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Aufbautechnik: Kunststoffe statt Holz

Haltbarer, stabiler, besser isoliert - neue Materialien und Technologie für Wohnmobil- Aufbauten  in der Mittelklasse. Hier erfahren Sie, was in den Wänden steckt und welche Vorteile das bringt.

Vor Kurzem war die Welt noch recht einfach. Wer ein Reisemobil in der unteren oder mittleren Preislage erwarb, konnte nahezu sicher davon ausgehen, dass im Aufbau ein Holzfachwerk mit Styropor-Isolierung steckte. Eine Technik, die einst für den Caravan entwickelt wurde und sich dort jahrzehntelang bewährt hat.

Heute ist alles anders. Gerade die großen Marken der Mittelklasse übertreffen sich plötzlich mit Werbeaussagen zu fortschrittlicher Aufbautechnik. Häufig ist von holzfreien Aufbauten die Rede, von hagelsicheren Dächern und neuartigen Verklebungen. Was soll man als Käufer davon halten? Wie kann man Verbesserungen überhaupt erkennen und beurteilen? Würde eine Röntgenbrille das Innenleben der Aufbauten sichtbar machen, stellte man beim Rundgang über eine Reisemobilmesse zunächst eines fest: Traditionelle Konstruktionen sind noch nicht verschwunden.

In der unteren Preiskategorie bleibt Holzfachwerk der Standard.

Das stellt grundsätzlich kein Problem dar. Ein Blick auf den Urlaubsverkehr zeigt immer wieder, dass traditionell gebaute Reisemobile sehr alt werden können. Vorausgesetzt, die Pflege stimmt.

Ein hölzerner Unterboden verlangt Nachbehandlung; ein Gerippe aus Holz will regelmäßig auf Feuchtigkeit untersucht werden. Wer einmal den Kampf gegen Verrottung aufnehmen musste, wird die Holzbauweise kritisch sehen. Abgesehen davon darf man sich fragen, ob eine Technik aus der Caravan-Frühzeit zu modernen Reisemobilen passt, die auch einmal auf der Überholspur unterwegs sind.

Dass es anders geht, beweist schon lange die Reisemobil-Luxusklasse. So bauen beispielsweise Carthago, Concorde, Niesmann + Bischoff oder Phoenix Hölzer nur in den Möbeln ein. Vielleicht hat auch die jüngste Ausweitung des Carthago-Angebots in die Mittelklasse dazu beigetragen, dass nun dort beheimatete Hersteller das Thema Aufbautechnik für sich entdeckt haben.

Welche Mittelklassemarken welche Materialien verwenden, zeigt in den Grundzügen die Tabelle. Sie demonstriert auch, wie unterschiedlich die Techniken geworden sind - sogar in ein und demselben Reisemobil.

Nicht alle Hersteller verwenden etwa in Dach und Boden das gleiche Isoliermaterial wie in den Wänden. Auch Verbindungstechnik kann modellspezifisch sein. Knaus und Rapido verzichten etwa bei ihren Top-Baureihen auf Holzkanten. Adria isoliert bei Modellen mit Alde-Heizung den Boden mit Styrodur, also mit XPS statt EPS. Alles klar? Das Lexikon löst manches Rätsel.

Wohnmobil- Aufbau - worauf kommt es wirklich an?

Diskussionen, ob nun Aluminium oder GfK für die Außenhaut besser geeignet ist, kennt man schon länger. Nun zeichnet sich bei vielen Herstellern eine Kompromissformel ab: Glänzend lackiertes Leichtmetall für die Wände, robuster Kunststoff für das Dach. Einige Hersteller verlangen für GfK-Dächer derzeit einen Mehrpreis. Doch der kann sich angesichts zunehmender Unwetter lohnen. GfK lässt sich von Hagelschlag nicht so leicht beeindrucken. Deshalb gewähren auch immer mehr Versicherungen einen Rabatt bei der Vollkasko für so ausgerüstete Reisemobile.

