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Horrorszenario Diesel im Wohnmobil-Wassertank

Was tun, wenn Diesel in den Wassertank gerät?

Das Horrorszenario für alle Wohnmobilfahrer: Diesel im Frischwasssertank Foto: A. Becker, K. Kramer, A. Matuschek 11 Bilder

Der Horror für Reisemobilisten: Plötzlich gluckert an der Tankstelle Diesel in den Frischwassertank. Wie sollte man unmittelbar reagieren? Welche Maßnahmen und Mittel versprechen Abhilfe? Wir testen.

03.04.2017 Dieter S. Heinz

Eigentlich darf man nach über 30 Jahren Reisemobilfahren annehmen, dass man ein alter Hase ist, dem so etwas nicht passieren kann – und dann passiert es doch. Nach einer langen Tagesetappe stellt man beim Tanken plötzlich fest, dass die Zapfpistole im Einfüllstutzen für den Frischwassertank steckt. Ein utopisches Horrorszenario?

„Das kommt häufiger vor, als man glaubt“, sagt Dr. Keddo, der biochemische Produkte für den Campingbereich entwickelt und vertreibt. In seinem Unternehmen rufen jährlich über 1000 Betroffene an und fragen nach Hilfe.

Was kann man gegen Diesel im Wassertank tun?

Was also tun, wenn im halbvollen Wassertank zusätzlich Dieselkraftstoff wabert und sich im Wohnmobil ein eindringlicher Dieselgestank verbreitet? Jetzt bloß nicht die Wasserpumpe laufen lassen, sonst kontaminiert sich auch noch das gesamte Wasserleitungssystem. Sofortiges Ablassen ist angesagt – natürlich über einen Abfluss mit Ölabscheider. Und dann mehrfaches Nachspülen mit Klarwasser.

Diesolan von Dr. Keddo soll Unglücke ungeschehen machen. Wir haben’s getestet. Foto: A. Becker, K. Kramer, A. Matuschek
Diesolan von Dr. Keddo soll Unglücke ungeschehen machen. Wir haben’s getestet.

Im Internet schwören Leidensgenossen auf Spülmaschinenreiniger, Geschirrspül- und Zahnhygienemittel, um die Dieselrückstände zu eliminieren. Doch ganz so einfach ist es nicht. Dieselkraftstoff besteht aus diversen chemischen Verbindungen und einer Kombination aus grundsätzlich giftigen Kohlenwasserstoffen, Tetranitromethan, Fettsäuremethylester usw. Diese dringen in die Kapillaren der Kunststoffwände eines Frischwassertanks ein und lassen sich nicht mit gängigen Lösungsmitteln herausholen, auch wenn damit vielleicht die Geruchsbelastung abgemildert wird. Mit seinen speziellen Tensiden soll unter anderem das Produkt Diesolan Spezial, das Dr. Keddo für diesen Ernstfall entwickelt hat, wirksam helfen. Wir haben die Probe aufs Exempel gemacht.

Für einen 120-Liter-Tank benötigt man 12 Liter dieser Flüssigkeit. Diese Menge ist zu dritteln, denn der Reinigungsvorgang muss dreimal wiederholt werden. Also vier Liter Diesolan Spezial in den Tank und mit zirka 50 Litern Wasser auffüllen. Da Wohnmobiltanks zerklüftet sind, empfiehlt Dr. Keddo, eine viertel Stunde über holprige Wege zu fahren, damit auch wirklich der Deckenbereich und alle Ecken mit der Lösung benetzt werden. Nach einer halben Stunde Einwirkzeit im Stehen wird abgelassen. Nächster Schritt ist das Tanken von erneut ungefähr 50 Litern Wasser mit anschließendem zehnminütigem Fahren. Und Ablassen. Dieser Spülvorgang muss noch einmal wiederholt werden. Das war der erste Teil der dreiteiligen Gesamtprozedur. Für die insgesamt neun Reinigungsvorgänge muss man einige Stunden Zeit opfern. Danach war das Wasser in unserem Fall, jedenfalls subjektiv, nicht mehr geschmacks- und geruchsbelastet.

Zum Test der Wirksamkeit gehörte auch eine Untersuchung der Wasserproben. Foto: A. Becker, K. Kramer, A. Matuschek
Zum Test der Wirksamkeit gehörte auch eine Untersuchung der Wasserproben.

Um die Wirksamkeit der gesamten Aktion auch objektiv zu verifizieren, wurden zwei Wasserproben – eine vorher und eine hinterher – analysiert. Gesucht wurde gezielt nach Kohlenwasserstoffen: Der TOC-Wert (total organic carbon)ist ein Hinweis auf Dieselrückstände im Wasser. Deren Anteil reduzierte sich durch das Diesolan Spezial von 0,4 mg/l auf weniger als 0,1 mg/l. Das Reinigungsmittel hatte also offenkundig gewirkt.

Aber was sagen diese Werte über die Wasserqualität aus?

Ist das Wasser aus dem gereinigten Tank nun genießbar? Wir fragten beim Bundesumweltamt, was aus Sicht der Trinkwasserverordnung von dem Befund zu halten ist. Zu erfahren war, dass diese Werte höchstensauf lange Sicht zum Problem werden könnten; gesundheitliche Schäden wären erst zu befürchten, wenn man 70 Jahre lang täglich zwei Liter des „Prüfwassers“ zu sich nähme.

