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Reise-Tipp deutsche Mittelgebirge: Harz, aber herzlich

Harz und Kyffhäuser: Die beiden norddeutschen Mittelgebirge machen verlorenen Boden mit vielen neuen Stellplatz-Angeboten wieder gut.

Nichts hält sich so hartnäckig wie ein Vorurteil. Als wenig gastfreundliche Gegend empfanden viele Reisemobilfahrer den Harz noch vor wenigen Jahren, und diese alten Geschichten sind hie und da immer noch zu hören – trotz fortschrittlicher Kommunen wie Bad Sachsa oder St. Andreasberg, die sich schon seit längerer Zeit dem mobilen Tourismus geöffnet haben.

Einem neuen Reisemobilhafen könnte die Wende endgültig gelingen. Gut ausgestattet und großzügig bemessen, wintertauglich und ganz in der Nähe eines Loipensystems gelegen, setzt Braunlage einen neuen Maßstab für den Reisemobil-Tourismus im gesamten Harz.

„Ausgerechnet Braunlage“, werden Reisemobilfahrer aufstöhnen, die sich noch gut an das Hin und Her um den Schützenplatz erinnern – vorbei. Die Schützengesellschaft unter ihrem neuen Vorsitzenden Eberhard Beyer hat mittlerweile für klare Verhältnisse gesorgt und die entsprechenden Genehmigungen durch den Landkreis Clausthal-Zellerfeld eingeholt.

Während sich am ohnehin schon guten Übernachtungsbereich für insgesamt 85 Reisemobile noch nicht sehr viel getan hat, sind die Arbeiten am neuen Servicegebäude nebenan schon weit gediehen. Mit Empfang sowie Toiletten- und Duschräumen für Damen und Herren soll der Stellplatz Top-Niveau erreichen. Eine einfache Ent- und Versorgungsanlage mit Bodeneinlass nebst Frischwasseranschluss findet sich bei der nahen Gaststätte „Schützenhaus“. Auch Stromanschlüsse, so verspricht es Beyer, werden jetzt noch gesetzt. „Bis zum Winter sind die Arbeiten abgeschlossen.“

Die bisherigen Favoriten unter den reisemobilfreundlichen Gemeinden im Harz, Bad Sachsa und St. Andreasberg, verweist Braunlage damit auf die Plätze. Das enge, abschüssige Areal am Panoramabad von St. Andreasberg ist der neuen Konkurrenz ebenso wenig gewachsen wie der schmucklose Schützenplatz von Bad Sachsa.

Braunlage steht mit dieser Initiative nicht allein. Vor allem die Orte im landschaftlich noch schöneren Ostharz melden eine Reihe neuer oder verbesserter Stellplätze. So rundet in Wernigerode eine St-San-Station zum Ent- und Versorgen die Übernachtungsmöglichkeit auf dem Großparkplatz „Am Anger“ ab. Aufgrund der Nähe zur viel befahrenen Bundesstraße zählt der Stellplatz sicherlich nicht zu den Top-Angeboten, dennoch war er bei der abendlichen Inspektion im Spätsommer sehr gut besucht. Wer es ruhiger mag: Im Mühlental im Ortsteil Nöschenrode findet sich, etwas versteckt hinter dem Gästehaus Mann „Zur Alten Mühle“ und dem Waldrand, ein wunderbar abgeschirmter Stellplatz für maximal zehn Fahrzeuge. Auch hier gibt es Veränderungen zum Positiven: Seit wenigen Tagen ist der neu installierte Fäkalausguss in Stellplatznähe betriebsbereit, ein Frischwasseranschluss soll noch folgen. Aufbruchstimmung ist auch in Quedlinburg zu spüren. Die zum großen Teil wunderbar renovierte Perle der Fachwerkbaukunst weist zusätzlich zu dem bekannten Stellplatz an der Wipertistraße ein zweites Gelände für Reisemobile aus. Der Parkplatz „An den Fischteichen“ kann acht Reisemobile aufnehmen und verfügt ebenso wie sein Pendant am Fuß des Burgbergs über eine Ent- und Versorgungsstation sowie über münzbetriebene Stromsäulen. Die Stadt reagiert damit auf die gute Akzeptanz, die der Platz in der Wipertistraße auf Anhieb gefunden hat. Thomas Bracht, Geschäftsführer der Quedlinburg Marketing und Tourismus GmbH: „Wir haben im vergangenen Jahr eine Auslastung von etwa 85 Prozent festgestellt.“ Das ist noch nicht alles: Ein dritter Stellplatz soll folgen – der Parkplatz „Marschlinger Hof“ wird ausgebaut und soll ab September nutzbar sein. Bei aller Begeisterung über die Initiativen, mit den beiden bereits bekannten Stellplätzen kann die Stadt Quedlinburg noch nicht ganz in die Spitzengruppe reisemobilfreundlicher Gemeinden aufschließen. Der Stellplatz am Burgberg ist zu klein, und die Nähe des Parkplatzes „An den Fischteichen“ zur viel befahrenen Straße ist alles andere als optimal. Immerhin, die Stadt zeigt guten Willen und versucht, das Manko wieder wettzumachen: Dieser Stellplatz bleibt zumindest vorerst noch gebührenfrei. Apropos Geld: Die gute Resonanz auf attraktive Stellplätze weckt in Zeiten dramatisch leerer Stadtsäckel Begehrlichkeiten. So hat erst kürzlich der Rat der Stadt Langelsheim für den Stellplatz im Ortsteil Lautenthal quasi über Nacht eine Stellplatzgebühr eingeführt. Drei Euro sind pro Nacht und Mobil für den beliebten Stellplatz hinter der Tourist-Info zu zahlen, und als Dreingabe kommt die immer stärker in den Vordergrund tretende Kurtaxe hinzu. Ähnliches ist aus Schulenberg zu berichten. Für eine Nacht auf dem Parkplatz an der Wiesenbergstraße sind fünf Euro pro Nacht und Mobil plus Kurtaxe von 90 Cent pro Person zu zahlen. Besonders ärgerlich dabei: In beiden Fällen ist von einer Verbesserung des Stellplatz-Angebotes nichts zu bemerken. Im Gegenteil: In Lautenthal sind die öffentlichen Toiletten jetzt nachts wegen latenter Vandalismus-Gefahr verschlossen und tagsüber nur mit Schlüssel zu benutzen.

