„Mein Gipsy!“ So prägnant kann man Stolz und ein bisschen Wehmut in zwei Worte packen. 19 Bilder Zoom

Oldtimer-Wohnmobil Karmann Gipsy: 80er-Jahre Kult-Camper auf VW T3

"Mein Gipsy!" So prägnant kann man Stolz und ein bisschen Wehmut in zwei Worte packen. Seit März steht Manfred Salzmanns Camper im Museum: Für promobil drehte er noch einmal eine Runde.

Mit dem Gipsy schuf die Traditionsmarke Karmann einen Klassiker – mal wieder, könnte man sagen. Immerhin hatte man in Osnabrück über Jahrzehnte hinweg Erfahrungen in Sachen Volkswagen gesammelt, wie das Käfer- und das Golf-Cabrio und nicht zuletzt der legendäre Karmann Ghia beweisen. Heute ist man mit jedem dieser Autos gern gesehener Gast auf einem Oldie-Treffen. Doch nur im Karmann Gipsy kann man auch selbst Gäste willkommenheißen. Platz gibt es ja genug. 

Das hat auch Manfred Salzmann zu schätzen gelernt. Er gönnte sich 1988 einen Gipsy auf Basis des Volkswagen T3 – und hat es "nie bereut", wie er versichert. "Natürlich waren die 56.000 Mark eine ganz schön deftige Summe. Allerdings hat mich der Karmann auch niemals im Stich gelassen. Weder am Nordkap noch am Marmarameer." 

Stationen eines Wohnmobil-Lebens: Von Norwegen bis in die Türkei

Der Trip in die Türkei war die Bewährungsprobe – und Grund für die Entscheidung, einen Turbo-Diesel mit 70 PS an Stelle des potenteren Benziners zu wählen. "Wir wollten eigentlich den 112 PS starken Wasserboxer bestellen. Allerdings hatten mich Freunde gewarnt, Benzin sei manchmal im türkischen Hinterland schwer zu bekommen, Diesel hingegen schon. Und so entschieden wir uns für den Selbstzünder." 

Er muss selbst schmunzeln ob dieser Anekdote, mit der die gemeinsame Reise im Gipsy begann. "Karmann hatte uns die Fahrzeugpapiere geschickt, so dass ich mit den frisch geprägten Ulmer Kennzeichen im Zug nach Osnabrück fahren konnte, um das Auto abzuholen." Einige Wochenendausflüge später wurde dann im Sommer 1988 die erste große Reise in Angriff genommen: "Über den Autoput und Griechenland bis an den Bosporus,dann ein paar Strandpartien am Marmarameer, ein Abstecher nach Ankara und durch die Kilikische Pforte nach Anatolien. Und schließlich wieder gemütlich über die Türkische Riviera zurück nach Westen. Vier Wochen, ein Traum." Und längst nicht der einzige, campte sich das reiselustige Paar doch durch sämtliche europäischen Himmelsrichtungen. 

Familie Salzmann genoss die Freiheiten, die der Gipsy bot, in vollen Zügen. "Wir parkten, wo wir gerade Lust hatten, nahmen uns immer wieder Zeit für spontane Abstecher – und das alles ohne jede Buchung. Wir waren überall daheim", meint Manfred Salzmann, während er durch einige der vielen Fotoalben blättert, die Zeugen des enormen Nutzwerts eines T3-Gipsy sind. 

VW T2 und T3 als Karmann Gipsy Basisfahrzeug

Dessen Geschichte begann schon tief in den 70er Jahren – und in Südafrika, genauer im Transvaal. Dort baute die Firma Jurgens auf Basis des noch sehr rundlich gezeichneten VW T2 die "Auto Villa" mit Hocherker, die 1974 im Karmann-Mobil ein europäisches Pendant fand, das mit seinem gut gedämmten Aufbau, Mitteldurchgang, dem Bad mit Dusche und Toilette, der Küche und vor allem der Sitzgruppe im Heck bestach. "Als dann 1979 der T3 kam, wurde die Idee weiterentwickelt", erklärt Manfred Salzmann. "Im Grunde hat sich der Zuschnitt nicht geändert, sieht man von den etwas größeren Abmessungen und dem zusätzlichen Hochbett im Format 130 auf 190 Zentimeter ab. Der Platz über dem Führerhaus war uns aber immer etwas zu eng, deshalb bauten wir lieber das Bett im Heck um." Der VW-Fan beginnt, das nicht eben leicht zu durchschauende Spiel mit den Polstern und dem zur Liegefläche versenkbaren Tisch zu erklären, hält nach fünf Minuten jedoch inne – und gibt zu, dass das eigentlich immer Rosemaries Aufgabe war. "Na ja, sie kann das einfach besser", meint er verschmitzt. 

