Gleitschirmflieger am Bergmassiv La Tournette über dem Col de la Forclaz 25 Bilder Zoom

Wohnmobil-Tour durch Rhône-Alpes: Ein Urlaub zum Abheben

Glasklare Seen, markante Bergmassive, abgrundtiefe Schluchten und jede Menge Gelegenheiten für einen Adrenalin-Kick. Das alles bietet eine Wohnmobil-Tour durch die französische Region Rhône-Alpes.

Zwei Adler kreisen majestätisch im warmen Licht der Nachmittagssonne hoch oben über der grauen Felsspitze, die wie ein angeknabbertes Eis am Stiel aus dem Gebirge ragt. Die mächtigen Tiere scheinen ein wenig verwundert auf die bunten Riesenvögel hinabzuschauen, die die Gunst der Thermik nutzen und sich den Weg himmelwärts bahnen. Hätte mir vor drei Stunden jemand gesagt, dass ich mit baumelnden Füßen unter einem Gleitschirm hängend erst über riesige Tannen hinwegschwebe, um anschließend in einigen hundert Meter Höhe über den See zu gleiten, dann hätte ich ihn schlicht und ergreifend für verrückt erklärt. Drei Stunden lang haben wir auf dem „Col de la Forclaz“, hoch oben über dem Lac d’Annecy, den Gleitschirmfliegern aus ganz Europa bei ihren Starts zugeschaut. Irgendwann war der Reiz dann so stark und das Gottvertrauen groß genug geworden, um selbst einen Tandemsprung zu wagen.

"Rennen! Jetzt!" Das ist das Signal. Mein Herz macht einen Sprung vor Aufregung, es klopft sowieso schon auf höchster Stufe, seit wir mit den Vorbereitungen auf das luftige Abenteuer begonnen haben. Jetzt sind also meine Beine gefordert, und ich renne und renne – auch dann noch, als wir schon längst abgehoben haben. Eben war da noch die Geräuschkulisse auf dem Startplatz mit den vielen Paraglidern und Zuschauern, jetzt herrscht absolute Ruhe. Wir steigen höher und höher, an der Felswand entlang, die mir auf eine eigenartige Weise Sicherheit gibt, inmitten dieses Schwebens hoch über der Erde. Ich fange an, den Flug zu genießen, jubele in die Kamera und winke rüber zu meinem Freund, der gerade an einem anderen Tandemschirm an mir vorbeigesaust ist. Die Zeit scheint stillzustehen, einfach himmlisch. Wir lassen uns vom Wind weit über den See tragen, der dort tief unter uns liegt. Noch ein paar Kreise, dann landen wir sanft wieder am Boden, mit weichen Knien und einem breiten Lächeln.

Wer es weniger aufregend mag, der setzt sich ganz einfach in eines der Restaurants am Hang und genießt bei einer Tasse Kaffee oder bei einem würzigen Roten die große Aussicht über die Berge und über den See. Der Lac d’Annecy liegt im Nordosten der 44 000 Quadratkilometer großen Region Rhône-Alpes, ist knapp 15 Kilometer lang und drei Kilometer breit und soll das sauberste Binnengewässer Europas sein. Das glauben wir gern: Enorm, wie glasklar das Wasser ist, das jährlich auch viele Taucher anlockt. Windsurfer ziehen hier ihre Bahnen, genauso wie Kanuten und Ausflugsdampfer. Je nach Tageszeit und Wetterlage zeigt der See ein anderes Gesicht. Mal sind es dicke Nebelschwaden, die am frühen Morgen über das Wasser ziehen und für eine mystische Stimmung sorgen. Später verwandelt ihn die Sonne in ein Meer aus tanzenden Lichttröpfchen, oder ein starker Wind treibt die vielen Segelboote in abenteuerlicher Schräglage voran.

Im Norden liegt die Stadt Annecy, die allein schon eine Reise wert ist. Kanäle schlängeln sich hier durch die quicklebendige Altstadt, überspannt von reich mit Blumen geschmückten Brücken. Mit dem Reisemobil sollte man die Innenstadt jedoch unbedingt umfahren, da man im Labyrinth aus teilweise sehr engen Einbahnstraßen nur allzu schnell hängen bleibt (da sprechen wir aus Erfahrung).

Dafür gibt es ganz in der Nähe einige gute Camping- und Stellplätze. Wer in der Hauptsaison ein schönes Fleckchen am See ergattern möchte, muss allerdings rechtzeitig aufstehen und hoffen, dass jemand seinen Platz verlässt, um sogleich in die Lücke zu stoßen. Viel entspannter ist es dagegen auf den Campingplätzen der Umgebung, die auch um diese Jahreszeit ausreichend Platz bieten.

An schönen Seen herrscht in der Region wahrlich kein Mangel. Gestartet sind wir am Genfer See, weiter ging es dann über den Lac d’Annecy bis hin zum Lac du Bourget. Am zehn Kilometer östlich von Annecy gelegenen Schloss "Château médiéval de Montrottier" und der beeindruckenden Klamm "Gorges du Fier" haben wir einen Zwischenstopp eingelegt. Die tief in den Fels gewaschene Schlucht zeigt, welch unglaubliche Kräfte der Fluss Fier hat, wenn man ihm nur genügend Zeit gibt. Besonders im Frühjahr nach der Schneeschmelze tobt und schäumt der ungebändigte Wildfluss und jagt brüllend durch die Schlucht – im Sommer und im Herbst zeigt er sich deutlich gelassener.

