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Test: Karmann Colorado TI-Modelle

Die Traditionsmarke Karmann macht sich fit für die Zukunft. promobil zeigt exklusiv den neuen Colorado.

Das große Thema Reformstau beherrscht die aktuelle politische Debatte. Die Käufer oder Bewunderer von Karmann-Reisemobilen könnten darin gleich mit einstimmen: Zu lange konzentrierte sich die Modellpolitik auf behutsame Pflege des Bestehenden. Karmann Mobil war mit sich selbst beschäftigt, musste nach der Trennung vom Osnabrücker Automobilhersteller erst wieder Tritt fassen.
Inzwischen sind die Weichen für die Reisemobilmarke gestellt. Höchste Zeit also für einen Befreiungsschlag im Modellprogramm: Erste Bilder des vom Fahrgestell bis zum Dach neu entwickelten Colorado beweisen, dass Karmann die Offensive wieder beherrscht.
Die Voraussetzungen sind günstig wie selten: Der ebenfalls brandaktuelle VW T5 wurde als Basisfahrzeug schon sehnsüchtig erwartet. Gleichzeitig hat sich die Marke Karmann innerhalb der Eura-Mobil-Gruppe etabliert und profitiert jetzt von den Erfahrungen der großen Schwester ebenso wie von den neu errichteten Montagehallen im rheinhessischen Sprendlingen.
Mitunter ruft diese Vorstellung bei treuen Karmann-Freunden allerdings auch Skepsis hervor: Ein Karmann als lediglich umdekorierter und auf VW-Fahrgestell montierter Eura Mobil? Undenkbar für einen würdigen Spross des einst westfälischen Traditionsherstellers.

Um die Dimension der Reformaufgabe im Hause Karmann zu ermessen, hilft ein Blick zurück: Als der heutige Colorado das Licht der Welt erblickte, schrieb man das Jahr 1996, die Regierung Kohl war noch in Amt und Würden. Damals überraschte automobiles Design, das bis heute kaum an Ausstrahlung verloren hat. Die letzten Exemplare, die derzeit als Edition-Sondermodelle vom Band laufen, gelten bereits als Liebhaberstücke. Für Holger Siebert, als Geschäftsführer Herr über Eura und Karmann Mobil, sind die Grenzen zwischen den Marken schon durch die Zielgruppen klar gesteckt: „Ein Eura Mobil kauft man von innen, den Karmann von außen.“ Gemeinsam mit dem Stuttgarter Designerteam Max Ruhdorfer und Andreas Panik suchte man schon vor dem ersten Federstrich der neuen Colorado-Form die Seele der zahlungskräftigen, aber in besonderer Weise anspruchsvollen Karmann-Kunden in Studien zu ergründen. Ruhdorfers Fazit: „Der Kauf eines Karmann ist eine emotionale Entscheidung.“ Die zweite Colorado-Generation übernimmt abermals Formen aus dem Automobilbau: Schwungvoll wie der Bug eines Sportwagens reckt sich die Alkovennase über das Fahrerhaus. Zum Heck hin verliert die Dachlinie nicht an Kraft, sondern steigt noch einmal an, um dann am Rücken in ausgeprägten seitlichen Kanten auszulaufen. Die Wände – wie das Dach ein GfK-Sandwich – tragen ihren Teil zur Auto-Anmutung bei: Eine leichte Wölbung weist auf die entschlossene Ablehnung klassischer Kartonformen hin. Ebenfalls hilfreich für die neue Dynamik: das im Vergleich zum Vorgänger breitere Fahrerhaus und das ebenfalls neue Alko-Fahrwerk. Endlich passen sich auch Radstand und hintere Spurweite der flotten Linienführung des Colorado an. Freud und Leid liegen für die Karmann-Techniker allerdings eng beieinander: Das nun deutlich längere und schwerere VW-Fahrerhaus verlangt vom Aufbau viel Zurückhaltung im Umgang mit Raum und Gewicht. Eine überraschende Alternative zum VW hätte Karmann in der Schublade: Mit geringen Änderungen passt der neue Aufbau ebenso auf den Renault Trafic. Der ohne direkten VW-Einfluss entstandene Colorado macht Geschäftsführer Siebert selbstbewusst: „Damit haben wir das Profil von Karmann Mobil entscheidend geschärft.“ Nur Kostenrechner dürfte das eigenständige Design der Marke nicht spontan glücklich machen. So müssen eigens angepasste Fenster und die Aufbautür der Wandwölbung folgen. Ergebnis des individuellen Auftritts: „Unter 50 000 Euro wird der neue Colorado nicht zu haben sein“, erklärt Siebert. Bei der großen Wertschätzung der Eleganz darf eine teilintegrierte Variante nicht fehlen: Ein Colorado TI mit eigenständigen Grundrissen erweitert gleich zum Start im Herbst die Auswahl auf acht Modelle.

