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Ratgeber: Preis-Frage

Preisentwicklung: Reisemobile sind teuer geworden, so ein gängiges Vorurteil. promobil ist der Sache nachgegangen und hat sogar billigere Reisemobile gefunden.

Der Bundeskanzler heißt wieder einmal Helmut Kohl, Michael Schumacher erringt die Weltmeisterschaft der Formel 1, Bayern München wird wie üblich Deutscher Fußballmeister. Wir schreiben das Jahr 1994. Fiat hat soeben das Nachfolgemodell des Ducato inthronisiert; der VW California Coach kostet mit dem stärksten Dieselmotor 51 945 Mark. Heute, zehn Jahre später, bereitet es wenig Mühe, einen VW California für den gleichen Betrag zu erwerben. Allerdings in Euro, dessen Umrechnungsfaktor noch im Kopf steckt: 1,95583. Der California zum doppelten Preis? Reisemobile sind teuer geworden, so eine gängige Meinung. Doch das Wesen des Preises ist seine Undurchschaubarkeit: Längst ist die Jagdsaison für Schnäpp-chen eröffnet, so mancher hat Angst, zu viel zu bezahlen. Exakt 51 773 Euro gaben die promobil-Leser im Schnitt für ein Neufahrzeug laut Umfrage bei der Wahl zum Reisemobil des Jahres 2003 aus. Umge-rechnet 34 802 Euro waren es 1994, eine Steigerung von 49 Prozent: Reisemobile sind tat-sächlich deutlich teurer gewor-den. Was steckt dahinter, Raff-ke-Mentalität von Herstellern und Händlern, Luxusdenken der Reisemobilkäufer? Trotz konstanter Zulassungszahlen im wirtschaftlich sonst lausigen Jahr 2003 betrachten Branchenkenner die Preisentwicklung nicht ohne Sorgen. Bürstner-Geschäftsführer Klaus-Peter Bolz: „Wir können manche Einsteiger einfach nicht mehr bedienen.“ In Zeiten knapper Kaufkraft sind irgendwann auch knapp kalkulierte Preise zu hoch. Rückblende zum California Jahrgang 1994. Der verfügt über einen behäbigen, nicht ganz leisen Fünfzylinderdiesel mit 78 PS, reckt die eckige Bugpartie des Gemüsetransporters in den Wind, die Karosserie ist eng. ABS kostet ebenso wie die Klimaanlage deftigen Aufpreis, über Airbags spricht keiner. TDI? Gibt’s erst später. Ein elektrohydraulisch betätigtes Aufstelldach, Aluminiummöbel statt klassischem Sperrholz – wie bitte? Abgasstandard Euro III: weit entfernt. Alles zu seiner Zeit: Der tolle California des Jahrgangs 1994 wäre heute ein Ladenhüter, egal zu welchem Preis. Da darf, nein muss der Neue deutlich teurer sein. Hier sind es 13 000 Euro oder fast 50 Prozent. Zugegeben, da zieht man scharf die Luft ein. Für alle damals so wunderbar billigen Reisemobile (waren sie’s wirklich?) gilt: Als Ge-brauchte haben sie ihren Wert, auch einen ideellen, doch als Neuwagen wären sie unverkäuflich. Das trifft selbst auf einen Flair zu, 1994 eine Revolution. Doppelboden auf Alko-Tiefrahmenchassis, Heckgarage: heute alles Standard. Der Flair 2004 ist ein anderer geworden: Neues Gesicht, neues Heck, neue Möbel und Ausstattung – auch er darf teurer sein, es sind gut 30 Prozent.

