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Ratgeber: Reise-Service: Freilichtmuseen

Mit bunten Festen und Veranstaltungen sind die Freilichtmuseen in reisemobilfreundlichen Gefilden so spannend wie nie zuvor.

Die spinnen, die Franken. Und nicht nur das: Sie weben, dreschen, brechen und kämmen den Flachs, brauen und feiern, dass es eine einzige Freude ist – denn all das geschieht in einer Enklave des historischen Brauchtums, dem Fränkischen Freilandmuseum in Bad Windsheim, und auch noch extra für seine Besucher. Wenn Hans Dungel etwa das Holzpedal tritt, schnurrt das geschnitzte Spinnrad vor ihm so hurtig, dass die einzelnen Speichen gar nicht mehr zu erkennen sind. Mindestens ebenso flink zupft der bärtige Schäfer wohldosierte Mengen an Schafsvlies aus dem gelblichen Berg auf seinem Schoß, klaubt ab und zu ein Stück Reisig heraus und dreht den Filz zu einem gleichmäßigen Strang. Den lässt er durch seine Finger auf die Spindel gleiten. Wer da nicht in Übung ist, dem kann der grobe Faden leicht reißen – das kostet Zeit. In den ersten 100 Stunden, da ist Dungel nachsichtig, darf das noch passieren, danach nicht mehr. Ihm selbst ist schon lange kein Faden mehr gerissen: Seit beinah 60 Jahren spinnt der Franke immer dann, wenn das Fränkische Freilandmuseum ihn und seine Kollegen zu einem Fest bittet. Nicht nur in Bad Windsheim, landauf, landab laden immer mehr Museen unter freiem Himmel zu Festen oder Schautagen ein, bei denen altes Handwerk und traditionelle Bräuche gepflegt werden. Eine Liste von dreizehn solcher Museen in reisemobilfreundlicher Umgebung findet sich auf der übernächsten Seite.

Von der Ostsee bis hinein in den Bayerischen Wald haben die großen und kleinen Freilichtmuseen eines gemeinsam: Sie „leben“ bei diesen Veranstaltungen wieder auf. Schließlich haben es sich die Museumsleute zur Aufgabe gemacht zu zeigen, wie man früher wohnte und wirtschaftete. Vor allem das Leben der Unter- und Mittelschicht spiegeln die denkmalgeschützten Häuser wider, die Professor Konrad Bedal, der Direktor des Windsheimer Museums, im Steigerwald, im Altmühltal, im Nürnberger Land oder auf der Frankenalb kaufte, penibel abtragen und auf dem Freigelände neu errichten ließ: das Köblerhaus aus Oberfelden zwischen Ansbach und Rothenburg, die Schmiede aus Westheim, die Ölmühle aus Königshofen. Die alte Schäferei, vor der Dungel seine Spinnkünste demonstriert, stammt aus aus dem Jahr 1744 und stand einst in Hambühl. Natürlich durfte im Dorfleben damals ein Brauhaus nicht fehlen, und das steht nun in Gestalt des Kommunbrauhauses aus Schlüsselfeld mindestens so schmuck da wie nach dem Bau anno 1844. Doch was wären die geschichtsträchtigen Gebäude ohne die Menschen, die in ihnen lebten und arbeiteten? Und so können die Besucher auch heute noch zuschauen, wie die Museums-Brauer im alten Kommunbrauhaus jeden Mittwoch ein würziges Helles ansetzen. Eine Auswahl von Terminen für Feste und Thementage steht im Kasten auf dieser Seite. In Bad Windsheim zeigen dann Weber ihre Kunst, Schmiede dengeln ihre Pflugscharen vor den Augen der Besucher, und der Müller aus der Flederichsmühle lässt sich beim Ölschlagen über die Schulter lugen.

Die Felder rings um die historischen Bauten bewirtschaften die Museumsbauern ganz im Sinne der alten Tradition. Sie bauen Weizen, Gerste, Hopfen an, aber auch kaum mehr bekannte Getreidearten wie Dinkel, Emmer, Buchweizen oder Einkorn. Zum Pflügen und Mähen spannen die Landmänner wie in alten Zeiten Ochsen und Pferde ein. Und über die Wiesen zieht Schäfer Leonhard Arnold mit seiner Herde, begleitet von aufmerksamen Hirtenhunden. So sehr bestimmte die Arbeit das Leben, dass eine Trennung zwischen dem Privaten und dem Beruf gar nicht möglich war. Deutlich wird das auch auf dem vergilbten Familienfoto, das in der alten Schäferei aus Hambühl die Wand der Stube ziert. Mutter und neun Töchter – allesamt sitzen sie vor ihren Spinnrädern, halten den groben Faden zwischen den Fingern und schauen konzentriert auf ihre Hände. Zwar waren die Zeiten hart, und die zusätzlichen Einkünfte aus dem Verkauf der Wolle sicherten die Existenz – doch zugleich betrieben die Frauen das Spinnen auch zum Zeitvertreib: ließ es sich doch – in den noch TV-freien Stuben – abends gemeinsam vor dem schnurrenden Spinnrad so nett plaudern und Geschichten erzählen. Das Faszinierende an einem Museumsfest: Die Gäste können alles probieren, kosten, kaufen. Und so trägt mindestens jede zweite Besucherin, die von der Baugruppe Nürnberger Land-Frankenalb herkommt, einen mächtigen Reisigbesen über der Schulter, was der einen oder anderen Dame eine spöttische Bemerkung über etwa geplante Flugversuche einträgt. Die meisten nehmen es jedoch gelassen, schließlich haben sie soeben ein echtes Stück Hand-Arbeit für einen Spottpreis ergattert.

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Datum

25. September 2004
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