Alles über Westfalia Columbus
Hymer-Car gegen Westfalia 24 Bilder Zoom

Vergleichstest Hymer-Car und Westfalia: Campingbus-Pioniere unter sich

Hymer-Car und Westfalia mischen schon lange bei den Campingbussen mit und sind quasi Traditions-Hersteller. In die Ducato-Klasse stiegen die beiden jedoch erst vor Kurzem wieder ein. Mit Erfolg?

Der Begriff "Pionier" wird gern ein bisschen strapaziert. In diesem Fall aber trifft er voll zu. Vor 65 Jahren implantierte Westfalia dem VW T1 die erste Campingbox. Klar zog das Wirtschaftswunder-Deutschland schon damals längst mit Wohnwagen an die Adria, aber denen fehlte ein entscheidendes Detail: der Motor. Zu der verwegenen Idee, einen Transporter in ein Ferienmobil zu verwandeln, muss man Westfalia eigentlich heu­te noch gratulieren.

1961 stellte Hymer sein erstes Mobil vor, das von allein fahren konnte – auch dieses ein Campingbus: der Caravano auf Borgward B 611. Der Erfolg von Hymer kam indes erst mit aufgebauten Reisemobilen. Versuche mit Campingbussen blieben meist von kurzer Dauer. Doch mit der Wiedereinführung des Labels Hymer-Car macht der Hersteller wirklich ernst mit dem Campingbussen.

Noch mehr als Hymer ist Westfalia in der Ducato-Klasse ein Spätentwickler; erst 2012 steigt die Marke mit dem Columbus ein. Eins haben beide jedoch gemeinsam. Statt einfach die erfolgreiche Pössl-Masche zu kopieren, treten jeder auf sein Weise besonders ambitioniert an. Westfalia will mit modernem Stil und feiner Technik glänzen, Hymer-Car mit besonderen Details und neuen Ideen. Ob beide ausgereift sind und wirklich überzeugen können, zeigt der Vergleichstest zwischen den Sechs-Meter-Modellen mit Querbett-Grundriss. Es treten an: Grand Canyon und Columbus 600 D.

Wohnen

So also sieht 65 Jahre nach der Campingbox bei Westfalia die Moderne aus. Mit weißen Möbeloberflächen, parziell von Holzdekor akzentuiert, wirkt der Columbus 600 D kühl. Allerdings schafft die Helligkeit eine gewisse Weite. Neben der breiten Rückbank bleibt jedoch nur ein Durchgang von 33 Zentimeter. Wer nur zu zweit unterwegs ist, ist mit der optionalen schmaleren Bank daher besser bedient. Mitfahrer werden die bequem konturierte Bank dagegen schätzen, und für Kindersitze verfügt sie sogar über Isofix-Ösen. Wem der kleine Tisch nicht reicht, der holt aus dem Fach über dem Fahrerhaus eben das größere Exemplar hervor.

Die Fahrersitze sind flugs gedreht, wie auch beim Hymer, der durch seitliche Stoffverkleidungen und Möbel in Furnieroptik wohnlicher wirkt. Besonders abends vermisst man hier aber ein paar Lampen. Praktisch ist der Tisch mit seiner ausklappbaren Tafel, der schnell an der Seitenwand verstaut ist.

Das Bett im Columbus verwöhnt mit Breite und passt mit gut 1,90 Meter Länge auch für viele Zeitgenossen. Beim Aufstieg hilft eine kleine Trittstufe. Hochwertige Matratzen und Tellerfedern ergeben eine komfortable Schlafunterlage. Die Wände rundum sind wie beim Hymer-Car Grand Canyon textil verkleidet. Da auf beiden Seiten die Lampen elegant in die Hängeschrankunterseiten integriert sind, bleibt im Columbus die Wahl der Liegerichtung frei. Kleinere Ablagen finden sich in den Ecksäulen- und den Türverkleidungen. Und wenn man in der Morgensonne ein bisschen Frischluft ins Auto lassen möchte, genügt im Columbus ein Griff nach oben, um die Hecktüren zu öffnen.