GfK behütet auf ähnliche Weise den Unterboden vor Steinschlag. Wie gut der Kunststoff Dach und Boden schützen kann, haben aufwendige promobil-Tests bewiesen. Warum wird dann überhaupt noch Aluminium eingesetzt? Die Untersuchungen unter Extrembedingungen förderten ebenso zutage, dass nicht alle verwendeten Kunststoffe gleich gut sind und dass GfK durch Klimaeinflüsse verwittern, vergilben und matt werden kann. Den Königsweg gibt es also nicht.
Neue Isolierung: Erst recht ist Durchblick gefragt, wenn es um die Wahl der besten Isolierung geht. Wenn alles gut geht, bemerkt der Käufer davon ein Reisemobilleben lang nichts.

Im Unterschied zum Hausbau steht hier die Dämmwirkung weniger im Vordergrund. Wichtiger ist die Festigkeit, denn die Isolierschicht kann in der Sandwich-Platte eine mittragende Funktion übernehmen. Hier sind XPS und PU gegenüber einfachen EPS-Schäumen wie Styropor im Vorteil.
Der Vorsprung wird noch größer, wenn man die Durchlässigkeit von Feuchtigkeit berücksichtigt. Leckagen können an jedem Reisemobil vorkommen, zum Beispiel durch alternde Dichtmasse. Ist das Wasser gleich zu sehen, lässt sich das Problem rasch lösen. In der klassischen Aufbaukonstruktion
leitet EPS die Feuchtigkeit jedoch dezent an das Holzfachwerk ab. Dieses saugt sich langsam voll, verrottet und macht sich durch Schimmel und üble Gerüche erst bemerkbar, wenn es für kleine Reparaturen zu spät ist. Dennoch fällt es schwer, pauschal zwischen gutem und schlechtem Isoliermaterial zu unterscheiden.
Beispielsweise setzt Eura Mobil das leichte EPS-Material gezielt in den Wänden ein. In Sachen Druckstabilität vertraut man auf eine beidseitige GfKBeplankung; die Verbindungstechnik macht die Holzeinlagen überflüssig. Das gelingt bislang nur wenigen Herstellern.

Holz erfüllt im traditionellen Reisemobilbau vielerlei Aufgaben.

Holz bildet etwa den Unterboden, macht Innenwände wohnlich und gibt dem Aufbau Stabilität. An den Holzkanten können Sandwich-Platten ganz einfach miteinander verschraubt werden. Nun verschwindet das Naturmaterial Stück für Stück, zumindest in der Mittel- und Oberklasse. Fachwerk wird oft durch wenige gezielte Holzeinlagen ersetzt. An den Kanten kommen mehr und mehr Kunststoff-Leisten zum Einsatz.

Gleichzeitig kleben viele Hersteller die Wandverbindungen statt zu schrauben. Man muss keine Ingenieurwissenschaften studiert haben, um zu verstehen, dass in einem Aluminium-Profil verklebte Wand- und Dachkanten verwindungssteifer sein sollten als verschraubte Nadelholzleisten.

Wenn der Unterboden aus Kunststoff statt Holz besteht, kann gleich der gesamte Aufbau auf dem Rahmen verklebt werden. Die Unterschiede kann man bei vielen Fahrzeugen in der Praxis hören. Eine steife Konstruktion ächzt nicht gleich in allen Ecken, wenn das Reisemobil mit nur einem Rad vom Bordstein rollt. Auch das darf man von einem modernen Freizeitfahrzeug verlangen. Es bedarf keiner hellseherischen Fähigkeiten, um zu erkennen, in welche Richtung sich die Technik weiterentwickeln wird. Die Aufbauten werden stabiler und haltbarer, ohne unbedingt teurer und schwerer zu werden

Material-Lexikon: was ist was am Wohnmobil?

