Alles über Hymer ML-T
Der intensive Test dreier Hymer ML-T mit unterschiedlichen Antriebsvarianten zeigt, welches System sich für wen am besten eignet. 23 Bilder Zoom

Antriebs-Konzepte im promobil-Test: Geländegängige Hymer ML-T im Vergleich

Was bringt Allradantrieb für Reisemobile? Der intensive Test dreier Hymer ML-T auf Mercedes Sprinter mit unterschiedlichen Antriebsvarianten zeigt, welches System sich für wen am besten eignet.

Dass SUV bei Pkw-Fahrern so beliebt sind, kommt nicht von ungefähr. Man könnte schließlich, wenn man wollte, vielleicht ein wenig abseits der Straße ... Wie viel besser passt dieses Plus an Möglichkeiten zu Reisemobilen, die man tatsächlich auch häufiger als Pkw jenseits des Alltags bewegt?

Noch ein bisschen Freiheit mehr, und sei sie nur gefühlt, das versprechen vier angetriebene Räder. Und gerade auf Reisemobilisten warten links und rechts der Hauptstraße viele Verlockungen: die einsame Bucht am Ende der schlaglochübersäten, steilen Stichstraße, der grob geschotterte Pfad über einen Nebenpass im Gebirge. Auch Reisen in Länder mit ungewissen Straßenverhältnissen nimmt man mit Allrad einfach entspannter unter die Räder.

Die Auswahl an Reisemobilen mit Allradantrieb ist allerdings nicht besonders groß. Modellen auf dem Fiat Ducato bleibt 4x4 meist verwehrt. Allerdings bietet der Hersteller den Fronttriebler seit Kurzem auch offiziell mit dem nachgerüsteten Dangel-System an.

Hymer ML-T mit Mercedes Original-Allradantrieb

Für den Mercedes Sprinter mit seinem Original-4x4 sieht die Sache besser aus. Hymer etwa bietet den Werksallrad von Mercedes optional für die Baureihen ML-T und ML-I an. Zum schon von Haus aus traktionsstarken Hinterradantrieb lassen sich für 9.900 Euro die Vorderräder per Knopfdruck aktivieren. Zuschalten klappt bis etwa 10 km/h. Im normalen Straßenbetrieb lässt man den Hinterrädern den Vortritt, was – zumindest theoretisch – Sprit spart. Erst wenn es schlüpfrig wird, kommen die Vorderräder ins Spiel. Eine Höherlegung ist im Preis bereits enthalten.

Hymer ML-T mit Iglhaut Offroad-Paket

Wer noch eine Schippe drauf packen will, wird beim Offrod-Experten Iglhaut aus Marktbreit fündig. Ähnlich wie bei den Spezialisten Achleitner und Oberaigner sind die Nachrüstungen auf hohe Geländetauglichkeit ausgelegt. 24.900 Euro kostet das Grundpaket für den Hymer ML-T/I. Inbegriffen sind neben dem permanenten Allradantrieb eine Getriebeuntersetzung für Geländefahrten, ein sperrbares Mittendifferenzial und eine Höherlegung. Mit Zubehör lässt sich die Offroadtauglichkeit weiter erhöhen, etwa mit All-Terrain-Reifen, für die 1.790 Euro fällig werden.

Erster Test auf normalen Straßen

Vor dem Ausritt ins Gelände müssen sich die drei Hymer ML-T 580 mit ihren unterschiedlichen Antriebssystemen zunächst auf der Straße bewähren. Alle drei Teilintegrierten sind mit dem 163-PS-Triebwerk (990 Euro) ordentlich motorisiert, schieben bei Bedarf sauber an und behindern den übrigen Verkehrsfluss weder beim Ampelstart noch beim Einbiegen auf die Autobahn. Wenig überraschend hinterlässt der Hecktriebler über Land den besten Eindruck. Vor allem mit seiner geschmeidigen Federung sammelt er Sympathien. Der 4x4 ist spürbar straffer abgestimmt, was den Komfort zwar etwas einschränkt, sich aber positiv auf die Fahrstabilität auswirkt. Trotz höherem Aufbau neigt er sich weniger in die Kurven. Beim Iglhaut-ML-T machen sich die grobstolligen Reifen durch Vibrationen bei unterschiedlichen Geschwindigkeiten bemerkbar, bei 80 km/h mehr, bei 100 weniger. Auch das Geräuschniveau ist höher. Die geringere Endgeschwindigkeit ist leichter verschmerzbar. Zumal beim 6,98 Meter langen ML-T 580 das Zusatzgewicht des Allradantriebs eine Zulassung mit 3,5 Tonnen Gesamtgewicht sowieso ausschließt.