Im Hymer-Car ist der Innenöffner ziemlich zugebaut. Außerdem gibt es im Schlafabteil weniger Lampen und Ablagen. Das Bett ist nochmals breiter als im Columbus, mit 1,86 Meter Länge aber auch kürzer. Dicke Matratzen auf Lattenrosten sorgen allerdings auch hier für guten Liegekomfort, und da die Matratzenteile sich eng aneinanderschmiegen, stören die Querfugen kaum.

Eine besondere Option im Hymer-Car ist das Aufstelldach. 2990 Euro Aufpreis sind zwar ein stattlicher Posten, im Vergleich zu den üblichen Sitzgruppen-Notbetten bürgt die Schlafmöglichkeit in luftiger Höhe aber geradezu für himmlischen Schlafkomfort – dank guter Liegemaße und Lattenrost; und trotz dünner Matratze. Über eine stabile Alu-Leiter klettert man durch eine große Aussparung im Dach nach oben. Kinder haben hier quasi ein kleines Reich für sich – freilich in erster Linie im Sommer.

Unterschiedlich kümmern sich Westfalia und Hymer-Car um die Kulinarik. Die lange Küchenzeile im Columbus bietet eine große Arbeitsfläche, wo beim Grand Canyon die Abdeckungen von Kocher und Spüle herhalten müssen. Wenn man das Bett im Westfalia nach hinten schiebt, entsteht zudem viel Bewegungsfreiheit. Dank ausziehbarer Kühlbox an der Stirnseite kommt man beim Grillen schnell an kühle Drinks. Allerdings ist die Box klein und die Belegung unübersichtlich. Der Columbus 601 D hat alternativ einen klassischen Kühlschrank, der wie im Grand Canyon größer und deshalb einfach praktischer ist.

Seidenweich laufen im Hymer-Car die großen Schubladen, und der Besteckkasten ist ebenso vorbildlich wie die bestens zugänglichen Gasabsperrhähne. Spätestens auf den, der vergeblich versucht, in der unpraktischen Halbkugelspüle des Westfalia einen größeren Topf zu spülen, macht die Hymer-Küche einen ausgereifteren Eindruck. Auch viele Handtuchhaken belegen, dass hier Praktiker entwickelt haben.

Die wichtigsten Hygienebedürfnisse befriedigen beide Busse. Zugunsten des breiten Betts ist das Bad im Hymer-Car zwar selbst für Kastenwagenrelationen klein. Wegen des praktischen, soliden Klappwaschbeckens funktioniert die Benutzung aber dennoch passabel. Wirklich störend ist nur die geringe Stehhöhe von nicht mal 1,80 Meter – ein Zugeständnis an das Aufstelldach; ohne wäre Platz für eine Dachhaube. Ein Vorteil ist die Gliederschiebetür, die besser und dichter schließt als die Schwenktür im Columbus und zudem nicht in den Gang hineinragt. Wie der übrige Innenausbau wirkt auch das Bad im Westfalia mit seiner abwaschbaren Vollplastikanmutung sehr kühl.

Optik ist das eine, Machart das andere. In der Beziehung ist der Westfalia-Ausbau geschliffener als der Hymer-Car. Bei ihm gibt es vor allem Abzug für die billigen Plastikfolienscharniere an vielen Schrankklappen. eim Stauraum nutzt Hymer-Car clever jeden Kubikzentimeter im Kastenwagen aus. Überall finden sich zusätzliche Fächer, zwei praktische große Schubladen unter dem Bett und ein voluminöser Wäscheschrank hinter der Rückbank. Im Kleiderschrank darüber bekommt man je zwei Jacken und Hemden auf Bügeln gut unter. Dagegen sind die Kleiderhaken im Westfalia erst zugänglich, wenn man die Rückbank nach vorn klappt: umständlich. Auch mit seinen größeren Hängeschränken macht der Westfalia die vielseitigere Verteilung von Gepäck im Hymer-Car nicht wett.

