilen – sollen mindestens bei 1500, eher aber bei 2500 Euro liegen – stolze Beträge. 

SCR-Kat nachrüsten
Weniger NOx beim Ducato

Vielleicht beschleunigt ja die EU mit ihrem Wettbewerb für Nachrüstlösungen die ganze Sache tatsächlich. Gesucht werden dabei Techniken für Euro-5- sowie frühe Euro-6-Fahrzeuge, die die Vorgabe einhalten, nicht mehr als 2000 Euro an Gesamtbetriebskosten zu verursachen, bezogen auf eine Nutzungsstrecke von 100.000 km. 

Damit würden Euro-4-Diesel und darunter aber auch zu Auslaufmodellen degradiert. Für sie könnten Nachrüstungslösungen wegen hoher Kosten eine Utopie bleiben. Somit träffen diese Autos definitiv die künftigen Fahrverbote – zumindest in den Städten. 

Wer auf dem Land wohnt und für den Ausflug in die Stadt ohnehin den ÖPNV nutzt, muss sich nicht sorgen. Es sei denn, er will seinen alten Diesel verkaufen. Aus dem Handel ist zu hören, dass jetzt schon Euro-5-Selbstzünder bei der Inzahlungnahme um bis zu zehn Prozent abgewertet werden. 

Heilsbringer blaue Plakette?

Die blaue Plakette könnte die Diskussionen um Diesel-Fahrverbote schnell beenden. Doch die lehnte Verkehrsminister Alexander Dobrindt 2017 noch kategorisch ab – trotz Gegenwind aus der Koalition. Aus seiner Sicht sollten Maßnahmen zur Verbesserung der Luftqualität nicht die Mobilität einschränken oder die Bürger und die innerstädtische Wirtschaft belasten. Seine Lösung zielt daher vor allem auf Taxen, Busse und Behördenfahrzeuge, die sich meist in der Stadt bewegen und auf alternative Antriebe umgestellt werden sollen. 

Diesen Vorschlag hat das Verkehrsministerium in Baden-Württemberg bereits für Stuttgart untersucht. Das Ergebnis: Dobrindts Vorschlag reduziert die NOX-Belastung nur um 14 Prozent – die blaue Plakette würde bis zu 95 Prozent einsparen. Somit bliebe sie eine Option, doch die Idee liegt auf Eis.

Nachgefragt bei Winfried Hermann, Verkehrsminister in Baden- Württemberg 

(Interview Juli 2017)

Minister Foto: promobil
Ein Jahr Feinstaubalarm mit freiwilligem Autoverzicht in Stuttgart liegt hinter uns. Ist das Projekt ein Erfolg gewesen? 

Es war ein schwieriges Anliegen, im Grunde sind wir aber erfolgreich, denn wir haben ein Bewusstsein für unsere Probleme bei der Luftreinhaltung geschaffen – nicht so erfolgreich waren wir beim Werben für das freiwillige Umsteigen auf andere Verkehrsmittel. Das waren leider ein paar Prozent zu wenig. 

Also wird gehandelt und der Diesel in Stuttgart ab 2018 ausgesperrt. Andere Städte könnten folgen. Ist das jetzt das Ende für den Diesel? 

Wir haben ein Wirkungsgutachten für Stuttgart machen lassen, wo wir alle möglichen Maßnahmen durchgerechnet haben. Und es ist sehr eindeutig, dass den größten Effekt ein totales Diesel-Fahrverbot hätte. Doch wir sind nicht gegen den Diesel. Wir wollen ihn nicht verbieten, das ist ja völlig unverhältnismäßig. Die blaue Plakette geht von der Grundüberzeugung aus, dass es saubere Dieseltechnologien gibt – und das sind Euro-6-Diesel. Deswegen wollen wir nicht alle Diesel verbieten. Ein totales Verbot hätte kaum mehr Nutzen als die blaue Plakette. 