Fahrerisch könnte der ML-T mit Original-Allrad noch mehr punkten, gäbe es ihn wie den Serienantrieb und das Iglhaut-System ebenfalls mit der modernen Siebengang-Automatik (2.590 Euro). Er muss sich mit dem angejahrten Fünfgang-Wandler (1.790 Euro) begnügen, was sich zum einen bei Beschleunigung und Elastizität bemerkbar macht, zum anderen bei Geräusch und Verbrauch.

Trotz inaktivem Allradantrieb genehmigt sich der ML-T 4x4 rund zwei Liter Diesel mehr als der Hecktriebler. Das höhere Gewicht und die ungünstigere Aerodynamik fordern ihren Tribut. Und der ist überraschenderweise nicht viel geringer als beim permanent über alle vier Räder treibenden Iglhaut, der wegen der aufwendigeren Technik noch schwerer ist und die noch größere Stirnfläche durch den Wind schiebt. Das Rangieren um die Zapfsäulen klappt mit dem 4x4 ähnlich gut wie mit dem Hecktriebler, der naturgemäß den kleinsten Wendekreis hat. Der Dauer-Allrad bringt in dieser Beziehung stärkere Einschränkungen mit sich. Wird im Gelände aus dem Handicap ein Vorteil?

Mit Wohnmobilen im Offroadpark: Wie geländegängig sind die Hymer ML-T?

Im Offroadpark Langenaltheim finden wir eine anspruchsvolle Spielwiese, um die Grenzen der Antriebssysteme auszuloten. Unsere Tests sind jedoch ausdrücklich nicht zur Nachahmung empfohlen. Allradantrieb macht aus einem Reisemobil keinen Geländewagen, wie der Blick auf Proportionen, Überhänge und Winkel unschwer erkennen lässt.

Schon bei der ersten steileren Auffahrt ist für den ML-T im Serientrimm Schluss. Nicht aus Mangel an Traktion, sondern schlicht, weil der tiefhängende lange Überhang aufsetzt. In der Hinsicht haben die beiden Allradler mehr zu bieten: Bei der Werkslösung wird die Vorderachse um zehn und die Hinterachse um acht Zentimeter angehoben. Der Iglhaut-Hymer liegt rundum 12 Zentimeter höher. So wächst die Bodenfreiheit unter dem exponierten Heck auf knapp 32 beziehungsweise gut 36 Zentimeter. Die wenigen Zentimeter sind der Grund, warum der 4x4 so manche Übung auslassen muss, auch wenn er sich traktionsmäßig dazu – trotz Straßenbereifung – in der Lage zeigt. Mehr ist einfach mehr. In jedem Fall sollte man kritische Passagen vorher unbedingt zu Fuß abgehen. Und beim Befahren behält am besten ein Mitfahrer von außen ständig die Bodenfreiheit im Auge. Das minimiert Schäden.

Wie wichtig der Freigang der Räder ist, zeigt sich im Gelände schnell. Verschränkung bedeutet Bodenkontakt und damit zugleich Grip. Lässt der irgendwann nach, drehen die Räder durch, und ein elektronisches Traktionssystem kommt schon mal an seine Grenzen. Das 4ETS von Mercedes bremst durchdrehende Räder ab und schiebt das Antriebsmoment so denjenigen mit besserer Haftung zu. Das funktioniert bei unseren Fahrversuchen im feucht-klebrigen Solnhofener Plattenkalk ziemlich gut. Wenn es dagegen richtig rutschig wird, kann 4ETS im Extremfall aber auch sämtliche Räder zum Stillstand bringen.

Prinzipbedingt haben mechanische Differenzialsperren unter solchen Bedingungen Vorteile. An manchen Stellen im Offroadpark geht es selbst für den Iglhaut-ML-T erst weiter, nachdem wir auch das Hinterachsdifferenzial blockiert haben. Die automatische Kraftverteilung ist dann unterbunden, und beide Räder drehen mit demselben Antriebsmoment. Hat das linke Hinterrad vorher noch haltlos über den Boden gescharrt, dreht es jetzt mit derselben Geschwindigkeit wie das rechte. Und es geht wieder vorwärts.

An einem der steilsten Anstiege streicht schließlich auch der Iglhaut die Segel. Selbst die 2,5-fache Getriebeuntersetzung hilft nicht mehr weiter. Diese Kletterhilfe macht vor allem auch Bergabfahrten ohne schweißnasse Handinnenflächen möglich. Das Stollenprofil ist aber mittlerweile plan mit Matsch gefüllt und findet einfach keinen Grip mehr. Doch dazu muss es schon ganz dick kommen. Bei leichteren Übungen oder auf Schnee haben beide Allradler echte Durchkommerqualitäten. Und sie befriedigen gleichermaßen Abenteuerlust und Sicherheitsbedürfnis.

Supercheck: Concorde Carver 791 L

Foto

Karl-Heinz Augustin

Datum

2. März 2016
Dieser Artikel stammt aus Heft promobil 02/2016.
Hier finden Sie alle Artikel dieser Ausgabe im Überblick.
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