Vom Bett aufs Brett, unter diesem Motto starten wir den Tag am Lac du Bourget. Der im Süden gelegene Campingplatz "L’Île Aux Cygnes" hat nämlich einen eigenen Strand, und so kramen wir unsere aufblasbaren Stand Up Paddle Boards aus der Heckgarage, um bei schönstem Sommerwetter eine erste kleine Erkundungstour zu machen. Derweil dringt vom Campingplatz, der frühen Uhrzeit zum Trotz, ein verführerischer Duft von gegrillten Frühstückswürstchen herüber – nicht der beste Ansporn für sportliche Betätigung ...

Dass sich das Mitbringen oder Ausleihen von Fahrrädern lohnt, zeigt sich am
nächsten Tag. Wir fahren auf dem sehr gut ausgebauten Radweg am See entlang und erkunden das zehn Kilometer entfernte Örtchen Aix-les-Bains und die zwölf Kilometer südlich vom See gelegene Stadt Chambéry. Ach ja – hätten wir hier nicht das kleine Spezialitätengeschäft "La Fine Bouche" entdeckt, wäre es wahrlich ein Vorzeige-Sporttag geworden. Hier baumeln nämlich duftende Würste von der Decke, daneben ruhen trockene, lebendig-leichte Savoyen-Weißweine in den Regalen. Wir verkosten feine Käsesorten, darunter den berühmten Tomme, und die Einkaufstüten füllen sich mit Mitbringseln aus der Region für daheim.

Auf dem Weg in die Bergwelt der Chartreuse muss sich am nächsten Tag auch das Wohnmobil gehörig anstrengen, sein Dieselverbrauch steigt kräftig an. Wir überholen austrainierte wie auch eher rundliche Rennradfahrer, die sich schweißgebadet die Steigungen hochquälen. Belohnt werden alle tapferen Bezwinger der Passhöhen mit weiten Aussichten. Uns empfängt der auf 900 Meter Höhe mitten im Naturpark gelegene Campingplatz de Martinière, ein idealer Startpunkt für Wanderungen und willkommener Kontrast zum Trubel an den Seen.

Hier wollen wir noch ein paar friedliche Tage verbringen. Es ist ein perfekter Platz, um die Mobil-Tour Revue passieren lassen. Zu Lande, zu Wasser und aus der Luft – aus allen Perspektiven haben wir eine erfrischend vielgestaltige Landschaft kennengelernt, mit türkisblauen Bergseen und steil aufragenden Felsmassiven; dazu freundlich herausgeputzte Orte erkundet und die herzhafte Küche genossen. Unser Urlaubs-Höhenflug endet, bald geht es zurück Richtung Norden. Dort werden wir den Boden unter den Füßen wieder ganz neu spüren.

Kleine Spezialitätengeschäfte in den Ortschaften locken mit Leckereien – gut für den Genuss, schlecht für die Figur. In den Bergen der Chartreuse liegt der familiäre Campingplatz de Martinière – ideal, um die Tour Revue passieren zu lassen.

Tandemflüge: die Welt von oben geniessen

Die kontrastreiche Gegend um den Lac d’Annecy mit seiner Bergkulisse ist nicht nur die Geburtsstätte des Gleitschirmfliegens, sondern gehört aufgrund optimaler Bedingungen zu den weltweit beliebtesten Zentren des Paraglidings und Drachenfliegens. Es weht meist nur ein schwacher Wind, und die zum Fliegen nötige Thermik ist tagsüber kräftig und abends an den Westhängen über dem See ausdauernd. So kann man nach einem Tag am See auch am späten Nachmittag noch in den Himmel starten. Für Tandemflüge sind keine speziellen Vorkenntnisse oder körperliche Voraussetzungen nötig. Zwischen dem Start- und dem Landeplatz fährt ein Shuttle-Bus im Halbstundentakt. Und dank der Restaurants am Berg mit bester Aussicht bekommen auch die Zuschauer einiges zu sehen. Preis ab 95 Euro, z. B. über www.deltaevasion.com

Probieren: Tartiflette

Typisch für die Savoyen: Der Name des deftigen Kartoffelauflaufs leitet sich von den Tartiflâ genannten Savoyer Kartoffeln ab. Tartiflette besteht aus Kartoffeln, Zwiebeln und Reblochon, einem halbfesten regionalen Käse aus Kuhmilch, dazu oft noch aus Speck, Crème fraîche oder Weißwein. Heute gibt es vielfältige Rezepte – fast jedes Dorf hat eine eigene Variation erfunden, zum Beispiel mit Ziegenkäse statt Reblochon oder Crozets statt Kartoffeln; Crozets sind kleine, quadratische Buchweizennudeln. Die Tartiflette wird direkt aus der Form gegessen und meist mit Salat serviert.

Über dem wilden Fluss

Beim Ort Lovagny, etwa zehn Kilometer westlich von Annecy, hat der Fluss Fier die berühmten Schluchten (Les Gorges) in den Fels gegraben – ein spektakuläres Naturdenkmal als Ergebnis jahrtausendelanger Erosion durch die Kraft des Wassers. Bereits 1869 wurden in bis zu 30 Meter Höhe rund 250 Meter lange Stege zur Begehung der Schlucht gebaut. Die Stege sind direkt an den massiven Felswänden angebracht und ermöglichen dem Besucher fantastische Blicke in die Tiefe. Bei starkem Regen kann der Wasserspiegel in der schmalen Kluft in wenigen Stunden um bis zu 26 Meter ansteigen. Die Schlucht ist vom 15. März bis zum 15. Oktober täglich geöffnet. www.gorgesdufier.com

Autor

Foto

Carolin Thiersch

Datum

14. Oktober 2015
Dieser Artikel stammt aus Heft promobil 10/2015.
Hier finden Sie alle Artikel dieser Ausgabe im Überblick.
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