Deutlicher sind die Unterschiede der Hymermobil B-Klasse, hier ist der Fortschritt besonders groß. Der früher typische B 544 kommt 1994 auf 41 429 Euro, heute liegt das Modell gleicher Bezeichnung mit 58 690 Euro erheblich höher. Doch eine B-Klasse von heute hat mit jener von vor zehn Jahren kaum mehr als die Bezeichnung gemein. Unter dem längst überarbeiteten Aufbau verstecken sich Tiefrahmen und Doppelboden. Die Möbel im veränderten Grundriss sind komplett neu, das Gesicht ist ein anderes, ABS an Bord. Dreimal wurde die B-Klasse in diesen zehn Jahren umgekrempelt. Zeichen, dass Integrierte der Mode unterliegen und sich an ein anspruchsvolles Publikum wenden, das sich Besonderes leistet und auch bezahlt: 40 Prozent Preissteigerung oder 17 000 Euro in zehn Jahren – stolze Zahlen. Und doch sagen die Zahlen allein zu wenig aus. Die B-Klasse ist größer geworden, mehr Ausstattung bedeutet mehr Gewicht – in diesem Fall 3040 statt 2500 Kilogramm. Kostete das Kilo B-Klasse vor zehn Jahren 16,57 Euro, so ist es heute für 19,31 Euro zu bekommen – eine moderate Steigerung um 16,5 Prozent. Allerdings: Beim Ausstellen des Schecks hilft dies wenig, auch möchte nicht jeder ein Reisemobil wegen seiner vielen Kilos erwerben. Die Konsequenz heißt B-Classic. 1997 von der B-Klasse abgespalten, verbirgt sich hinter dieser Bezeichnung im Prinzip die gute alte B-Klasse von 1994, über Jahre hinweg behutsam weiterentwickelt, doch ohne drastische und teure Eingriffe à la Tiefrahmen und Doppelboden. Ergibt einen Preis von 48 490 Euro, nur 17 Prozent mehr als die B-Klasse zehn Jahre zuvor – trotz besserer Ausstattung und Motorisierung. Viel höher hat Concorde die Hürde gelegt. Da gab’s 1994 den wuchtigen 790 auf Iveco für umgerechnet knapp 51 000 Euro. Der Charisma-Preis von heute ist fast sechsstellig, also viel teurer, rangiert aber in Technik und Ausstattung in der Champions League statt wie ehedem im gehobenen Mittelfeld der Bundesliga. Mitunter wird das Basisfahrzeug Fiat Ducato als Preis-treiber genannt, ohne den es nun mal nicht geht. Doch gefehlt: Ein Fahrgestell mit Fahrerhaus Ducato 14 (heute 15) mit dem jeweils stärksten Diesel ist in zehn Jahren nur knapp 16 Prozent oder 3048 Euro teurer geworden. Den früheren ABS-Aufpreis von knapp 1500 Euro abgezogen und den Leistungszuwachs von 95 auf 127 PS kalkuliert, wird daraus glatt eine Nullnummer. In Relation zur Preissteigerung ist ein Ducato sogar billiger geworden. Woran aber lassen sich die Preise von Reisemobilen überhaupt messen? Gestiegen sind die tariflichen Monatsgehälter. In der gewerblichen Wirtschaft in zehn Jahren um ein Viertel, so das Statistische Bundesamt. Jedoch geben Bruttogehälter nicht die wahre Einkommenssteigerung wieder, zwischen brutto und netto gibt es Institutionen, die gerne etwas abzwacken. Ein anderes Indiz sind die Verbraucherpreise. Sie klettern seit Jahren dezent, im hier beobachteten Zeitraum von zehn Jahren um 13 Prozent. Die meisten Reisemobilpreise sind schneller gestiegen, doch das wundert nicht: Im Warenkorb des Statistischen Bundesamts liegen Dinge wie das halbe Pfund Butter, die kaum Modellpflege kennen und deren Ausstattung sich niemals ändert. Realistischer ist der Vergleich mit der Preisentwicklung eines anderen Objekts auf vier Rädern, zum Beispiel dem VW Golf. Ein aktueller TDI mit 105 Pferdestärken kostet heute ein Viertel mehr als sein Pendant mit 90 PS von 1994 – das passt einschließlich zweier neuer Generationen und viel Arbeit an der Ausstattung zu Reisemobilen. Spektakulärer entwickelte sich der Preis von Dieselkraftstoff – weitgehend ohne Modellpflege. Der Liter kostet an der Tankstelle rund die Hälfte mehr als vor zehn Jahren – da langen Staat und Mineralölindustrie gemeinsam zu.

