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Studien zur Fahrsicherheit im Reisemobil: Was passiert beim Wohnmobil-Crashtest?

Eine aktuelle Studie der Unfallforschung der Versicherer bestätigt, dass Wohnmobile nur selten in schwere Verkehrsunfälle verwickelt sind. Doch gibt es Möglichkeiten, die Sicherheit weiter zu erhöhen.

Reisemobile sind keine Rasemobile. Das genussvolle Reisen bestimmt die Fahrweise und schlägt sich nicht zuletzt in den Unfallstatistiken nieder. Schon 2010 ergab eine Analyse des Unfälle der letzten zehn Jahre eine im Vergleich zu Pkw sichtbar geringere Unfallbeteiligung. 2013 belegte eine Untersuchung der Bundesanstalt für Straßenwesen BASt den weiter sinkenden Anteil von Reisemobilen an schweren Verkehrsunfällen. Nun bestätigt eine neue Studie der Unfallforschung der Versicherer (UDV) die weiterhin positive Entwicklung.

Wohnmobile: Grundsätzlich selten sind Unfälle ohne Fremdbeteiligung

Das Risiko von Verletzungen liegt deutlich unter dem anderer Fahrzeuglenker. Das Risiko, in einen schweren Unfall involviert zu werden, bezifferten die Unfallforscher als halb so hoch wie beim Pkw. Allerdings fiel auf, dass Passagiere im Vergleich zu den Fahrern eine höhere Unfallschwere aufwiesen. Obwohl der Bestand an Reisemobilen nach Angaben des Kraftfahrt-Bundesamtes zwischen 2010 und 2014 um 13 Prozent auf 369.087 anwuchs, hat sich der Anteil am Gesamtunfallgeschehen nahezu halbiert. Nur 505 Reisemobile waren 2014 an Unfällen mit Personenschaden beteiligt.

0,7 Prozent aller im Jahr 2014 zugelassenen Kraftfahrzeuge waren als Reisemobile angemeldet. Ihr Anteil an allen schweren Unfällen mit Personenschäden lag dagegen bei nur 0,17 Prozent. Die Tendenz zeigt zudem eine deutliche Abnahme der Verunglücktenzahlen bei Unfällen, an denen ein Reisemobil beteiligt war. Zwischen 2000 und 2014 reduzierte sich die Anzahl der Getöteten um 48 Prozent, es gab 53 Prozent weniger Schwerverletzte und 54 Prozent weniger Leichtverletzte. Ähnlich wie im Segment der Transporter ist die Chance, als Insasse eines Reisemobils unverletzt zu bleiben, etwa fünf Mal größer als bei einem Pkw als Unfallgegner.

Wo sitzt man am sichersten im Wohnmobil?

Die größte Chance auf körperliche Unversehrtheit bieten Fahrer- und Beifahrersitz. 95 Prozent aller Fahrer steigen nach einem Unfall unverletzt oder nur mit leichten Blessuren aus dem Fahrzeug. Bei den Co-Piloten liegt diese Quote bei immerhin 81 Prozent. Während der Fahrer-Airbag mittlerweile auch in den meisten älteren Fahrzeugen vorhanden ist, fehlt er oftmals auf der Beifahrerseite. Obwohl nur geringe Fallzahlen bekannt sind, ermittelten die Versicherer ein höheres Verletzungsrisiko für Mitfahrer im Fond – vor allem, wenn statt Dreipunktgurten nur Beckengurte vorhanden sind. Die größte Gefahr aber stellen umherfliegende Gegenstände dar. Die sichere Unterbringung von Geschirr und Utensilien sollte deshalb obligatorisch sein.

Die Spitze der Unfallursachen stellen Unfälle im Längsverkehr dar, womit meist Auffahrunfälle gemeint sind. Ganz oben auf der Wunschliste der Versicherer steht deshalb eine Verbesserung der Bremsleistung von Reisemobilen. Besonders schwere Mobile kommen bei einer Notbremsung aus 100 km/h erst nach mehr als 60 Meter zum Stehen. Solche Werte liegen zwar noch innerhalb gesetzlicher Vorgaben, aber deutlich unter der Bremsleistung moderner Pkw, die schon nach nur 40 Metern stehen. Nach Erkenntnissen der Unfallforscher sind zudem die ursprünglich für Transporter entwickelten Antiblockiersysteme nicht optimal auf den Einsatz in Reisemobilen abgestimmt.

