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Nachhaltig unterwegs im Wohnnmobil: Mobilurlaub ist umweltfreundlich

Urlaub mit dem Flugzeug, Schiffstörn oder Hotelreise? Wer die Umwelt im Blick hat, fährt besser mit dem Wohnmobil, wie eine aktuelle Studie zur CO2 Emission über verschiedene Reisearten belegt.

Marco und Sara, Mattia und Alice* wohnen in Bologna. Sie kennen sich von Jugend auf und haben eine gemeinsame Leidenschaft: die Musik. Also beschließen sie, das Festival "Umbria Jazz" zu besuchen, das seit 1973 jährlich im Juli an zehn Tagen in Perugia stattfindet. Es gilt als eine der wichtigsten Veranstaltungen seiner Art in Europa. Sie wählen für die Fahrt und die Unterbringung ein Wohnmobil, wie es typisch für eine Mietflotte ist: einen großen Alkoven. Die Freunde gehen das Projekt ohne Hektik an, nehmen sich rund zwei Wochen Zeit und legen insgesamt gut 600 Kilometer zurück.

Dieser Trip wäre an sich nicht besonders erwähnenswert, wenn nicht Professor Paolo Fiamma von der Universität Pisa seine Finger im Spiel gehabt hätte. Er verteilte an die vier Freunde Hausaufgaben. Sie mussten fortlaufend einheitliche Fragebögen ausfüllen, die in verschiedene Abschnitte aufgeteilt waren: Daten zur Reise wie die Anzahl der Personen oder Kilometerleistung sowie Angaben zum Wohnmobiltyp und der technischen Ausstattung, etwa die Leistung einer Solaranlage oder die Größe des Kühlschrank. Das Hauptinteresse lag aber in einer peniblen Aufzeichnung der Energieverbräuche für Kühlung, Warmwasser, Heizung oder die Küche.

Registriert wurde weiterhin der Konsum von Frischwasser, die Kosten für Verpflegung, aber auch die Mengen, die bei der Entsorgung oder an Abfall anfallen. Professor Paolo Fiamma ist gelernter Bauingenieur und hält Vorlesungen im Fach Architektur zu Ansätzen, wie Städte oder Häuser auf einer nachhaltigen Basis geplant und entworfen werden können. Die aktuelle Studie hat Fiat in Auftrag gegeben. Ziel war es, erstmalig aufgrund eindeutiger empirischer Belege und nicht nur im theoretischen Verfahren im Wege einer Feldstudie die Frage zu beantworten, ob der Open-Air-Tourismus ein ökologischer Weg ist, Urlaub zu genießen. Akribisch wurde dabei protokolliert, wie Kohlendioxid (CO2) dabei tatsächlich produziert wird. Paolo Fiamma verließ sich nicht nur auf die vier Freunde aus Bologna. Er analysierte im Lauf von knapp zwei Jahren 12?800 Daten von hunderten anderer Wohnmobilnutzer und differenzierte nach den Aufbautypen Integrierter, Alkoven, Teilintegrierter und Kastenwagen. Er berücksichtigte die Reisedauer und die Anzahl der Personen. Seine Ergebnisse verglich er mit der Urlaubsform "Auto plus Hotel2und präsentierte sie im Sommer 2015.

Die Kernaussage: Der Urlaub mit einem Reisemobil produziert bei gleicher Personenzahl, Reisedauer und -strecke erheblich weniger Kohlendioxid im Vergleich zur Alternative Pkw plus Hotel. Vor allem punktet das Reisemobil während der Standzeiten, weil dann die CO2-Emissionen für Heizung, Kühlung oder Elektrizität sowohl im Vergleich zur Hotelübernachtung als auch zur Anfahrt praktisch kaum noch ins Gewicht fallen. Die Bilanz verbessert sich außerdem, je windschlüpfiger das Wohnmobil ist, je länger die Reise dauert und je mehr Personen teilnehmen.

Der Kohlendioxid-Ausstoß beim Fahren liegt freilich über dem von Pkw. Reisen vier Personen in acht Tagen 1000 Kilometer, folgen dem Integrierten mit 303,77 laut der Studie der Alkoven mit 300,43 und der ausgebaute Kastenwagen mit 266,20 Kilogramm CO2-Ausstoß. Am sparsamsten ist überraschenderweise der Teilintegrierte mit 265,73 Kilogramm Kohlendioxid.