Der Westfalia trumpft im Heck mit einem Trick auf. Die hintere Betthälfte lässt sich einfach hochklappen; so lassen sich Fahrräder auch transportieren, ohne – wie im Hymer-Car – das ganze Bett zur Seite räumen zu müssen. Weil dies jedoch Stauraum über die ganze Höhe schafft, lässt sich der Heckstauraum im Grand Canyon auch dank praktischer Zurrschienen flexibler nutzen.

Auch bei der Zuladung ist der getestete Hymer im Vorteil. Im Serientrimm herrscht zwar fast Gleichstand zwischen Columbus und Grand Canyon. Die reichhaltige Zusatzausstattung beschränkt beim Testwagen von Westfalia jedoch die Vorderachszuladung auf nur 180 Kilo. Wer viele Extras bestellt, sollte wie beim Hymer besser gleich das Maxi-Chassis mit höheren Achslasten wählen. Als 3,5- Tonner zugelassen bleibt die Gesamtzuladung bei beiden absolut ausreichend.

Technik

Ambitioniert tritt der Westfalia Columbus an; wie beim Ausbaustil geht der Campingbus-Pionier auch in technischer Hinsicht eigene Wege. Manche führen auch definitiv zum Ziel. In puncto Beleuchtung ist der Columbus beispielhaft. Die vielen LED-Lampen sind zumeist elegant ins Mobiliar integriert. Das trifft zwar auch auf den Grand Canyon von Hymer-Car zu, allerdings ist die Ausstattung mit Lampen weniger umfangreich und gleichmäßig. In mancher Hinsicht muss sich Westfalia die Frage gefallen lassen, ob der Aufwand lohnt. Zum Beispiel das aufwendige Warmwasserheizsystem. Aus­ge­stattet mit zusätzlichen Ventilatoren und optional auch einer Fußbodenheizung verbreiten die Konvektoren zwar eine gleichmäßige Wärme im Wohnraum. Dass der Ofen Diesel statt Gas verbrennt, lässt sich nicht ignorieren. Selbst im Innenraum ist der leichte Abgasgeruch wahrzunehmen.

Im Hymer-Car verrichtet die tausendfach bewährte Gas-Gasheizung von Truma ihren Dienst, ohne die Nase zu reizen. Ein großer Pluspunkt dieser konventionellen Lösung. ist Allerdings der Ausströmer hinter dem Beifahrersitz nicht sehr geschickt platziert. Die Regulierungsklappe ragt so weit aus dem Boden, dass man sie fast automatisch abrasiert. Die Frage nach dem Brennstoffnachschub dürfte mit Blick auf die zwei 11-kg-Gasflaschen unter dem Bett geklärt sein; auch wenn man diese beim Tausch etwas mühsam über die hohe Ladekante wuchten muss.

Bei der Versorgung schlägt das Pendel Richtung Hymer-Car aus. Er hat den etwas größeren Frischwassertank und se­rienmäßig mehr Akkukapazität. Relevanter beim Campen ist jedoch eher die größere Anzahl an Steckdosen. Unkonventionell ist der Landstromanschluss im Motorraum, aber nicht unpraktisch – das spart einen Wandausschnitt und das Kabel ist so auch gesichert. Wie beim Columbus hängt der Abwassertank unter dem Wagenboden, ist aber nur beim Grand Canyon serienmäßig isoliert.

Bei der Sicherheit – zu großen Teilen in beiden Bussen unkritisch bis auf den mitunter schmerzhaft spürbaren Stirnbalken über dem Fahrerhaus – gibt es dennoch einen kleinen Abzug für den Hymer für den weniger gut zugänglichen FI-Schutzschalter. Immerhin: Vorhanden ist er, und das ist die Hauptsache. Informativer und moderner ist das Kontrollbord beim Westfalia.

