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Ratgeber: 50 Jahre Hymer - Porträt

50 Jahre Reisemobile und Caravans von Hymer. Hinter dem Erfolg steckt ein Name: Erwin Hymer.

Der Mittsiebziger marschiert mit flottem Tempo durch die Fabrik. Während des Gehens schweifen die Augen aufmerksam nach links und nach rechts. Falkenaugen, denen so schnell nichts entgeht. Prüfende und genaue Augen, die im Gespräch das Gegenüber prä­zise fixieren, die Augen eines Ingenieurs.
Erwin Hymer lässt sich kein X für ein U vormachen. Dafür hat der große Mann der europäi­schen Reisemobil- und Caravan­branche zu viel erlebt, zu viel bewegt. 76 Jahre ist er, hat vor kurzem zwei neue Hüftgelenke eingesetzt bekommen. Fährt sich mit gespielter Koketterie beim Fototermin über das schüttere Haupthaar. Und hüpft unter den erschreckten Blicken seiner Umgebung munter von dem Stapel Paletten hinunter, den er auf Geheiß des Fotogra-fen bestiegen hatte.
Dann geht’s hoch hinauf auf einer Außentreppe bis fast zum Dach der neuen Produktionshalle am Stammsitz in Bad Waldsee. Ein Sinnbild: 50 Jahre nach dem Bau des ersten Eriba-Caravans, dem so genannten „Ur-Troll“, ist Erwin Hymer wieder einmal auf einem Gipfel angelangt. Hier oben pfeift ein scharfer Winterwind, einen Erwin Hymer ficht das nicht an, weder wörtlich noch im übertragenen Sinn.
Hymer weiß, wo oben ist. Er kennt die Mühseligkeit des Auf-stiegs, weiß um die Gefahr eines Absturzes, kalkuliert Risiken. Während das Jubiläumsfieber seine Firma erfasst, macht sich Erwin Hymer nicht viel daraus. „Wir haben immer gearbeitet, und jetzt arbeiten wir weiter“, stellt er nüchtern fest. Da ist er, der Ingenieur, der Schwabe, ein Schaffer, wie man im Süddeutschen sagt.

Aber kein Asket, feiert gern, gönnt sich was. Er, der den Handwerksbetrieb des Vaters Alfons Hymer in ein europa­-weit agierendes Firmenimperium verwandelt hat. Rollt am Steuer einer feinen S-Klasse ins Büro, wohnt in einem schicken Heim, nennt am nahen Bodensee ein noch schickeres sein Eigen. Und isst mittags ganz selbstverständlich mitten unter den Arbeitern in der Werkskantine, reiht sich in die Schlange vor der Essensausgabe ein, meldet geschäftig den Besuch an der Kasse an, damit auch ja nichts schief geht. Ein Patriarch alter Schule, Erfolgsmann mit Bodenhaftung, keiner dieser Ackermänner oder Essers. Die S-Klasse krönt nicht nur als Pkw den Fuhrpark. Tradi­tio­nell führt sie ebenso die Flot­te der Reisemobile an, Hymermobil S-Klasse heißt seit Jahrzehnten die Hymer-Spitzenbaureihe. Das führt mitunter zu Konflikten mit der Marke mit Stern, die penibel auf Namensrechte achtet. Vor einiger Zeit bot ein Vor-stand des Automobilriesen Er-win Hymer einen Vertrag über die Namensrechte an. Hymer grinst verschmitzt, er erkannte die vergiftete Offerte sofort: Verträge enden irgendwann, dann wäre er die Hymermobil S-Klasse für immer losgewesen. „Ich bin immer nur der Tech­niker gewesen“, stellt Erwin Hymer sein Licht gern unter den Scheffel, doch ein rechter Schwabe ist stets sein eigener Finanzminister, Controller und gewiefter Verhandlungsführer. Passend dazu ist das Büro des Mehrheitsaktionärs und Aufsichtsrats der Hymer AG zwar großzügig gestaltet und gediegen eingerichtet, aber beileibe nicht protzig. Hinter dem Schreibtisch hängt ein großes Ölbild vom ersten Caravan, die Szene spielt am Bodensee. „Das hat der Erich Bachem gemalt“, betont Erwin Hymer. Zusammen mit Bachem, des­sen Namenskürzel „Eriba“ heute noch die Caravans schmückt, startete das Geschäft mit den Caravans 1957.

Heute haben längst Reisemobile die Oberhand gewonnen. Einen ersten Versuch startete Hymer 1961 mit dem Caravano, einem Campingbus auf Borgward-Basis. Zehn Jahre später wagte Hymer den zweiten Anlauf. Anlass bot ein Urlaubserlebnis: „Wir waren in Frankreich unterwegs, hatten endlich ein kleines Hotel in Monaco gefunden, sind dann jeden Tag mit dem Auto hin- und hergefahren. Das muss man anders machen, habe ich mir gedacht.“ So erfindet man Reisemobile, deshalb gelten Schwaben als Tüftler. Von Beginn an lag die Priorität Erwin Hymers bei Integrierten, „ich habe gesagt, wir bauen ein richti­ges Fahrzeug“. Hatte Hymer doch zuvor in jungen Jahren den Dornier Delta entwickelt, ein winziges Auto mit bis zu sechs Sitzen, Familienkutsche, rollende Einkaufs­tasche. Und Freizeitfahrzeug: Die zwei Sitzbänke verwandelten sich im Handumdrehen in eine Liegefläche. Neben Einfallsreichtum, Urteilskraft und einer ausgeprägten Ader fürs Finanzielle zählen zu den Eigenschaften Erwin Hymers auch Tempo und Zähigkeit. Siehe Brand des Werks im Jahr 1968: „Mittwochs bran­n­-te die Fabrik ab, am Samstag lagen die Baupläne vor, am Montag war die Baugenehmigung erteilt.“ Das nennt man Unternehmertum. Es kennzeichnet die Firmengruppe mit ihren zahlreichen Marken und ausgesuchten Vorständen und Geschäftsführern auch heute. Man schaue sich nur das Jahr 2006 an: Die riesige Fertigungshalle mit 24 000 Quadratmetern in Bad Waldsee gebaut, die Tochtermarke Carado mitsamt Fertigungsstätte nahe Dresden ins Leben gerufen, das imponierende Verkaufszentrum Expocamp in Wertheim/Main eingeweiht, in einem Rutsch alle Reisemobile erneuert. Probiert Hymer die eigenen Caravans und Reisemobile aus? „Aber sicher, nur habe ich dafür zu wenig Zeit.“ Man glaubt’s, ein Erwin Hymer hat es eilig auf dem Weg zum nächsten Gipfel, selbst wenn er sich inzwischen in reifen Jahren manche Pausen nimmt. Fürs Tagesgeschäft sind die Manager zuständig. Doch ein Erwin Hymer mischt sich weiter mit der ihm eigenen Beharrlichkeit ein, schaut nach dem Rechten, hält mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg. Äußerlichkeiten wischt Erwin Hymer beiseite. Inhalt zählt, nicht Verpackung. Wohl deshalb hat er nicht bemerkt, dass die Bügel seiner Brille drei Aussparungen zeigen, sie entsprechen exakt den Streifen im Hymer-Markenzeichen. Das haben die Falkenaugen übersehen.

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20. Januar 2007
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