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Report: Gasantrieb für Wohnmobile: Kräftig Gas gegeben

Erdgas gegen Gas-Diesel: Heben bald Reisemobile mit Alternativantrieb ab? Saubere Abgase und billigen Treibstoff hätte jeder gern. Doch was können die neuen Grünen wirklich?

Der Ausblick war so verführerisch wie ein weit ausgeschnittenes Dekolleté: Auf der IAA ließen Autohersteller tief blicken, präsentierten ihre Antriebe der Zukunft. Fast könnte man glauben, in zwei oder drei Jahren schnurrten nur noch Elektroautos über die Straßen. Falsch: Es fehlt an Reichweite und Modellen, an bezahlbaren Preisen.

Aber die Szenerie ist heftig in Bewegung: Neue Firmen und Erfinder leuchten überall wie Kometen auf – viele der Pioniere werden jedoch wieder verglühen. Und auf dem Hof von promobil steht das erste Reisemobil mit Erdgasantrieb, ein La Strada Avanti L. Daneben wartet mit dem Hymer Car 322 von Goldschmitt mit Dieselmotor und Einblasung von Autogas eine weitere Premiere.

Der Arbeitstag von Walter Gängenbach beginnt diesmal mit der Fahrt zur Waage: Der Herr über die promobil-Testwagen wiegt die beiden Reisemobile sorgfältig, belädt sie danach mit Ballastsäcken auf jeweils 3,4 Tonnen. Macht zuzüglich Fahrer 3,5 Tonnen Testgewicht. Damit sind sie für den Tag gerüstet.

Dem La Strada Avanti L ist anzusehen, dass er etwas Besonderes ist: Markante grüne Streifen auf der Karosserie deuten ebenso Umweltverträglichkeit an wie große „Eco“-Schriftzüge. Den sperrigen Begriff „Natural Power“ schreibt Fiat auf Heck und Flanke des Ducato, er steht in der Nomenklatur der Italiener für Erdgasantrieb.

Bilden üblicherweise zart gebaute Benziner die Basis für eher schmalbrüstige Erdgasmotoren, so basiert die Fiat-Maschine im La Strada auf dem bulligen Dreiliter-Diesel. Ergebnis sind reichlich Leistung und Drehmoment. Verpflegung erhält der Gasmotor aus fünf Tanks mit zusammen 37 Kilogramm oder 220 Liter Erdgas unsichtbar unter dem Bauch montiert. Das bedeutet rund 400 Kilometer Reichweite – ungewöhnlich, der Erdgas-Sprinter etwa schafft nur die Hälfte. Für Notfälle bunkert der Ducato 15 Liter Super. Er erreicht zunächst die Schadstoffklasse Euro 4, Euro 5 folgt in Kürze.

Doch was ist das im Vergleich zum Hymer Car 322 gleich gegenüber? Er trägt seine Besonderheit nicht zur Schau, dabei hat Goldschmitt den gewohnten 2,3-Liter-Turbodiesel mit Autogas-Einblasung aufgerüstet. Günstiges Autogas – es kostet wenig mehr als die Hälfte von Diesel – soll später mindestens 50 Prozent des Dieseltreibstoffs ersetzen. Der umgebaute Fiat wird ebenfalls Euro 4 erreichen. Goldschmitt peilte ursprünglich Umbauten gebrauchter Motoren an, sie sollen auf diese Weise die grüne Umweltplakette erhalten. Diese Motivation jedoch dürfte mit Einführung der Partikelfilter sinken.

Für den Gas-Diesel spricht sein Gewicht: Knapp 2,9 Tonnen bringt der Hymer Car auf die Waage, gut drei Tonnen der Avanti. Beide Reisemobile basieren auf dem Ducato als Großraum-Kastenwagen. Fiat verwendet beim Erdgasantrieb aus Gewichtsgründen den tragfähigen Maxi als Plattform. Eine unnötige Vorsichtsmaßnahme, sie verteuert das Basisfahrzeug um 1250 Euro. Bei einem Reisemobil für zwei könnte man sich den Aufwand problemlos sparen.

Ohnehin sind beide Kan­didaten keine Billigmobile: Goldschmitt veranschlagt rund 6500 Euro für die Technik einschließlich Umbau. Für den Erdgasmotor allein sind 9475 Euro zu veranschlagen, doch wer den größten Diesel zum Vergleich heranzieht, halbiert den Preis annähernd.

Nach dem Kaltstart läuft der Gas-Diesel zunächst unrund, rußt, gibt tackernde Geräusche von sich. Goldschmitt-Tüftler Heinrich Bloemer be­ruhigt: „Das gibt sich nach fünf Minuten.“ Stimmt: Hat der Motor Betriebstemperatur erreicht, beginnt die Gas-Einblasung, dann läuft er ruhig. Die Maschine spricht rege an. Und wie vom Ducato-Original gewohnt, tritt sie wie der Ursprungsmotor etwas rau und lärmend auf. Sensible Gemüter spüren beim Gas-Diesel feine Übergänge und Sprünge in der Leistungsentfaltung.

Die erste Fahrt führt zur na­hen TÜV-Prüfstelle. Die Reisemobile fahren auf die Grube, das Test-Team schaut ihnen unter den Rock. Beim Erdgas-Testwagen ist wenig zu sehen, zwei stabile und vielfach verschraubte Stahlblech-Wannen panzern die roten Gasflaschen gegen Beschädigungen. Anders beim Gas-Diesel: Offen ent­lang der Karosserie verlegte Leitungen und ungeschützte Installationen unterhalb des Tanks am tiefsten Punkt des Hecks führen zu Stirnrunzeln – da muss ein Schutz her.

