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Ratgeber: 50 Jahre Hymer - S-Klasse

Drahtig sieht der Alte aus, fast schmächtig, ohne ein Gramm Fett am Körper. Fast stechen die Rippen ein wenig aus der einem Käfig ähnlichen Aufbaukonstruktion heraus. Der Senior trägt eine hohe Stirn, guckt etwas streng aus den eng zusammenstehenden Transporteraugen. Er zwinkert mit Mercedes-Blinkern, atmet seine Luft durch die OriginalKiemen des guten alten Transporters 207 D ein. Der Alte ist ein Hymermobil 540 Jahrgang 1979 aus den Gründerjahren der modernen Reisemobile.
Welche ein Kontrast dazu die neue S-Klasse, vertreten durch das Spitzenmodell S 830. Üppig gebaut und doch elegant, mit rundem Wohlstandsbäuchlein, schnittiger Nase und bis ins Detail durchkomponiert. Die S-Klasse kommt mit Metallic-Lack und optischen Spielereien wie kleinen Spoilern unter den Nebellampen frisch von Hairstylist und Maniküre. Neben dem breitschultrigen und bestens eingekleideten Beau aus Oberschwaben wirkt sein Vorfahr wie ein unscheinbarer Verwandter mit mäßig sitzendem Anzug aus dem Regal mit zweiter Wahl.
Indes: „Damals war der toll“, stellt Firmenchef Erwin Hymer zufrieden fest. Und eine Mercedes-Limousine Jahrgang 1979 wirkt heute auch altväterlich, war aber zu ihrer Zeit ein grundsolides Auto von Klasse. Wie das Hymermobil 540. Wer bitte hat 1979 überhaupt schon Reisemobile gebaut? Na also. Und dies hier springt 28 Jahre nach der Endkontrolle, unterschrieben am 15. März 1979, im Anschluss an eine Dieselgedenkminute zuverlässig an. Falls der Fahrer noch weiß, was Vorglühen bedeutet und wie ein Zug­anlasser funktioniert. Die S-Klasse schaut mit ihren großen Mandelaugen ungläubig zu. Na warte, wir sehen uns im Jahr 2035 wieder.
Konstrukteure früherer Reisemobil-Generationen dachten pragmatisch. Die Windschutzscheibe aus dem Lkw-Programm von Mercedes gab’s ebenso an jeder Ecke wie die Leuchten. Außenspiegel an Bügeln zittern nicht. Zwar bieten die Gläser wenig Rückblick, doch was soll’s? Urlauber schauen nach vorn. Und mit 65 PS gibt es nur selten Gelegenheit zum Ausscheren und Überholen. Aber für Fahrten über die Alpen nach Italien, nach Frankreich, Spanien oder Skandinavien. Wenn auch gemächlich, ist das so schlimm?

Falls an der rustikalen Technik mit nahezu unzerstörbarem Taxidiesel und blattgefederter Starrachse vorn jemals etwas kaputt gehen sollte, dann re­pariert’s der Dorfschmied. Derweil verzweifelt sein Mechaniker-Kollege aus der Autowerkstatt beim Blick durch den schmalen Motorschlitz der modernen S-Klasse. Drinnen im 540 ist der Fahrer hinter dem ausladenden Lenkrad Steuermann und Maschinist in einer Person. Er kennt keinen Drehzahlmesser, bedient ein Krummschwert von Schalthebel, Leerlaufregler, Kipp­schalter und eine Fußpumpe für die Scheibenwäsche. Dagegen fehlt in der 830er-S-Klasse mit einer Leistung bis zu 184 PS beim gepflegt-watteweichen Dahinrollen nur noch der Autopilot. Fahrer und Beifahrer nehmen auf wahren Sesseln Platz. Im 540 hocken sie auf Stühlen, befestigt auf simplen Stahlbügeln. Der Begriff „Sitzgestell“ – hier muss sein Ursprung sein.

Doch Obacht, mit schlanken 2,16 Meter Breite und 10,9 Meter Wendekreis schlängelt sich der Alte mühelos durch Engstellen, vor denen die ausladende S-Klasse kapituliert, sich in einen Wendegreis verwandelt. Das neue Modell bringt als Fünftonner auch rund das Doppelte auf die Waage. War da etwa irgendwo ein leises „ätsch“ zu hören? Wohlstand führt zum Bauch, wer wüsste es nicht. Doch wenn schon stehen bleiben, dann bitte in der neuen S-Klasse. Sie bietet den Wow-Effekt eines weitläufigen Appartements mit Einrichtung wie im Edelhotel oder auf einer Luxusyacht. Zwar ist das Holz der zweifarbigen Möbel nicht echter als im Hymermobil 540, doch mit Garderobe und Gläserschrank, mit indirekter Beleuchtung und Details in Chromoptik, mit feinen optischen Schmeichlern wie beleuchteten Kleiderstangen oder glimmen­den Lampen neben den Stufen auf dem Weg ins Schlafzimmer entpuppt sich der Wohnraum als Wohntraum.