Kritischer Gefahrenmoment: Auffahrunfall am Stauende

Das Argument, dass Reisemobile eher behutsam bewegt werden, sticht nicht, wenn es bei plötzlicher Staubildung nach vorne hin knapp wird und wertvolle Meter verloren gehen. Dazu kommt, dass viele Reisemobile nicht ständig genutzt, sondern phasenweise bewegt werden. "Wer das ganze Jahr über einen Pkw mit modernen Fahrerassistenzsystemen fährt, geht bei der Einschätzung des Sicherheitsabstands nicht davon aus, dass allein die größere Masse längere Bremswege bedingen kann", gibt Siegfried Brockmann, Leiter der UDV, zu bedenken.

Unfallforschung: Was passiert beim Wohnmobil-Crashtest?

Zur Untermauerung ihrer Studie führte die UDV im Juni 2016 in Münster einen Crashtest durch, der die Auswirkungen eines Reisemobilunfalls verdeutlichen sollte. Der Aufprall eines Alkovenfahrzeugs mit Tempo 70 km/h auf einen stehenden Pkw sollte beispielhaft für einen Auffahrunfall stehen. Trotz der Kritik des Caravaning Industrie Verbandes CIVD, dass ein solches Szenarium realitätsfern sei, war das Ergebnis lehrreich: Obwohl das Reisemobil beim Aufprall hinten abhob, zeigte sich nicht nur die Verbindung vom Aufbau zum Basisfahrzeug nahezu unbeeindruckt.

Das Mobiliar hielt, nicht einmal die Schrankklappen öffneten sich. Der Tisch dagegen wurde herausgerissen, auch die unbefestigten Wasserkästen im Heck entleerten sich unkontrolliert über das gesamte Fahrzeug. Am schlimmsten traf es den nicht angeschnallten Dummy auf der hinteren Bank, der sich zumindest schwere Verletzungen zugezogen hätte. Auch der Hunde-Dummy, der von der hinteren Sitzgruppe bis unter den Beifahrersitz geschleudert wurde, belegt, dass ein Anschnallen von Mensch und Tier überlebenswichtig ist.

Bedenklich stimmt in diesem Zusammenhang, dass das Auffahren eines Reisemobils auf ein anderes Fahrzeug nur innerorts und somit bei geringeren Geschwindigkeiten in nennenswerter Anzahl vorkommt. So ergibt sich aus der Langzeitauswertung der BASt, dass bei Auffahrunfällen auf Autobahnen in über 70 Prozent das Reisemobil von hinten gerammt wurde. Weder GfK- noch Alu-Sandwich-Bauweise haben einem solchen Aufprall viel entgegenzusetzen, ein kollabierender Aufbau erhöht eher das Verletzungsrisiko.

Wie sicher ist das Reisemobil im Vergleich zum Pkw?

Fünf Sterne bei EuroNCAP gibt es zwar nur für Pkw und Kleintransporter, doch führen die Hersteller von Basisfahrzeugen eigene, an EuroNCAP angelehnte Crashtests durch. Ein Schlupfloch in der Gesetzgebung bewirkt jedoch, dass beispielsweise ESP zwar in Transporter, nicht aber in Sonderfahrzeuge wie Reisemobile eingebaut sein muss. Als Grund dafür wird die schlechtere Kalibrierbarkeit auf Schwerpunkt und Radstand der Kleinserien angegeben. ESP, aber auch ein Beifahrerairbag findet sich noch immer häufig als kostenträchtige Sonderausstattung in den Prospekten wieder – nicht aber im Fahrzeug.

Natürlich haben auch die Aufbauhersteller die Sicherheit im Blick. Knautschzonen im Frontbereich und sichere Fahrgastzellen gehören laut Hymer zu den wichtigsten passiven Sicherheitsmerkmalen. Sitzplätze mit Dreipunktgurten gehen sogar über die gesetzlich geforderten Beckengurte hinaus. Hobby überprüft seine Fahrzeuge regelmäßig auf geeigneten Teststrecken, um Fahrverhalten sowie die Bewegungen von Aufbau und Installationen zu simulieren. Insgesamt aber gibt sich die Branche verdächtig still, wenn Fragen nach Sicherheitsaspekten gestellt werden. Im Gegensatz zum Pkw-Bereich, wo Crashtests fester Bestandteil der Fahrzeugentwicklung sind, werden Reisemobile nur selten derartigen Belastungsproben unterzogen. Und wenn, dann nur mit deutlich gemäßigter Aufprallgeschwindigkeit.