Der Blick in den Motorraum ist beim Erdgas-Ducato wenig spektakulär – eine schnöde Plastikabdeckung und eine Handvoll Leitungen verstecken die Eingeweide. Unter der Haube des Gas-Diesel-Prototyps verteilen sich dagegen diverse Kabel, Leitungen sowie Gerätschaften bis hin zu zwei Manometern. Man sieht, hier hat einer kräftig Hand angelegt.

In Stuttgart hat die Redaktion eine Tankstelle ausgemacht, die sämtliche Treibstoffsorten vorhält. Neben Benzin und Diesel gibt es hier sowohl Autogas als auch Erdgas, eine rare Kombination. Generell haben Autogas-Fahrer weniger Mühe: In Deutschland gibt es rund 5000 Füllstellen, auch in den meisten großen touristischen Ländern ist die Versorgung gesichert. Anders Erdgas: Gut 800 Zapfstellen in Deutschland sind beileibe nicht flächendeckend. Frankreich und Spanien sind als Zielländer tabu, hier gibt es nur eine punktuelle Versorgung, ein großer Nachteil speziell für Reisemobile. Für beide Gassorten gilt: Nicht jede Tankstelle ist gut erreichbar und durchgehend geöffnet, man darf sich auf der Suche nicht selten durch dunk­le Industriegebiete tasten.

Heute jedoch ist der Treibstoff gesichert, wenn auch die Befüllung ungewohnt abläuft: Die Zapfpistolen müssen jeweils gasdicht am Einfüllstutzen verschraubt (Autogas) oder aufgesteckt und verriegelt werden (Erdgas). Für Flüssiggas ist dazu ein Adapter notwendig, Auslandsfahrten verlangen nach weiteren Zwischenstücken. Reisemobilurlau­ber kennen diese lästige Kleinstaaterei vom Flüssiggas für die Bordtechnik.

Auch der Erdgasanschluss verlangt Gewöhnung, es gibt sehr unterschiedliche Tanksysteme und Zapfsäulen. Hier wie dort lässt sich die Zapfanlage beim Befüllen der Tanks Zeit. Ohnehin muss man mitunter längere Zeit anstehen: Nur eine Säule pro Tankstelle führt bei Andrang zu Wartezeiten. Ist es also despektierlich, wenn dem verwöhnten Dieselfahrer an dieser Stelle die legendäre Automobil-Pionierin Bertha Benz einfällt, die auf der ersten Fernfahrt im Auto den Sprit in Apotheken kaufen musste?

Der Gang zur Kasse entschädigt für Ungemach: Nur 60 Cent kostet der Liter Autogas. Erdgas allerdings liegt zurzeit mit rund einem Euro sehr nahe am Diesel. Doch das kann sich beim Anziehen der Dieselpreise sehr schnell ändern – im Sommer vergangenen Jahres war der Unterschied zum Beispiel beträchtlich.

Ärgerlich: Der Fahrer des Gas-Diesels muss gleich zweimal tanken und zur Kasse laufen. Er hat außer Gas schließlich ebenfalls Dieselsprit zu zapfen und muss dazu die Säule wechseln und rangieren – dieses umständliche Verfahren ist bei Hochbetrieb an der Tankstelle mehr als lästig.

Die folgende Vergleichsfahrt zeigt, dass sich die beiden Motoren mit Blick auf Leistung und Drehmoment wenig nehmen. Allerdings spricht der Erdgasmotor aufs Gas – hier wörtlich zu nehmen – träge und verzögert an. Er wirkt passiver, auch wegen seines leisen Auftretens: Im Leerlauf hört man die Maschine kaum, selbst bei höheren Geschwindigkeiten arbeitet sie dezent. An Bord ist Konversation möglich und sogar Musikgenuss.

Die späteren Fahrleistungsmessungen korrigieren den subjektiven Eindruck: Der Erdgas-Ducato hängt den Gas-Diesel knapp ab. Er profitiert davon, dass seine Durchzugskraft früher zur Verfügung steht. Merke: Wie im richtigen Leben ist nicht immer jener auch kräftiger, der lauter auftritt.

Nach gut 230 intensiven Kilometern auf Autobahnen, Land- und Bundesstraßen sowie einer Stadtfahrt folgt an der Tankstelle mit den vielen Treibstoffsorten dann die Überraschung: Der Erdgas-Ducato geht recht haushälterisch mit seinem Treibstoff um. Beim Gas-Diesel stimmt die Mischung nicht: Auch er läuft sparsam, doch mit 11,5 Prozent Auto­gas-Anteil am Gesamtverbrauch verfehlt er den von Goldschmitt-Tüftler Bloemer zuvor vermuteten Wert von 30 Prozent.

Doch eine neue Elektronik liegt schon bereit: Mit ihr soll der Autogas-Anteil auf 50 Prozent steigen. Angestrebt sind sogar bis 70 Prozent. Gelingt dies bis zum Serienstart im Sommer kommenden Jahres, dann kann auch dieser Komet am Himmel neuer Antriebssysteme aufleuchten.

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Datum

15. Dezember 2009
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