  • Aluminium: Leichtmetall, das oft als Außenhaut verwendet wird. Glänzend lackierte Oberfläche, empfindlich bei kleinen Kratzern und Beulen, recyclingfreundlich, Alufraß (Korrosion) möglich. Ebenfalls als Profilleiste an Aufbaukanten sowie als Material für Seitenschürzen im Einsatz, selten als tragende Struktur in Wänden.
  • EPS: Expandiertes Polystyrol, gängige Handelsbezeichnung Styropor. Häufig verwendetes Isoliermaterial in Reisemobilaufbauten, sehr leicht und günstig im Einkauf.
  • GfK: Glasfaserverstärkter Kunststoff, der sich als Außenhaut sowie als großes Formteil (Bugmaske von Integrierten) an Reisemobilen findet. Vergleichsweise widerstandsfähig gegen Hagel und Steinschlag, reparaturfreundlich, Verfärbungen und Rissbildung möglich, oft matte Oberfläche.
  • Holz: Häufig als tragendes Fachwerk aus Nadelholzlatten verwendet, teils zur Befestigung von Fenstern und Türen, teils als Kante zur Verschraubung von Aufbauplatten nötig. Sperrholz wird auch als Innenabschluss der Wand
  • sowie als Innen- und Außenseite für Bodenplatten eingesetzt.
  • PU: Polyurethan, ein Kunststoff, der sich aufgeschäumt als stabile und sehr effiziente Wandisolierung eignet, aufwendig in der Produktion. Feste, verrottungsbeständige PU-Leisten können an Plattenkanten die nötige Stabilität zum Verschrauben oder Verkleben bieten.
  • Sandwich: Bezeichnung für Wand-, Dach oder Bodenplatten, die aus unterschiedlichen Materialien verklebt werden. Üblich sind drei Sandwich-Schichten: Außenhaut, Isolierung und Innenwand.
  • Tiefziehteile: Im Vakuum-Tiefziehverfahren geformte Teile aus PS (Polystyrol) oder ABS (Acrylnitril-Butadien-Styrol). Oft als Schürzen und Lampenträger verwendet.
  • XPS: Extrudiertes Polystyrol, gängige Handelsbezeichnungen sind Styrofoam, Styrodur oder RTM-Schaum, meist blau eingefärbt. Steifes und wenig druckempfindliches Isoliermaterial, das durch ein geschlossenes Zellgefüge praktisch kein Wasser aufnimmt.
Wer macht was?
Hersteller Wand/Dach/Boden1) Wandisolierung Kanten2)
Adria GfK/GfK/Holz3) EPS Holz
Bürstner Alu/GfK/Holz4) EPS5) Kunststoff, Holz
Carado Alu/GfK/Holz EPS Holz
Carthago Alu/GfK/GfK XPS Kunststoff, Alu
Challenger GfK/GfK/Holz EPS Holz
Chausson GfK/GfK/Holz EPS Holz
Dethleffs Alu/Alu/Holz6) EPS7) Holz8)
Elnagh GfK/GfK/Holz XPS Kunststoff, Holz
Eura Mobil GfK/GfK/GfK EPS9) Alu
Frankia GfK/GfK/GfK XPS Kunststoff, Alu
Hobby Alu/Alu/Holz EPS Holz
Hymer Alu/Alu/GfK10) PU Kunststoff11)
Knaus Alu/Alu/GfK12) EPS13) Kunststoff, Holz
Laika Alu/GfK/GfK XPS Kunststoff
LMC Alu/GfK/GfK XPS14) Kunststoff, Holz15)
McLouis GfK/GfK/Holz XPS16) Kunststoff, Holz17)
Mobilvetta GfK/GfK/Holz XPS Kunststoff
Pilote Alu/GfK/Holz XPS Alu, Holz
Rapido GfK/GfK/GfK18) XPS Kunststoff, Holz
Rimor GfK/GfK/Holz EPS Holz
Roller Team GfK/GfK/Holz XPS19) Kunststoff, Holz
Sunlight Alu/GfK/Holz EPS Holz
TEC Alu/GfK/GfK XPS20) Kunststoff21)
Weinsberg Alu/Alu/Holz EPS Holz
1)Außenhaut; 2)Außenkanten zur Verbindung von Wand, Dach und Boden; 3)Polaris und Super Sonic: Wände Alu; 4)GfK-Dach bei einigen Modellen gegen Aufpreis, Argos Time, Ixeo Time, Brevio, Grand Panorama: Boden GfK; 5)Brevio, Grand Panorama: XPS; 6)GfK-Dach gegen Aufpreis, Esprit: GfK-Boden; 7)XPS gegen Aufpreis; 8)Esprit: Bodenkanten Kunststoff; 9)mineralisiert und verstärkt; 10)GfK-Dach teilweise gegen Aufpreis, Van, Tramp Premium 50, Exsis-i Ford: Boden Holz; 11)Van, Tramp Premium 50, Exsis-i Ford: Bodenkanten Holz; 12)GfK-Dach gegen Aufpreis, Sky Traveller: Holzboden; 13)Sun TI, Integrierte: XPS; 14)Breezer A: EPS; 15)Breezer A: Holz; 16)Glamys, McVan, Mc2: EPS; 17)Glamys, McVan, Mc2: Holz; 18)Serien 6, 7 FF, 8: Boden Holz; 19)New Box: EPS; 20)Freetec A: EPS; 21)Freetec A: Holz.