Dafür waren das Aufstellen der bis heute im Auto befindlichen Klapp-Sitzgruppe unter der Markise, die Kletteraktionen auf dem Dachträger und natürlich alle Wartungsarbeiten sein Metier: Der extrem gute Erhaltungszustand des Campers gibt beredtes Zeugnis von Pflege und Wartung, während der stolze Besitzer ein flott schwäbelndes "I bass halt auf uff mei Zeugs" vor sich hinbrummelt. 

Davon können sich inzwischen auch die Besucher des Hymer-Museums überzeugen: Seit kurzem wohnt der "Salzmann-Gipsy" in der sehenswerten Sammlung und sorgt dort für Staunen. Immerhin haben viele Gipsy ein hartes Camper-Leben, mitunter in dritter oder vierter Hand hinter sich, auch wenn der Aufbau auf Winterfestigkeit getrimmt wurde. "Eine Profilstahlbodengruppe trägt den Aufbau, wobei Seitenwände, Vorderwand, Heck, Dach und Überbau aus einem Holzgerippe bestehen." Auf dieses kamen dann innen vier Millimeter starke Sperrholzplatten und außen Alublech. "Isoliert wurde mit Styropor, 25 Millimeter dick." Eine elektronisch gesteuerte Gas-Heizung sorgt für Wärme, die beiden 5-kg-Gasflaschen stehen in einem von außen zugänglichen Staufach. "Für Küche und Bad gibt es außerdem heißes Wasser, einen 60-Liter-Frisch- und den 60-Liter-Abwassertank." 

Manfred Salzmann führt stolz durch den Camper, um am Ende zum Kaffee in der Hecksitzgruppe zu bitten: eine Zeitreisekapsel. Plüschig, gemütlich, ganz im gedeckten Stil der 80er, fühlt man sich eher in einem Wohnzimmer denn in einem VW Transporter, dessen Heckmotor eine Etage tiefer auf die nächsten Kilometer wartet – auch wenn es nicht mehr viele sein dürften, steht der Gipsy doch seit kurzem im Museum in Bad Waldsee. "Ich wollte ihn nicht einfach verscherbeln, dafür haben wir zu viel erlebt. Aber vielleicht hat ja der ein oder andere Besucher Freude an diesem wunderbaren Auto." Sanft streichelt Manfred über das braune Mobiliar. Mit ein bisschen Wehmut – und einer ganzen Menge Stolz. "Mein Gipsy eben ..."

Die Historie des Karmann Gipsy

Mitte der 70er schuf Karmann auf Basis des VW T2 ein pfiffiges Wohnmobil, das ab 1979 für die 3. Transporter-Baureihe adaptiert wurde. Der durchdachte Grundriss reizte die Möglichkeiten des T3 voll aus: 4,8 Meter lang, 2,05 Meter breit und 2,6 Meter hoch, ist der Gipsy heute ein echter Klassiker, den es am Ende gar mit Allrad gab. Gute Autos werden, wie auch der nicht ganz so feudal ausgestattete Bruder "Karmann Cheetah", deutlich im fünfstelligen Bereich gehandelt: So man denn einen findet. Später setzte der T4 die Idee fort – doch das ist eine andere Geschichte. 

Alterswohnsitz Erwin-Hymer-Museum 

Zwischen Ulm und Bodensee lockt das "Erwin Hymer Museum": Auf gut 6.000 Quadratmetern warten mehr als 80 historische Wohnwagen und Reisemobile. Seit kurzem ist dort auch der Gipsy der Familie Salzmann zu bewundern. Erwin Hymer Museum, Robert-Bosch-Str. 7, 88339 Bad Waldsee, täglich 10.00 bis 18.00, Do. bis 21.00 Uhr (24./31.12. geschl.); Telefon 0 75 24/97 66 76 00; www.erwin-hymer-museum.de

Autor

Foto

Andreas Becker, Prospektabbildungen: Christoph Boltze/www.vwpix.org

Datum

3. Oktober 2016
Dieser Artikel stammt aus Heft promobil 09/2016.
Hier finden Sie alle Artikel dieser Ausgabe im Überblick.
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