Der Bund sperrt sich gegen die blaue Plakette. Somit kommen jetzt die Gerichte zum Zug. Kann Ihr Konzept für Stuttgart ein Vorbild für andere Städte mit Stickoxidproblemen sein?

Ich denke, die anderen Städte schauen sehr genau hin, was wir tun. Ich glaube auch, dass die Gerichte in diesem Jahr eine wichtige Rolle spielen werden. Es genügt ein mutiger Richter, dem es reicht. Wenn die Politik nicht handelt, dann ordnet er es eben an. Der Richter in Stuttgart war kurz davor, die belastete Gegend in der Stadt komplett für den Verkehr zu sperren. 

Glauben Sie, dass der Bund im Wahljahr noch reagiert und die blaue Plakette beschließt? 

Der Bund muss handeln – nur: Er handelt nicht. Und zwar seit Jahren. Darüber hinaus ist das Problem auch noch nicht bei allen meinen Verkehrsministerkollegen angekommen. Sie wollen keine Fahrverbote. Die schauen nur, dass der Verkehr fließt, und ignorieren, wie schädlich die schadstoffbelastete Luft für die Menschen ist. 

Mit dieser Einstellung tun sie auch dem Diesel keinen Gefallen. Es ist doch ein Treppenwitz der Geschichte, dass ein grüner Ministerpräsident, ein grüner Verkehrsminister und ein grüner Oberbürgermeister den Diesel der Automobilindustrie mit der blauen Plakette retten müssen. Aber ich wette, egal wer im September die Bundestagswahl gewinnt, die blaue Plakette wird im Koalitionsvertrag stehen. 

Die EU fördert die Nachrüstung von Stickoxidfiltern mit einem Wettbewerb, damit auch Euro-5-Diesel weiterhin fahren dürfen. Hätte das nicht Deutschland schon längst machen sollen? 

Die Autoindustrie ist intelligent und innovativ genug, dass sie solch ein Konzept vorlegt, ohne dass die Politik sie dazu drängt. Sie haben lange genug mit der alten Technik Geld verdient. Daher müssen die Marken zur Lösung beitragen und sich nicht bei der Politik beschweren, wir muteten ihr was zu, was nicht gehe. Aber das kann auch nur vorgeschoben sein. Ich habe ein bisschen den Eindruck, dass sich die Hersteller über die blaue Plakette freuen, weil das ja ein Geschäftsmodell ist. 

Glauben Sie, das Problem durch Fahrverbote oder die blaue Plakette ein für alle Mal zu lösen? 

Das glaube ich nicht – nicht mehr, um genau zu sein. Wenn Sie mich vor 15 Jahren gefragt hätten, als das Konzept mit den Plaketten erfunden wurde, dachte ich, mit der grünen Plakette sei das Ende der Abgasreinigung erreicht. Wir mussten aber alle lernen, dass sie nicht alle Probleme löst. Daher bin ich sicher, dass auch die blaue Plakette nicht das Ende der technischen Entwicklung darstellt. Durch Abwarten lösen wir die Probleme nicht. 

Kommentar: Jetzt handeln – mit Augenmaß! 

Redakteur Luca Leicht: „Wieder einmal hapert es im Verkehrsministerium an einer klaren Prioritätensetzung: Die Luftschadstoffwerte gehen überall durch die Decke, Umweltverbände laufen Sturm, und der CSU-Mann Dobrindt reibt sich die Hände, weil er bei der EU seine umstrittene Pkw-Maut durchboxen konnte. Währenddessen stehen Millionen von Dieselfahrern, Kommunen und Städten vor der bangen Frage, wie es weitergeht. So paradox es klingt: Die blaue Plakette könnte Sicherheit schaffen, das Konzept ist ausgearbeitet, liegt bereit und wartet nur auf seinen Einsatz. Lieber Herr Dobrindt, bei der Pkw-Maut geht es Ihnen ums Geld. Jetzt geht es um das Geld von 15 Millionen Dieselfahrern. Tun Sie etwas!“ 

Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
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