Überraschend: In der Reisemobilbranche gibt es auch niedrigere Preise. Da wäre zum Beispiel Ausbauer Bavaria-Camp mit seinem Campingbus Sol y Sombra, heute 2300 Euro billiger als vor zehn Jahren. Der Dreh ist schnell erklärt: Das Basisfahrzeug heißt Citroën statt Mercedes, obendrauf sitzt ein Serienhochdach anstelle des aufgebauten Dachs. Es gibt noch mehr Preiswunder, die den Vorwurf überteuerter Reisemobile relativieren. Bürstner baut mit dem A 530 ein Alkovenmobil, das in zehn Jahren im Vergleich zum Vorgänger nur um zehn Prozent oder 3500 auf 33 513 Euro zugelegt hat – einschließlich ABS. Vertriebsleiter Andreas Schöneberger kennt den Hintergrund: Bürstner fertigt die fünffache Zahl Reisemobile, kauft günstiger ein, produziert rationeller. Und: „Wir wollen die Einstiegsschwelle niedrig halten.“ Deshalb akzeptiert die Firma, dass die Finanzleute daran „nicht unbedingt die helle Freude zeigen“. Hinzu kommt der Preisdruck durch beinharten Wettbewerb in dieser preisempfindlichen Klasse: Hier balgen sich neben den namhaften deutschen Herstellern von B wie Bürstner bis W wie Weinsberg bevorzugt Importeure aus Italien und Frankreich. Schnäppchenjäger sind hier richtig. Auch eine Preisklasse höher finden sich Reisemobile, die keine heftigen Preisausschläge kennen. Eura Mobil zum Beispiel fertigte vor zehn Jahren mit dem Alkovenmodell 675 ein stattliches sieben Meter langes Schiff für umgerechnet 50 232 Euro. Der aktuell vergleichbare Eura Mobil Sport 665 ist ab 51 500 Euro wohlfeil, inklusive angehobener Ausstattung. Real ist das Reisemobil damit billiger geworden. Vertriebsleiter Eric Spieser: „Wir haben früher 600 Reisemobile im Jahr gebaut, heute sind es 1900. Auch fertigen wir in neuen Hallen mit neuen Anlagen viel effizienter.“ Andreas Henzler, Hymer-Händler und Vizepräsident des Händlerverbands DCHV, sieht denn auch weiterhin den Trend zum gehobenen Reisemobil: „Man gibt mehr Geld aus für Komfort.“ Speziell bei seiner Hausmarke war der Weg nach oben vorgezeichnet: „Früher hat man uns die Aufpreispolitik vorgeworfen, diesen Weg ha-ben wir verlassen.“ Sein Tipp für Interessenten, denen die Neupreise davonlaufen: „Bes-ser ein gut ausgestattetes Ge-brauchtmobil als ein nacktes neues Fahrzeug.“ Reisemobile sind teuer, da gibt es keine Diskussion, aber sind sie zu teuer? Zu diesem Thema fiel dem englischen Sozialreformer John Ruskin bereits vor mehr als 100 Jahren einiges ein: „Es ist unklug“, so schrieb er, „zu viel zu bezahlen, aber es ist noch schlechter, zu wenig zu bezahlen. Wenn Sie zu viel bezahlen, verlieren Sie etwas Geld, das ist alles. Wenn Sie dagegen zu wenig bezahlen, verlieren Sie manchmal alles, da der gekaufte Gegenstand die ihm zugedachte Aufgabe nicht erfüllen kann.“ Das wird diejenigen kaum trösten, die sich zurzeit ein neues Reisemobil verkneifen müssen. Doch träumen dürfen immerhin auch sie: Der Reisemobil-Katalog von promobil mit den Neuheiten des Caravan-Salons 1994 kostete umgerechnet 6,14 Euro. Das Exemplar des Jahrgangs 2004 bekommen Sie, wie damals 164 Seiten stark, für nur fünf Euro. Ansonsten blieb in zehn Jahren vieles unverändert. Bundeskanzler Helmut Kohl ist zwar Geschichte, aber Michael Schumacher ist auch heute Formel-1-Weltmeister, der aktuelle Fußballmeister heißt Bayern München.

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Datum

26. März 2004
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