Nord-Italien, Reise-Tipp 10 Bilder Zoom

Reise-Tipp Piemont: Weit mehr als Kirschen

Staunen und Geniessen: Im Piemont, das sich mit seinen auf- und abwogenden Weinbergen zu Füßen mächtiger Viertausender ausbreitet, kommen Kunstfreunde, Wanderer und Weinliebhaber bei einer Tour mit dem Wohnmobil gleichermaßen auf ihre Kosten.

Barolo und Barbaresco, aber auch Barbera und Dolcetto, Gavi und Moscato: Das Piemont zählt zu den besten Weinanbaugebieten der Welt. Fast nur Qualitätsweine werden hier gekeltert, allen voran der aus der Nebbiolotraube gewonnene Spitzenwein Barolo, ein anspruchsvoller und tanninreicher Roter, den schon die Savoyerfürsten zu schätzen wussten und der nur im südöstlichen Piemont, in elf Winzergemeinden rund um das 900-Seelen-Dorf Barolo, gekeltert werden darf. Aber auch Geheimtipps wie der kirschrote, leichte Grignolino oder die unkomplizierten Nebbioloverschnitte Ghemme oder Gattinara lohnen ein Gläschen. 

Auch der Roero Arneis, ein fruchtiger, trockener Weißwein, den es nur in dieser Region gibt, ist bei Weinliebhabern in aller Welt sehr begehrt. Bei den meisten Winzern kann man direkt kaufen - und zuvor natürlich erst einmal probieren.

Das Meer der tausend Hügel...

so werden Monferrato und Langhe genannt. Hier im südöstlichen Piemont, zwischen dem Po im Norden und den Gebirgsketten des Apennin im Süden, schlägt das Herz der Region. Nichts als Hügelkuppen und Täler und wieder Hügel, bunt getupft mit Weinbergen und Wiesen, Äckern und Haselnussbüschen.

Auf den Hügelspitzen sitzen historische Dörfer wie Castagnole delle Lanze, eng herumgebaut um meist barocke Pfarrkirchen, deren rötliche, unverputzte Backsteinfassaden so typisch sind für das Piemont. Fast jedes Dorf hat sein „Belvedere“, einen oft mit Schatten spendenden Platanen umstandenen Aussichtsplatz, von dem der Blick in die Ferne bis hin zu der steil aufragenden Kette der Westalpen besonders prächtig ist.

Monferrato - Entspannung und stilles Durchatmen

Das Monferrato eine Landschaft, in der man schon deshalb entschleunigt, weil die Sträßchen, die die Wellentäler im Hügelmeer auf- und abklettern, so schmal und kurvig sind, dass man es besser nicht eilig hat. Doch auch wer das typisch italienische (klein-)städtische Leben sucht, wird im Monferrato fündig.

In Casale Monferrato etwa, einem munteren Barockstädtchen mit einer eindrucksvollen Basilika, in Acqui Terme mit seinen römischen Ausgrabungen und seinem bekannten Thermalbad oder in Asti mit seinen hübschen Einkaufsstraßen.

Turin - Fiat, Fußball und sonst nichts?

Von wegen. In den vergangenen 20 Jahren hat sich die piemontesische Hauptstadt von einer arbeitsamen Industriemetropole in ein buntes Zentrum zeitgenössischer Kunst verwandelt - das bedeutendste Italiens. Zwischen barocken Patrizierpalästen, feierlichen Platanenalleen und dem bröckelnden Charme der Industrieruinen aus dem 19. Jahrhundert haben Künstler und Galeristen ein perfektes Habitat gefunden.

Neben multiethnischen Stadtvierteln wie San Salvario oder Porta Palazzo mit ihren Ateliers, in denen „off“-Kunst-Events stattfinden, verdienen Institutionen wie das Savoyerschloss von Rivoli Beachtung, das heute eine angesehene Sammlung zeitgenössischer Kunst beherbergt.

Mit anspruchsvollen Ausstellungen lockt die Stiftung Sandretto Re Rebaudengo das Publikum in eine ehemalige Fabrikhalle im Vorort San Paolo. Die Lichtinstallationen „Luci d’ Artista“ stammen aus der Hand internationaler Künstler - und verleihen der Stadt zwischen November und Januar einen besonderen Zauber.

Für Diättreibende ist das Piemont der falsche Platz

Nirgends isst man so gut und üppig wie in dieser Region, in der eine Köchin, die auf sich hält, ihren Pastateig mit 15 Eigelb pro Kilo Mehl knetet. Ob sie daraus dann Tajarin formt, schmale Bandnudeln, oder Agnolotti, mit Braten und Wirsing gefüllte Teigtäschchen, die mit Parmesan serviert werden - der Gast, und sei es in der unscheinbarsten Trattoria, wird auf alle Fälle glücklich. Weitere Glücksfälle der piemontesischen Küche, in der Fisch so gut wie keine Rolle spielt, sind Antipasti wie gefüllte Zucchiniblüten oder gegrillte Paprikaschoten, die mit der Knoblauch-Sardellen-Sauce bestrichen sind, Tatar oder Schmorbraten aus dem Fleisch der „Razza Piemontese“, einer besonders wohlschmeckenden Rinderart.

Den weltberühmten weißen Albatrüffel gibt es nur zwischen Spätherbst und Januar. Doch ein Hauch von gehobeltem Tartufo adelt selbst simple Gerichte wie ein Rührei zur kulinarischen Götterspeise.

Wander- und Trekkingtouren

Gran Paradiso, Monviso, Monterosa: Prominente, über 4000 Meter hohe Felsberge umstehen das Piemont und schaffen die perfekte Szenerie für herrliche Trekkingtouren. Der Weitwanderweg GTA etwa führt den ganzen nordwestitalienischen Alpenbogen entlang vom Monte Rosa bis ans Ligurische Meer. Herrlich für ungestörte Touren sind die einsamen, schluchtartigen Bergtäler nördlich von Cuneo - das Val Maira oder das Val Varaita.

Aber auch die Täler westlich des Monte Rosa haben Charme: Hier siedelten sich im Mittelalter die aus dem Wallis kommenden Walser an und prägten mit ihrer Holzarchitektur und altertümlichen deutschen Sprache die Atmosphäre. Das ist auch heute noch so.

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Autor

Foto

Udo Bernhart

Datum

29. April 2012
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