Reisemobile werden von ihren Besitzern pfleglich behandelt, auch auf langen Etappen wird mit vernünftiger Geschwindigkeit gefahren. Unangepasstes Tempo spielt bei von Reisemobilisten verursachten Unfällen fast keine Rolle. Noch geringer ist der Anteil alkoholisierter Fahrer.

So verhindern Sie Unfälle mit dem Reisemobil

Stichproben der Polizei ergaben jedoch, dass die Zulademöglichkeiten von vielen Fahrern überschätzt werden. Immerhin 40 Prozent aller kontrollierten Fahrzeuge wiesen eine Gewichtsüberschreitung von bis zu zehn Prozent auf. Jeder Elfte war mit einem Mobil unterwegs, welches noch stärker überladen war. Nur wenige Fahrer kannten das aktuelle Fahrzeuggewicht, eine mögliche Überladung war den wenigsten bewusst. Oft sorgten volle Frischwassertanks für zu viel Gewicht.

Sowohl BASt als auch UDV kommen zu dem Schluss, dass Reisemobile zu den sichersten Fahrzeugen auf Deutschlands Straßen gehören. Beruhigend ist auch, dass die in den vergangenen Jahren eingeführten Sicherheitsfeatures Wirkung zeigen. Dennoch besteht in einigen Punkten Nachholbedarf, hinken doch Sicherheitsstandards und -ausstattung denen von Pkw noch immer hinterher. Um so mehr sollte bei der Wahl des nächsten Mobils besonderer Wert auf vorhandene Assistenzsysteme gelegt werden. Warum sollte auf der genussvollen Reise auf Sicherheit verzichtet werden, die im Pkw für den täglichen Arbeitsweg absolut selbstverständlich ist?

Gut laden, sicher fahren: Sieben Tipps für Ihre Sicherheit

  1. Ein Reisemobil fährt sich so sicher, wie es beladen wird. Ein gleichmäßiges Verteilen des Urlaubsgepäcks verhindert zudem das Überschreiten der zulässigen Achslasten und Reifentragfähigkeiten. Auch volle Wassertanks reduzieren die Ladekapazität.
  2. Stellen Sie sicher, dass während der Fahrt keine losen Utensilien herumliegen. Schwere Gegenstände wie Proviant oder Taschen sollten unten deponiert und gesondert gesichert werden.
  3. Eingehängte Fahrzeugteile wie ein abnehmbarer Tisch oder eine Leiter müssen während der Fahrt sicher untergebracht sein. Der beste Platz ist der, an dem die Teile mit möglichst wenig Bewegungsfreiheit verstaut werden können.
  4. Schnallen Sie sich nicht nur auf den vorderen Plätzen, sondern auch auf den Sitzen im Wohnbereich an. Für Kinder bis zwölf Jahre oder unter 1,50 m Größe ist ein Kindersitz vorgeschrieben.
  5. Ein Reisemobil ist kein Schlafwagen auf Tour. Schon bei einer scharfen Bremsung besteht die Gefahr, unkontrolliert aus dem Bett geschleudert zu werden. Die Anschnallpflicht gilt selbstverständlich auch nachts.
  6. Ist ein Hund mit an Bord, benötigt auch dieser einen sicheren Platz. Entsprechende Geschirre werden im Fachhandel angeboten.
  7. Prüfen Sie regelmäßig, vor allem nach langen Standzeiten, den Zustand der Reifen auf Risse und Schäden an den Flanken.

Sicherheit erleben und erlernen

Übung macht den Meister und verhilft in Gefahrensituationen zur schnellen Reaktionsfähigkeit. Von Frühjahr bis Herbst offerieren verschiedene Anbieter Sicherheitstraining für Reisemobilisten. Auf abgesperrtem Gelände kann mit dem eigenen oder gestellten Mobil gefahrlos das richtige Verhalten in Grenzsituationen geübt werden. Nicht nur der ADAC bietet bundesweit auf seinen Plätzen Tageskurse an, auch die Hersteller Hymer und Dethleffs veranstalten Trainings.

Autor

Foto

Marc R. Reichel, UDV, Archiv

Datum

23. Oktober 2016
Dieser Artikel stammt aus Heft promobil 10/2016.
Hier finden Sie alle Artikel dieser Ausgabe im Überblick.
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