Dazu ein Bad mit gläsernem Rundwaschbecken und Armaturen aus Designerhand, eine Duschkabine im Villen-Format auf der gegenüberliegenden Seite des Korridors. Und in der Küche entfaltet sich die S- zur Ess-Klasse. Der Inhalt des Kühlschranks überbrückt mühelos schlechte Zeiten; mit dem Ensemble aus Herd, Backofen und Mikrowelle und chromblitzenden Vorratsauszügen könnte man ein kleineres Restaurant aufmachen. Tec-Tower heißt die spiegelnde Maschinerie.

Alles zusammen fügt sich zu einer Komposition von Luxus mit einem Hauch Verschwendung. Dies ist durchaus so dick aufgetragen, dass die S-Klasse dem stolzen Besitzer bei jedem Blick und jedem Griff entgegenruft, dass sich hier einer für viel Geld etwas Besonderes gönnt. Andererseits ist der Preis mit gut 100 000 Euro nicht so extrem, dass man Scharen von Neidern fürchten müsste. Die S-Klasse als Reisemobil, sie kostet etwa so viel wie eine nett hergerichtete Pkw-S-Klasse von Mercedes. Und darin kann niemand im Urlaub wohnen. Ähnlich sieht die Relation beim Hymermobil 540 aus. Knapp 50 000 Mark, das klingt heute fast wie geschenkt, und entspricht Stand 1979 doch einem ansehnlichen Mercedes 450 SE. S-Klasse und S-Klasse, das hat schon immer gepasst. Im 540 nimmt man auf großen Karos in der Hecksitzgruppe Platz, runde und verzierte Lampen in den Ecken wecken ebenso nostalgische Gefühle wie die dicken rötlichen Vorhänge. Das Teak-Dekor der Möbel galt lange Jahre als modern. Gepolsterte Möbelkanten, typisches Hymer-Merkmal vergangener Generationen, sind auf dem knappen Raum des Oldies von Vorteil. Die Küche gleich neben dem Einstieg ist bestenfalls kompakt zu nennen, als Arbeitsfläche dient die aufgeklappte Abdeckung der Spüle. Doch Hand aufs Herz: Wer benötigt häufig mehr als zwei Flammen? Und über 50 oder 60 Liter inklusive Eisfach muss ein Kühlschrank auf Reisen nicht fassen.

Der Purismus früherer Zeiten zeigt sich auch im Bad. Die großgemusterte Tapete – zum Davonlaufen. Doch Vorsicht, irgendwann richtet jemand über den Geschmack des Jahres 2007. In der Ecke versteckt sich eine tragbare Toilette. Waschbecken, Duscheinrichtung mit Warmwasseranlage, an der Tür eine mächtige Schwallwand gegen Überschwemmungen – kompakte Bäder in modernen Mobilen bieten nicht viel mehr, sehen nur zeitgemäßer aus. Und verlangen im Vergleich einen Aufwand beim Putzen ... Gewandelt hat sich die Ausstattung. Weit strahlendes Bi-Xenon-Licht bietet die neue S-Klasse serienmäßig, 30 Jahre zuvor kosteten bereits H4-Lampen Aufpreis. Rollos als Mückenschutz und Verdunkelung waren ebenfalls extra. Was ein Radio mit CD-Spieler ist, konnte damals keiner wissen, aber den Fernsehmast mit Antenne, den hat man sich ge­gönnt. Auch wenn es nur drei Programme gab – abends flimmerte pünktlich um 20.00 Uhr Karl-Heinz Köpcke durch die Tagesschau, im Anschluss klärten Kommissar Trimmel oder Oberinspektor Marek im „Tatort“ auf, Schimanski gab’s noch nicht. Der Tatort Reisemobil hat sich in knapp 30 Jahren enorm verändert. Doch Fahren, Sitzen, Kochen, Essen, Waschen, Schlafen, das klappte auch damals, und nicht mal schlecht. „Da ist doch alles dran“, stellt Erwin Hymer angesichts des 540 mit väterlichem Stolz in der Stimme anerkennend fest. Tauschen jedoch, tauschen würde trotzdem niemand die perfekte junge S-Klasse von 2007 gegen den Alten Jahrgang 1979. Auch wenn’s ein verflixt guter Jahrgang war.

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Datum

19. Januar 2007
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