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Reise-Tipp Deutschland

Auf Schatzsuche im Mittelrheintal

Blick über das Tal zwischen Braubach und Spay. Foto: Stefan Nink, Hilke Eckardt, Dietmar Scherf/DZT, Sven Henig, Dominik Ketz, Eike Wilke, GDKE Rh.-Pfalz Pfeuffer, Rüdesheim Tourist AG Karl, Koblenz Touristik, Piel Media, Gauls 31 Bilder

Legenden hören, Gold suchen oder ein Glas Wein genießen – der romantischste Abschnitt von Europas sechstgrößtem Strom ist ein tolles Ziel für eine Mobil-Tour.

03.06.2015 Stefan Nink

Na? Schon was gefunden? Bei Bingen am Rhein steht ein Mann im Wasser, bis zu den Knöcheln. Er hat ein Metallsuchgerät in der Hand, mit dem läuft er hin und her und achtet auf eine Veränderung der fiependen Töne. Der Mann sucht Gold. Hier bei Bingen, so heißt es in der Sage, habe Hagen von Tronje einst den Schatz der Nibelungen versenkt. Und weil man den bislang noch nicht entdeckt hat, rücken jedes Jahr im Sommer die Schatzsucher und Glücksritter mit ihren Sonden an. Abends sitzen sie vor ihrem Reisemobil und schauen auf den Fluss. Möglicherweise warten sie darauf, dass er ihnen etwas verrät.

Das mittlere Rheintal ist perfekt für Wohnmobile

Es gibt viele Arten, das Mittelrheintal zu erleben – und tatsächlich Leute, die einen kompletten Urlaub so verbringen: direkt am oder direkt im Wasser, auf der Suche nach dem Mythos. Das sind aber Ausnahmen. Die meisten Rheintouristen sind mobil. Sie fahren auf der einen Flussseite von Mainz nach Koblenz und auf der anderen von Koblenz nach Wiesbaden und legen auf jeder Seite jede Menge Stopps ein, besuchen Burgen und Weingüter und staunen über eine Landschaft, wie es sie in Deutschland kein zweites Mal gibt. Viele lassen ihr Reisemobil zwischendrin für ein oder zwei Tage stehen und wandern aus dem engen Mittelrheincanyon hinauf in die Höhe. Um das Tal von einer anderen Perspektive aus zu entdecken.

Als der Rheinsteig vor gut zehn Jahren offiziell eröffnet wurde, beäugten ihn die Anwohner erst einmal misstrauisch. Wandern? Bei uns? Ist das nicht viel zu steil? Ist es. Aber nur manchmal, und auch nur, wenn man die Passagen zwischen den An- und Abstiegen nicht genügend genießt. Vor allem aber ist eine Wanderung im schönen Unesco-Weltkulturerbe Mittelrheintal ein Rausch der Sinne.

Ein einzigartiges Panorama und viele gemütliche Örtchen

Das liegt vor allem an diesem Millionen-Euro-Panorama, das sich augenblicklich ausbreitet, wenn man in Kaub zum Beispiel die ersten Reihen Riesling-Weinstöcke hinter sich gelassen hat. Der Fluss schimmert schon jetzt tief unten, ein platt gehämmertes Band aus Anthrazit, zerschnitten von Ausflugsdampfern und Lastkähnen. Die Scherenschnitt-Silhouette auf der Insel mitten im Rhein ist Pfalzgrafenstein, eine Zollburg, die früher verhindern sollte, dass sich Schiffe ohne Abgabe vorbeimogelten. Drüben, auf der anderen Rheinseite, wirkt der Ort Bacharach mit der Burg Stahleck so, als habe ein mittelalterlicher Maler ihn mit sehr wässrigen Farben in den Hang skizziert und sei dann in eine Mittagspause verschwunden, die bis heute andauert. Am liebsten würde man sich hinsetzen, zu den Eidechsen auf eine dieser sonnenwarmen Trockenmauern, und nur hinunterschauen.

Es gibt Orte am Mittelrhein, die laufen der Zeit so vergeblich hinterher, dass man fast schon gerührt sein kann, wenn man vor ihren Schaufenstern steht und sich die Ansichtskarten anschaut, auf denen Deutschland aussieht wie 1964. Komischerweise stört einen das aber nicht, es passt irgendwie hierhin, sehr gut passt es. Die "Heute: Schmorbraten"-Schilder vor den Restaurants. Das Loreleylied, das immer wieder durch das enge Tal weht, weil sämtliche Ausflugsdampfer es früher oder später über ihre Bordlautsprecher spielen. Das ist übrigens die lässigste Art der Weltkulturerbe-Erkundung: eine Fahrt mit einem Rheindampfer, die Sonne im Gesicht, das Glas Riesling vor sich.

Man läuft oder radelt vom Stell- oder Campingplatz zum nächsten Anleger, verbringt die folgenden Stunden auf dem Wasser und ist abends, wenn die Sonne das Tal in ein fast magisches Licht taucht, wieder zurück. Dann muss man nur noch entscheiden, ob man lieber den eigenen Grill anwerfen möchte oder doch eher in eine der vielen historischen Weinstuben einkehrt.

Man könnte das jetzt den Rhein fragen, der hat ja viel Zeit zum Nachdenken da unten in seinem Bett. Er wird bloß nichts verraten, das hat er noch nie getan.Er hat für sich behalten, wo die Loreley sich jetzt ihr blondes Haar kämmt und auch die Sache mit dem Schatz, den Hagen von Tronje ihm anvertraut hat.  Der Rhein kann schweigen – selbst wenn man ihm mit Metallsonden zu Leibe rückt.

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Heft 05 / 2015 8. April 2015 Heftinhalt anzeigen Artikel einzeln kaufen
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