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Ratgeber: Die Nein-Sager

Österreich-Maut: Der Protest der promobil-Leser ist angekommen – doch das Ministerium in Wien zeigt kein Entgegenkommen.

Wir wollen mit der Lkw-Maut keine Urlauber mit Reisemobilen abschrecken.“ Gleich mehrfach betonten dies die ranghöchsten Fachbeamten im österreichischen Bundesverkehrsministerium im Gespräch mit promobil. Aber trotz dieser Beteuerungen blieben sie in der Sache hart: An der Regelung, dass Reisemobile über 3,5 Tonnen künftig bei der Nutzung von Autobahnen wie schwere gewerbliche Lastwagen zur Kasse gebeten werden, will das Wiener Verkehrsministerium – vorerst – nicht rütteln lassen.
Im Klartext heißt das: Ab Januar wird die Fahrt auf den Schnellstraßen in Österreich mit Mobilen der XL-Klasse zum extrem teuren Vergnügen. Allein die Maut für die besonders populäre Strecke Salzburg–Wien und retour wird fast 90 Euro verschlingen – deutlich mehr als eine Bahnfahrkarte.

Ortstermin im österreichischen Bundesministerium für Verkehr, Innovation und Technologie: Mit einem fast 20 Kilogramm schweren Karton reisten promobil-Chefredakteur Randolf Unruh und Chefreporter Joachim Sterz nach Wien. Der Inhalt: Die Postkarten, mit denen viele Leser gegen die Maut-Pläne protestierten. Denn die neuen Tarife hatten Empörung hervorgerufen. Doch nicht nur die über 4000 Karten mit exakt 9152 Unterschriften wogen schwer – auch die unzähligen Kommentare darauf sprachen eine eindeutige Sprache, was die promobil-Leser von der drastischen Verteuerung der Maut in Österreich halten: gar nichts. Walter Riepler, im Kabinett von Verkehrsminister Hubert Gorbach für den Straßenbau und die Straßengebühren zuständig, und Ministerialrat Friedrich Schwarz-Herda, der Koordinator für Mautangelegenheiten im österreichischen Verkehrsministerium, stellten sich bei der Übergabe des inhaltsschweren Pakets der Kritik und warben ihrerseits für das neue Preissystem. Dessen Ziel: Mit der fahrleistungsabhängigen Maut will die Alpenrepublik den Autobahnnutzern die tatsächlichen Kosten für die Straßeninfrastruktur aufbrummen. „Modern und fair“, zitierte Walter Riepler aus einer Werbebroschüre. Grundsätzlich fanden es die ranghohen Beamten auch richtig, dass künftig alle Fahrzeuge über 3,5 Tonnen ohne Unterschied – Güterverkehr, Omnibusse und Individualverkehr – bei der Preisfestsetzung gleich behandelt werden: „Die Festlegung nach der Achsenzahl ist international üblich“, so Ministerialrat Schwarz-Herda. Indessen warben die promobil-Redakteure vor den Maut-Verantwortlichen dafür, bei den Straßengebühren Augenmaß zu behalten und nicht Reisemobilurlauber mit gewerblichem Güterverkehr in einen Topf zu werfen: Preissteigerungen von bis zu 600 Prozent sind unangemessen. promobil forderte die Österreicher eindringlich auf, noch einmal über die Verhältnismäßigkeit der Tarife nachzudenken. Die Redakteure wiesen auf die negativen Folgen für den Tourismus hin: Das Geld, das die Leute für die Straßengebühren ausgeben müssen, steht nicht mehr für den Konsum zur Verfügung. Urlauber können die Kosten nicht auf andere abwälzen. Nachdrücklich sprachen sich die promobil-Redakteure dafür aus, dass für die großen Reisemobile auch in Zukunft das Vignettensystem gelten sollte. Mit diesem Wunsch bissen sie freilich im Ministerium in Wien auf Granit: Walter Riepler schloss jegliche Modifizierung der beschlossenen Mautregeln vor der Einführung am 1. Januar aus: „Wir sind heilfroh, dass sie so im Parlament verabschiedet wurden.“ Änderungen sind nach den Worten von Friedrich Schwarz-Herda frühestens 2005 denkbar. Doch auch dann könnten Reisemobilisten kaum hoffen, dass ihre Fahrzeuge anders behandelt werden als schwere Lastwagen. Denn das Bundesverkehrsministerium in Wien setzt ganz klar auf den Gewöhnungseffekt bei der Lkw-Maut: „Wir hoffen, dass der Protest gegen die Maut bald abebbt und die Leute die Tarife akzeptieren – so wie es auch bei der Vignette war“, wünschte sich Friedrich Schwarz-Herda. Sein Kollege Walter Riepler versuchte zu relativieren, dass es für 85 Prozent der Reisemobile auch in Zukunft bei den –- moderaten – Vignetten bleibe. „Es ist keine Abzockerei, sondern ein gerechtes Finanzierungssystem“, erteilte Riepler Änderungswünschen eine Absage. Zudem verwies er darauf, dass die Reisemobilisten, die künftig so extrem zur Kasse gebeten werden, auch vom verbesserten Autobahnnetz in Österreich profitieren würden. Immerhin versprachen die ministeriellen Nein-Sager, den Protest der über 9000 promobil-Leser ernst zu nehmen und die Belange der Reisemobilisten künftig stärker bei der Straßenplanung in Österreich berücksichtigen zu wollen. Ob dies nur Lippenbekenntnisse sind, wird man schon bald feststellen können, wenn 50 Autobahnparkplätze grundlegend neu gestaltet werden sollen.

Im Wiener Verkehrsministerium nahm man den promobil-Vorschlag, dann doch auch Ver- und Entsorgungsmöglichkeiten für Mobile vorzusehen, mit Wohlwollen auf. Walter Riepler: „Eine interessante Idee.“ Anders als in Deutschland soll die Lkw-Maut in Österreich termingerecht zum 1. Januar eingeführt werden. Mit der Akzeptanz gibt es indes auch im eigenen Land noch Schwierigkeiten: Die Betreiber-Firma Europpass musste einräumen, dass die Bestellungen für die so genannten Go-Boxen, die alle mautpflichtigen Fahrzeuge über 3,5 Tonnen einsetzen müssen, bislang weit unter den Erwartungen zurückblieben. Wer die Go-Box bis Ende November bestellt (Internet www.go-maut.at, Telefon 08 00/40 01 14 00), bekommt die Box in Österreich kostenlos zugestellt, sonst werden fünf Euro Gebühr fällig. Derweil geht der Protest in Österreich weiter. Der Österreichische Camping-Club (ÖCC) sammelt nach wie vor Stimmen gegen die „ziemliche Hirnlosigkeit in der an Grotesken ohnehin nicht armen heimischen Mautpolitik“, so der ÖCC-Chefredakteur Roland Fibich. Im Internet kann man sich unter www.campingclub.at an der Aktion beteiligen. Eine Reaktion bleibt Betroffenen ohnehin: auf mautfreie Strecken ausweichen oder andere Reiseziele wählen. promobil bleibt dran am Thema.

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Datum

8. Oktober 2003
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