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Ratgeber: Camping an Bord

Die Reedereien Superfast und Blue Star bieten ab sofort kein Camping an Bord mehr an. Andere ziehen nach – und rudern wieder zurück. Was bleibt? Verwirrung.

Böse Überraschungen kommen meist wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Was sich erst kürzlich wieder bestätigte: Völlig unvorbereitet fanden sich Reisemobiltouris-ten vor die Tatsache gestellt, dass sowohl Superfast Ferries als auch deren Schwesterlinie Blue Star Ferries seit dem 8. März auf den Adriastrecken kein Camping an Bord mehr anbieten wollen. Ausgerechnet im Olympiajahr. Und noch dazu kurz vor Beginn der Reisesaison – hunderttausende Prospekte wurden im Vorfeld gedruckt, unzählige Buchungen von Reisemobilfahrern und Caravanern sind bei den Reedereien, deren deutschen Agenturen und den Buchungs- und Reisebüros bereits eingegangen. Begründet wurde die Entscheidung gegen das Campen an Bord zunächst noch mit geänderten Sicherheitsrichtlinien, die die internationale Seefahrtsorganisation IMO erlassen haben soll.
Bei der Londoner Behörde, die den Vereinten Nationen unterstellt ist, weiß jedoch niemand von solchen Anweisungen. Ganz im Gegenteil: Die IMO besitzt nicht einmal die Befugnis, solche Richtlinien umzusetzen, sondern erarbeitet lediglich Gesetzesempfehlungen für ihre 163 Mitgliedsstaaten. Erst wenn die Empfehlungen in nationales Recht übergegangen sind, sind sie für die entsprechenden Länder und somit für die dort ansässigen Reedereien bindend, erklärt Lee Adamson, Sprecher der Internationalen Schifffahrtsbehörde. „Außerdem hat die IMO aktuell keinerlei Richtlinien oder Vorschläge entworfen, die das Thema Camping an Bord von Fähren betreffen“, so Adamson gegenüber promobil.

War die Berufung auf den ominösen IMO-Beschluss demnach gezielt falsch? Nun, sie war zumindest enorm erfolgreich – binnen weniger Tage zogen sich die wildesten Gerüchte quer durch die einschlägigen Internetseiten und -foren der Caravaning-Gemeinde. Von Sicherheitsproblemen mit an Bord grillenden Campern, einer Kurzschlussreaktion auf die EU-Erweiterung, ja sogar von der immer wieder populären Angst vor Terroristen war die Rede. Und von IMO. Fragen nach dem Wahrheitsgehalt der Meldung stellte niemand. Bis die Fährgesellschaften anscheinend Angst vor der eigenen Courage bekamen und der Geschäftsführer von Superfast Deutschland, Jens-Peter Berg, den Buchungsstopp plötzlich mit dem hohen Sicherheitsniveau an Bord der Schiffe begründete. Camping an Bord passe nun mal nicht mehr in diese Firmenphilosophie. Von IMO war da keine Rede mehr. Immerhin versuchte die Reederei, den Schaden in Grenzen zu halten: Sie bot zumindest jenen Griechenland-Urlaubern, die bereits fest gebucht hatten, an, die Zusatzkosten zu erstatten, die ihnen durch die Unterbringung in einer Kabine entstehen. Doch der Vertrauensverlust und die Verunsicherung unter den Reisemobilisten lässt sich dadurch kaum wettmachen. Mit ihrer Maßnahme sorgte Superfast für eine beträchtliche Verwirrung. Und das nicht nur bei den Urlaubern, sondern auch in der Fährbranche. So zog beispielsweise die griechische Reederei Minoan Superfast zunächst einmal gleich und sperrte ihre Buchungssysteme. Aber nur, um nach zwei Wochen eine beinahe komplette Kehrtwende zu vollziehen. Inzwischen nimmt die deutsche Generalagentur J. A. Reinecke wieder Buchungen für Camping an Bord entgegen – allerdings mit einem eingedampften Kontingent von nur noch 50 Reisemobilen beziehungsweise Gespannen pro Überfahrt von Italien nach Griechenland.

Wieder anders stellt sich die Situation bei Anek Lines dar. Wie Katherina Yarmeniti, Leiterin der deutschen Anek-Generalvertretung Ikon, bestätigt, wird es bei Anek keinerlei Änderungen geben: „Wir werden auf unseren Routen von Ancona nach Igoumenitsa und Patras weiterhin Camping an Bord anbieten.“ Verwirrender könnte sich die Lage für Touristen kaum darstellen. Auch Elie Avlonitis vom Fähranbieter Ferry-Center in Esslingen ist genervt: „Uns bleibt nichts anderes übrig, als erst einmal abzuwarten und uns auf die Aussagen der Reedereien zu verlassen. Die unklare Situation schadet allen Reisemobilisten.“ Denn eines ist klar: Für alle die Urlauber, die aufgrund der geringeren Kapazität bei Minoan oder Anek kein Camping-an-Bord-Ticket mehr erhalten, wird der Griechenland-Urlaub wesentlich teurer. Schließlich berechnet ihnen die Reederei zusätzlich zum Stellplatz für ihr Fahrzeug noch den Preis für eine Kabine. Und der ist nicht gerade gering! Ein Beispiel belegt das: Auf der Schnellstrecke von Ancona nach Patras kostete bei Superfast die Deckspassage für Hin- und Rückfahrt in der Nebensaison 104 Euro pro Person. Die günstigste Unterbringung – ein Bett in einem Liegeraum mit gemeinsam zu nutzender Dusche und Toilette – kostet im gleichen Zeitraum für Hin- und Rückfahrt 167 Euro, die Unterbringung in einer Vier-Bett-Innenkabine gar 180 Euro, jeweils pro Person. Noch deutlicher sind die Unterschiede in der Hauptsaison: Statt 163 Euro für die Deckspassage sind in der Vier-Bett-Innenkabine pro Person schon 286 Euro zu zahlen – eine Steigerung um rund 75 Prozent, macht 492 Euro Mehrpreis für eine vierköpfige Familie. Etwas erfreulicher sieht es zumindest bei den kürzeren Routen im westlichen Mittelmeer aus. Bei Moby Lines in Wiesbaden beispielsweise ist von Änderungen auf den Überfahrten nach Sardinien noch nichts bekannt. Doch wer weiß: Vielleicht schlägt ja auch hier noch der angebliche IMO-Blitz ein.

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14. Mai 2004
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