NACHGEFRAGT... bei Ulrich Schoppmann, Geschäftsführer von LMC/TEC, wo man jetzt bei fast allen Modellen auf Holz im Aufbau verzichtet.


Warum setzt man bei LMC und TEC nach jahrzehntelanger Erfahrung mit der Holz-Styropor-Bauweise nun auf holzfreie Aufbauten?

Schoppmann: Wir stehen in ständigem Kontakt mit Handel und Kundschaft und haben dort einen verstärkten Bedarf nach holzfreien Aufbauten wahrgenommen. Warum sollte das nur in der Oberklasse möglich sein? Wir haben die Möglichkeiten untersucht und festgestellt, dass eine solche Bauweise auch in der Mittelklasse realisierbar ist.

Werden die Reisemobile dadurch teurer?

Schoppmann: Es ist tatsächlich etwas teurer, holzfrei zu bauen. Wir haben aber sehr exakt kalkuliert, um die Kosten im Rahmen zu halten. Weil das Styrofoam gegenüber Styropor eine höhere Steifigkeit besitzt, kann man beispielsweise auf eine zusätzliche Querversteifung verzichten. Auf jeden Fall entsteht für den Käufer ein Mehrwert, nicht nur während der Nutzung, sondern auch durch einen besseren Wiederverkaufswert. Sollten Undichtigkeiten auftreten, sind keine gravierenden Folgeschäden zu erwarten.

Wie sieht es mit dem Mehrgewicht durch Styrofoam als Isoliermaterial aus?

Schoppmann: Wir gehen seit Jahren sehr sensibel mit dem Thema Gewicht um. Uns ist es gelungen, das durch die neue Isolierung bedingte Mehrgewicht zu kompensieren. Die eingesetzten Polyurethan-Leisten sind leichter als eine Tannenholzleiste, und wir benötigen, wie erwähnt, weniger Versteifungen. Außerdem konnten wir Gewicht an der Bodenplatte und im Möbelbau einsparen. Es ging aber nicht nur darum, Materialien zu ersetzen. Vielmehr handelt es sich um eine ganz neue Konstruktion mit stabilen Verklebungen statt Verschraubungen.

Eine verbesserte Aufbautechnik ist sicher zu begrüßen, doch wird der Käufer einer kompletten Neukonstruktion dabei zum Versuchskaninchen?

Schoppmann: Wir testen die neue Technik intensiv seit eineinhalb Jahren. Erste positive Erfahrungen haben wir mit dem holzfrei gebauten Caravan Scandica gesammelt. Im Reisemobilbau gab es zwei Generationen von Prototypen. Obwohl die ersten Prototypen auf der Teststrecke keine Probleme machten, haben wir weiter getestet. Wir sind absolut sicher, dass für den Käufer kein Risiko besteht und geben deshalb eine Dichtigkeitsgarantie von zwölf Jahren.

KOMMENTAR

UND ES GEHT DOCH

Ein Aufbau ohne empfindliche Dach- und Bodenkonstruktion, ohne tragende Holzelemente? In zahllosen Diskussionen mit großen Reisemobilherstellern haben sich promobil-Redakteure immer wieder anhören müssen, dass eine solche Bauweise nur in der Luxusklasse funktioniert. Das Modelljahr 2013 beweist eindrucksvoll: Es geht offenbar doch. Bei fast allen großen Marken hat sich die Aufbaukonstruktion weiterentwickelt - auch wenn noch nicht alle Baureihen in den Genuss neuer Techniken kommen. Die aufwendigen Materialtests, die promobil vor zwei Jahren durchführte, waren daran wohl nicht ganz unschuldig.

Report: Günstige Reisemobile
Von am 4. Dezember 2012
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