Trotz vieler Fortschritte ist also noch lange nicht alles Gold, was im Harz als Stellplatz glänzt. Auch die genau gegenläufige Tendenz in zwei Ferienorten am Fuß des Brocken soll nicht verschwiegen werden. Der Stellplatz in Elend ist ebenso geschlossen wie der Übernachtungsplatz am Waldparkplatz von Schierke. Der neue Campingplatz am Schierker Stern soll den Stellplatz ersetzen. Ob es gelingen wird, ist aber ebenso fraglich wie die Akzeptanz der Übernachtungsplätze vor Campinganlagen. Die Spitze markiert seit vielen Jahren der Waldparkplatz beim Camping „Im Waldwinkel“ in Zorge. Außerhalb der Badesaison fasst der Stellplatz bis zu 60 Reisemobile, er besitzt mit vier Stromsäulen sowie einer Ent- und Versorgungsstelle eine gute Ausstattung, die das Betreiberehepaar, Waltraud und Klaus Schwarz, mit ihrem klugen Service krönt: Im Preis von 9,70 Euro pro Nacht und Mobil ist nicht nur die Kurtaxe, sondern auch das Benutzen der Sanitäranlagen enthalten. Das gute Preis-Leistungs-Verhältnis und die Großzügigkeit des Stellplatzes heben dieses Angebot deutlich von anderen Übernachtungsplätzen vor Campinganlagen ab. Als Geheimtipp gilt immer noch der Kyffhäuser: Der kleinere, bis zu 477 Meter hohe Gebirgszug im Süden des Harzes ist in erster Linie durch die Barbarossa-Höhle und das Nationaldenkmal bekannt, das Wilhelm II. auf dem Gipfel errichten ließ. Die zwei Stellplätze am Rand des Kyffhäusers könnten unterschiedlicher kaum ausfallen: In Bad Frankenhausen bietet Harald Schulze ein Wiesengelände in Sichtweite zu seiner Autowerkstatt an, in Sondershausen weist die Kommune auf einem relativ kleinen Parkplatz einen Übernachtungsplatz aus. Schulzes Wiese ist ein ideales Gelände für Clubtreffen. Für ängstliche Naturen könnte das Areal etwas zu einsam sein. In Sondershausen glänzt der Parkplatz P 7 „Zur Windleite“ zwar mit seiner Ausstattung, seine Schwäche liegt jedoch in dem geringen Rangierraum und der Benutzung auch durch Pkw. Dennoch sind beide Regionen auf einem guten Weg. Die Schützengesellschaft Braunlage dürfte mit ihrem Stellplatz vorführen, was ein moderner Reisemobilhafen in attraktiver Lage bewirken kann. Guter Wille ist auch andernorts zu spüren, doch gelegentlich würde das geschulte Auge eines Fachmanns bei Auswahl und Anlage eines Stellplatzes nicht schaden: Damit der Harz seinen schlechten Ruf aus alten Zeiten endgültig ablegen kann.

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22. Oktober 2004
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