Mobil-Tour: Ostfriesland 28 Bilder Zoom

Reise-Tipp: Ostfriesland: Salzluft, Wind & Meer

Dicht hinterm Deich liegen die kleinen Fischerorte an der ostfriesischen Küste, geschützt vor den Urgewalten des Meeres – willkommen zur Mobil-Tour durch eine Region, in der Hektik und Stress zu den Fremdwörtern gehören.

Die schmale, schnurgerade Landstraße zwischen sattgrünen Wiesen und Feldern ist plötzlich versperrt. Ein paar kräftige Kerle stehen mitten auf dem Asphalt, einer lässt gerade eine schwere Gummikugel die Piste entlangjagen. „Achtung Boßelspiele“ hatte uns eine Kurve zuvor ein Verkehrsschild gewarnt, der Gasfuß wurde also zur Vorsicht schon mal gelupft. Von der angrenzenden Weide schauen ein paar Schafe gespannt zu, wie Ostfrieslands Spitzensportler dem hiesigen Nationalspaß frönen. „Lat hüm susen“, ruft einer, und die Kugel saust wieder los. Wir halten zur Vorsicht an. Beim Boßeln (gesprochen mit langem ooh) geht es darum, das schwere Geschoss mit möglichst wenig Würfen über eine bestimmte Distanz rollen zu lassen. Es gibt Hunderte Vereine, die „Ostfrisia“ heißen oder „Fresenmout“, Meisterschaften austragen und dann als Sieger am Montag groß in der Zeitung stehen. „He löpt noch“, sie rollt noch, warnt uns ein Spieler, als wir vorsichtig der Kugel hinterherfahren. Dann wird freundlich gewinkt, Reisemobil-Urlauber sind gerne gesehen in dieser eigenwilligen Region. Sie ahnen schon, dass in Ostfriesland manches ganz anders ist als im Rest der Republik. Auf der pfannkuchenflachen Halbinsel zwischen Wilhelms­haven und Emden (die höchste Erhebung misst knapp 25 Meter) gibt es wenig Hektik und Stress, dafür urige Orte und Städtchen, weite Felder und Wiesen, Windmühlen und endlos lange Deiche. Und einen schönen Fischerhafen nach dem anderen, die wie Perlen den Küstensaum zieren – jeder mehr als nur einen kurzen Stopp wert.

Da stehen wir nun auf einem traumschönen Stellplatz direkt am Meer – und das Meer ist nicht da. Zweimal innerhalb von 24 Stunden zieht sich die Nordsee diskret zurück, um bis zu vier Meter sinkt und steigt der Meeresspiegel bei Ebbe und Flut, als Folge der Anziehungskräfte von Erde, Mond und Sonne sowie der Flieh- und der Trägheitskraft. Was zur Folge hat, dass wir bei Ebbe wunderbar im Watt waten können, die Füße werden dabei von Schlick und Algen massiert und manchmal auch von kleinem Meeresgetier gepikst. Das ist eine sehr friedliche Sache, und man kann sich kaum vorstellen, dass die See zur Zeit der Herbst- und Winterstürme zerstörerische Kräfte entwickeln kann – ohne die knapp neun Meter hohen Deiche wäre in Ostfriesland schon lange Land unter.

Das Meer prägt die Ostfriesische Küste. Angefangen bei Wilhelmshaven, größte Stadt mit rund 100000 Einwohnern, die vor knapp 150 Jahren unter Kaiser Wilhelm I. im großen Stil schachbrettartig als Marinestützpunkt angelegt wurde. Marine prägt bis heute das Stadtbild, allerdings soll der neue Jade-Weser-Port auch Jumbo Carrier unter den Containerschiffen abfertigen können, und man setzt verstärkt auf Tourismus. So nächtigen wir königlich hoch oben auf dem Stellplatz Fliegerdeich mit Blick über die Meeresbucht Jadebusen, Strandkörbe auf grüner Deichwiese zu Füßen, in Laufweite Attraktionen wie Marinemuseum und Oceanis-Unterwasserwelt – damit ist die Stadt ein guter Stop­over auch bei norddeutschem Nieselwetter. Zumal nahebei der Ort Jever mit schöner Altstadt und Traditions-Bierbrauerei oder das barocke Wasserschloss Gödens locken, das inmitten eines großen Parks zu den Prunkbauten Frieslands zählt.

Die wahren Perlen aber sind die kleinen Krabbenkutterhäfen. Carolinensiel etwa, mit knarrenden Museumsschiffen im Sielhafen; Cafés ringsum in teilweise denkmalgeschützten Häusern bieten zum Pharisäer (Kaffee mit Rum) den besten Blick. Das alte Hafenbecken liegt weit im Land, über die zwei Kilometer lange Harle-Promenade spaziert man zum neuen Harlesieler Außenhafen am Meer, von wo aus die Fährschiffe nach Wangerooge ablegen. Einen traumschönen Stellplatz gibt’s hier direkt an der Mole, und abends stellen wir unseren Campingstuhl auf die Deichkrone und genießen den Sonnenuntergang. Ein paar Kilometer weiter dann Neuharlingersiel, hier ankern die Krabbenkutter noch direkt im engen, idyllischen Sielhafen und verkaufen fangfrisches Meeresgetier von Bord. Nebenan liegt der lange, wie meist an der Festlandküste künstlich aufgeschüttete Sandstrand – noch schöner badet man nur auf den vorgelagerten Inseln (rechte Seite), die sich hervorragend für einen Tagesausflug eignen. Über Orte wie Esens mit Bernstein-Schmiede, Norden samt seinen historischen Bauten und Museen sowie den schönen Fischerort Greetsiel landen wir schließlich in Emden. Die zweitgrößte Stadt der Region (rund 52?000 Einwohner) bietet Seehafen, Universität, Kunsthalle – und Otto Waalkes, der als Schauspieler, Sänger und Komiker Weltruhm erlangte. „Ich bin stolz auf mein Ostfriesland“, hat er einmal gesagt, und das war überhaupt nicht als Witz gemeint – wir können ihn bestens verstehen.

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Datum

25. Juli 2010
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