Und beim Aufbau? Welche Unterschiede kann es da schon geben? Kleine, aber feine. Etwa die sehr plan anliegenden Seitenfenster des Grand Canyon, die sich stufenlos ausstellen lassen. Inkonsequent jedoch, dass in den Hecktüren nur einfachere vorgehängte Wohnwagenfenster zum Einsatz kommen. Der Columbus hat rundum solide Rahmenfenster. Kassettenrollos finden sich ebenso im Hymer. Zur Verschattung des Fahrerhauses dient serienmäßig nur ein einfacher Vorhang. Die in Kassetten gelagerten, praktischeren Faltverdunkelungen kosten sowohl beim Grand Canyon als auch beim Columbus Aufpreis. Serie sind hier drei Dachfenster im ausreichenden Format 40 x 40. Angenehmer Nebeneffekt: Windgeräusche beim Fahren bleiben im Gegensatz zu großen Panorama-Dachhauben auf ein Minimum reduziert.
Verarbeitet sind die beiden Campingbusse – der gehobenen Preisklasse entsprechend – gut. Die Hängeschränke im Columbus sind passgenauer, dafür laufen im Grand Canyon die Schubladen leichter.

Preis und Service

Es gibt günstigere Busse in der Ducato-Klasse – gar keine Frage. Mit einem Grundpreis von fast 51 000 Euro dürfte der teurere Westfalia jedoch eher aus dem Raster vieler Interessenten fallen. Der Grand Canyon bleibt auf Tuchfühlung mit Wettbewerbern wie Knaus Box Star und Adria Twin, hat diesen zudem die bessere Ausstattung voraus. Das gilt auch in Bezug auf den Columbus.

Hier sind 115 PS Serie. Beim Grand Canyon sind es 130 PS. Zusätzlich spendiert Hymer Käufern die Klimaanlage, den Tempomat und einen 120-Liter-Dieseltank. Die soliden Rah­menfenster und Dachfenster in ausreichender Menge und Größe haben beide in Grundausstattung an Bord. Die Faltverdunkelung fürs Fahrerhaus kostet hier wie da extra.

Manche Optionen sind bei Westfalia teurer als bei Hymer. Und auch das dichtere Servicenetz von Hymer-Car verschafft dem Grand Canyon einen deutlichen Vorteil gegenüber dem Columbus. Nüchtern kalkuliert und von Geschmacksfragen abgesehen, ist der Hymer das vernünftigere Angebot.

Fahren

jektiv betrachtet ist der laufruhige 148- PS-Motor im Hymer eine sehr angenehme, adäquate Kraftquelle – und eine absolut empfehlenswerte Wahl. Doch es geht noch besser, wie im Columbus: der 177-PS-Diesel und die Comfortmatic harmonieren auch deshalb miteinander, weil das automatisierte Schaltgetriebe das ungestüme Temperament des großen Dreiliter-Motors wirkungsvoll zügelt. Zwei Nachteile hat diese Kombination: Sie ist teuer und schwer.

Beim Cruisen über Land geben sich beide nicht undynamisch. Handling und Lenkung sind direkt, die Bremsen passabel. ESP ist Serie, beide Airbags nur bei Hymer-Car. Die Sicht durch die Fenster könnte besser sein, aber man kommt zurecht. Ducato-typisch federn beide Busse ein wenig steif und hölzern. Der Platzbedarf beim Rangieren auf dem Campingplatz ist relativ groß. Obacht, wenn’s etwas unwegsamer wird: Den tief hängenden Abwassertank beim Columbus muss man im Auge behalten.

Ein Wort zu den Extras, die Fiat seit dem Facelift 2014 für den Ducato in größerer Zahl anbietet: Beide Hersteller bieten einen großen Teil davon auch ihren Kunden an.

Supercheck: Concorde Carver 791 L

Foto

Ingolf Pompe

Datum

13. Januar 2016
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