Optisch hätte man sich einen solchen Flachbau schon früher vorstellen können. Einen Sinn ergibt er aber erst mit der neuen Generation: Erst durch die von 1,99 auf maximal 2,15 Meter gewachsene Innenbreite haben die in Teilintegrierten gefragten Längsbetten neben einem Bad Platz. Während Siebert als Karmann-Chef dem „über die Jahre sichtbaren roten Faden im Karmann-Design“ Respekt entgegenbringt, hält er die bisherige Funktionalität für stark verbesserungsbedürftig. Die neuen Karmann-Macher brachen mit verkrusteten Denkstrukturen: Warum soll beispielsweise das Dach allein aus optischen Gründen weit heruntergezogen werden, wenn es die Aufbautür einschränkt? Der künftige Einstieg wird nicht nur markentypisch breit, sondern auch ausreichend hoch ausfallen. Neue Dimensionen erreicht ebenso der Alkoven, der mehr Kopffreiheit und Bettfläche mitbringt. In seiner Spitze blieb sogar noch Platz für eine Ablage. Karmann-Interessenten jedoch, die zum ersten Mal einen neuen Colorado betreten, werden solch nützliche Zugaben bestenfalls auf den zweiten Blick bemerken. Das Auge wandert von den mit zwei Holztönen dekorierten und S-förmig gewölbten Hängeschrankklappen mit Zierleisten in Aluminiumoptik über die mit unterschiedlichen Stoffen abgesetzten Polster bis zu gerafften Stores und Leuchtenbaldachinen. Aus der früher klinischen Kargheit des Karmann-Wohnraums wurde ein fast schon verspielt wirkendes Schmuckkästchen. Damit gibt Karmann eine klare Antwort auf die Frage, wie tiefgreifend wirksame Reformen sein müssen. Über Details wollen die Entwickler noch mit sich reden lassen, doch die Richtung ist klar. Siebert: „Die früheren Modelle waren doch so gemütlich wie ein Kühlschrank.“ Beim Interieur verließ man bewusst die strengen Linien des Automobilbaus. Designer Ruhdorfer: „Von den VW-Innenräumen gehen für uns keine Impulse aus. Wir haben uns stärker am Yachtbau, aber gerade auch an den Ansprüchen von Reisemobilfahrern orientiert.“ Parallelen zu den innen jüngst renovierten Eura-Mobil-Modellen sucht man dennoch vergebens. Bis auf wenige, nicht direkt sichtbare Teile wie zum Beispiel am Möbelkorpus bleibt der Colorado so eigenständig wie eh und je. Trotzdem profitiert der neue Karmann von den Eura-Tugenden: Angefangen beim 5,70 Meter kurzen Modell 550 verfügen alle Alkoven- und TI-Grundrisse über eine separate Dusche. Mindestens 100 Liter große Wassertanks unterstreichen den praktischen Wert. Ein Doppelboden mit enormem Stauraum wird auch in Zukunft ein Eura-Privileg bleiben, doch übernehmen zumindest alle Colorado-Alkoven die Grundidee: Der acht Zentimeter hohe, beheizte Funktionsboden vereinfacht Schlauch- und Kabelverlegung und sorgt im Winter für warme Füße. Ein Außenfach, etwa für Abwasserschlauch oder Sanitärflüssigkeit, realisiert Karmann an ungewohnter Stelle: Die Entwickler nutzen einen Teil der Freifläche zwischen den leitwerkartig hervortretenden Kanten des Hecks für einen flachen Gepäckraum. Und das ist nur eine von vielen Ideen, die auch Traditionalisten davon überzeugen dürften, dass im neuen Colorado der Geist der Marke weiterlebt. Karmann Mobil geht einen mutigen Schritt in die Zukunft. In der Politik können das nicht alle behaupten.

Technische Daten (Stand: Juni 2003)
Hersteller: Karmann Mobil
Modell: Colorado 625 TI
Basisfahrzeug: VW T5
Typ: Alkoven
Preis: ab 57258 EUR
Sitze mit Gurt: 4
Schlafplätze: 2
Zul. Gesamtgewicht: 3500 kg
Länge: 6623 mm
Breite: 2280 mm
Höhe: 2640 mm
Basismotor: Diesel
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Datum

20. Juni 2003
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