Auch die Fachleute vom Institut Fresenius, das in Deutschland für Analysen von Trinkwasserbekannt ist, erklären, dass für die Bestimmung der Wasserqualität – neben vielen mikrobiologischen und chemischen Parametern – der TOC-Wert ausschlaggebend ist. Liegtdie Belastung mit organischen Kohlenwasserstoffen unter 0,8 mg je Liter, sähen Trinkwasserversorger in der Regel keinen Handlungsbedarf. Trinkwasser werde üblicherweise aus Grund- und Oberflächenwasser erzeugt und könne allein deshalb schon einen nicht unerheblichen natürlichen Kohlenwasserstoffgehalt haben.

Da in unserem Testtank nach der Reinigung weniger als 0,1 mg/l der giftigen Kohlenwasserstoff-Anteile gemessen wurde, kann man also annehmen, dass keine gesundheitsschädliche Wirkung mehr von dieser Belastung ausgeht. Außerdem wird das Wasser vor dem Verzehr in der Regel abgekocht. In unserem Fall ist für vergleichsweise moderate 215 Euro der teure Austausch des Frischwassertanks (siehe Kasten links) erspart geblieben.

So sehr man sich in so einem Fall auch über sich selbst ärgert, steht doch außer Frage, dass die Reisemobilhersteller solchen Tankirrtümern besser vorbeugen könnten. Dicht nebeneinanderliegende Frischwasser- und Kraftstofftankdeckel leisten einer fatalen Verwechslung Vorschub.Die Platzierung von Diesel- und Wasserstutzen auf getrennten Fahrzeugseiten könnte vorbeugen, ist jedoch nicht immer machbar. Eine andere Lösung: den Querschnitt des Einfüllstutzens klein zu halten, dass die Dieselzapfpistole nicht hineinpasst; dann passt indes auch keine Gießkanne mehr. Der praktikabelste und beste Weg ist eine eindeutige, unmissverständliche Kennzeichnung von Wasser- und Dieseltank. Es wäre wünschenswert und kundenfreundlich, wenn sich mehr Hersteller zu diesem gerne verschwiegenen, weil peinlichen Problem konstruktiv Gedanken machen würden.

Tank entleeren, Truhendeckel abheben, Anschlüsse lösen. Befestigungsstreben entfernen. Nun lässt sich der Tank herausheben. Foto: A. Becker, K. Kramer, A. Matuschek
Tank entleeren, Truhendeckel abheben, Anschlüsse lösen. Befestigungsstreben entfernen. Nun lässt sich der Tank herausheben.

Im schlimmsten Fall: Tank-Tauschen

Nicht immer geht die Sache so gut aus wie im beschriebenen Fall. Besonders wenn der Kraftstoff länger im Wassertank stand und bereits in die Oberfläche von Tankinnenwänden und Leitungen eingedrungen ist, lassen sich Rückstände und Gerüche meist nicht mehr restlos entfernen. Dann hilft nur der komplette Tausch von Tank und Wasserleitungen. In einigen Fällen lässt sich der Frischwassertank tatsächlich vergleichsweise leicht ausbauen, beispielsweise bei der gängigen Unterbringung in einer Sitztruhe.

Schwieriger und erheblich teurer wird die Sache in der Regel, wenn der Behälter tief in einem Doppelboden steckt oder anderweitig von der Einrichtung umbaut ist. Nicht viele Hersteller achten bei der Konstruktion auf eine leichte spätere Demontierbarkeit. Arbeiten dieser Art sind besser in einer Fachwerkstatt aufgehoben. Auch das Auswechseln der Wasserleitungen ist üblicherweise mit erheblichem Aufwand verbunden, denn Rohre und Schläuche werden bei der Produktion eines Reisemobils in der Regel verlegt, bevor die übrige Einrichtung eingebaut und die Außenwände angesetzt werden. Leitungen oder Anschlussstellen lassen sich deshalb oft nicht zerstörungsfrei freilegen. Während sich die reinen Materialkosten in Grenzen halten, geht vor allem der enorme zeitliche Aufwand richtig ins Geld. Nicht selten belaufen sich die Kosten für einen Kompletttausch der Wasseranlage auf mehrere tausend Euro.

Soforthilfe für den Fall der Fälle:

Nach einem Tankunglück ist Geschwindigkeit entscheidend. Je schneller Sie reagieren, umso größer ist die Chance, unangenehme Folgen zu minimieren. Sollten Sie also versehentlich Dieselkraftstoff in den Wassertank eingefüllt haben, beherzigen Sie diese Tipps. Schnell!

1.Sofort den Hauptschalter der Wasserpumpe ausschalten, sofern vorhanden. Ansonsten den Hauptschalter am Kontrollbord.

2. Wasserhähne auf keinen Fall öffnen, damit kein Kraftstoff in die Leitungen gelangen kann; auch die Toilettenspülung nicht betätigen.

3.Diesel möglichst sofort abpumpen oder über einen Ölabscheider ablassen. An vielen Tankstellen ist dies möglich.

4.Nach dem Ablassen Frischwassertank mehrfach mit (warmem) Wasser spülen. Mit Geschirrspülmittel (einwirken lassen) nachhelfen.

5.Wassertank mit einem geeigneten Produkt gemäß Anweisung reinigen. Mehrfache Anwendung empfohlen.

Wer sich unsicher ist über die Qualität seines Frischwassers, sollte eine Wasserprobe nehmen und diese von einem Institut überprüfen lassen, etwa bei Eurofins, Telefon 02 23/6 89 70, www.eurofins.de/umwelt

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