Auch wenn zumindest in den Verbrauchswerten Wohlwollen gegenüber dem Reisemobilurlaub zum Ausdruck zu kommen scheint, stützt die aktuelle Feldstudie in der Tendenz eine ältere, theoretische Untersuchung. Bereits im Jahr 2007 hatte das Öko-Institut im Auftrag des Industrieverbandes CIVD eine erste Studie zu diesem Thema und 2012 ein Update vorgelegt. Neben den Emissionen von Reisemobil, Pkw, Flugzeug, Reisebus, Schiff, also der An- und Abreise sowie der Vor-Ort-Mobilität wurden die Treib¬hausgasemissionen für Übernachtung und Verpflegung je nach Unterkunft untersucht. Auch diese Ergebnisse zeigen, dass der Energieverbrauch bei einer Übernachtung im Hotel weit über dem eines Reisemobils auf einem Campingplatz oder einem Stellplatz liegt.

Unter anderem wurden am Beispiel einer 14-tägigen Südfrankreich-Reise die CO2-Emissionen berechnet. Das Öko-Institut setzte für den Hin- und Rückweg 2626 Kilometer an. Die Mobilität vor Ort wurde auf 263 Kilometer für Pkw-Varianten und 131 Kilometer für Reisemobil-Varianten taxiert. Auffällig sind die Emissionen auch im Hinblick auf die Unterbringungsart. Bei der Unterbringung auf dem Campingplatz fällt im Vergleich zum Stellplatz mehr an, da auch die vorgehaltene Infrastruktur der Anlage energetisch zu Buche schlägt.

Das Öko-Institut geht bei seinen Berechnungen sehr methodisch vor. Es berücksichtigt etwa, dass viele Stellplätze mit Stromanschlüssen ausgestattet sind, und geht davon aus, dass die Reisemobilisten dieses Angebot auch annehmen. Andererseits erkennt der Autor, Daniel Bleher, die wachsende Bedeutung von LED-Lampen zur Innenraumbeleuchtung. So liegt der Verbrauch eines LED-Systems um den Faktor drei unter dem von Halogenlampen. Auf Seiten der Energieverbräuche von Übernachtungen in Hotels und auf Campingplätzen kann sich Bleher auf Erhebungen des Hotelverbandes Dehoga von 2012 und einen Betriebsvergleich deutscher Campingplätze des Wirtschaftsverbandes BVCD von 2009 stützen.

Im Fazit der Studie heißt es: "Urlaubsreisen mit dem Motorcaravan weisen eine verhältnismäßig günstige Klimabilanz auf. Zwar gibt es Reiseformen wie die Urlaubsreise mit dem Reisebus, die zu geringeren Emissionen führen, die Reise mit dem Motorcaravan kennzeichnen allerdings geringe Emissionen pro Übernachtung und der Umstand, dass vor allem kurze und naheliegende Ziele angesteuert werden. Vor allem im Hinblick auf die zunehmende Anzahl von Fernreisen und den Boom von Kreuzfahrtreisen haben Urlaubsreisen mit dem Motorcaravan eine sehr günstige Klimabilanz."

Fiamma gerät am Ende seiner Untersuchung regelrecht ins Schwärmen und reklamiert, dass Reisemobilurlaub helfen könnte, den schädlichen Einfluss von Tourismus auf die Umwelt zu reduzieren. Er appelliert an die Politik, gerade im ländlichen Raum mehr Stellplätze anzusiedeln. Alleine in Italien sind nach Fiamma zwischen fünf und sechs Millionen Personen mit Freizeitfahrzeugen unterwegs. Das bedeute 50 Millionen Übernachtungen und Ausgaben von 2,5 Milliarden Euro, die sich auf Camping- und Stellplätze fokussieren: "Allein diese Zahlen verdeutlichen, das Freizeitfahrzeuge sogar ein neue Chance sind, Umsätze zu generieren."

* Namen wurden von der Redaktion geändert

Mehr Infos zu der Studie und ein Interview mit Jost Krüger vom CIVD lesen Sie auf der nächsten Seite.

Autor

Foto

Harald Hornig

Datum

2. Dezember 2015
Dieser Artikel stammt aus Heft promobil 11/2015.
Hier finden Sie alle Artikel dieser Ausgabe im Überblick.
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