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Ratgeber: 100 000. Hymer-Reisemobil

Jubiläum: Ende Oktober rollte das 100 000. Hymer-Reisemobil vom Bad Waldseer Band. Eine Zeitreise.

Der Schwabe, so heißt es, werde erst mit 40 schlau. Bei Erwin Hymer, einem waschechten Oberschwaben, muss die Zeit deutlich schneller vergangen sein. Denn der Sohn des Firmengründers Alfons Hymer und heutige Aufsichtsratsvorsitzende der Hymer AG war schon mit 27 schlau. Flugzeug-Ingenieur und Automobilnarr Hymer tüftelt zusammen mit Erich Bachem an einem Wohnwagen: Der Ur-Troll, ein kleiner Wohnwagen mit aufstellbarem Dach, erblickte 1957 das Licht der Welt. Konstrukteur: Erwin Hymer. Seine Mitstreiter: Raketenbau-Pionier Erich Bachem, der den Eriba-Wohnwagen aus dem Hause Hymer bis heute seine Initialen gibt, und Bernhard Jehne, bis zu seinem Tod im Sommer 2004 einer von Erwin Hymers engsten Mitarbeitern. Mit dem Ur-Troll, den Hymer auf Wunsch seines Vaters im Auftrag von Bachem fertigt, nimmt eine Erfolgsgeschichte ihren Lauf, wie sie nur in den Zeiten des deutschen Wirtschaftswunders der 60er ablaufen konnte. Im ersten Produktionsjahr entstehen schon 167 Caravans, schnell rollt ein Wohnwagen pro Tag vom Band, 1959 sind es bereits 455 Stück, ein Jahr später sogar doppelt so viele. Das Caravan-Geschäft boomt. Doch Autofan Erwin Hymer hat einen Traum: den vom motorisierten Wohnwagen. Vier Jahre nach dem Caravan zeigt Hymer folgerichtig sein erstes Reisemobil, den Caravano. In den für damalige Zeiten teuren Borgward-Ausbau (das Basisfahrzeug 10 910 Mark, der Ausbau 6800 Mark) mit wahlweise 42-PS-Diesel oder 60-PS-Benziner integriert Erwin Hymer sein vom Caravan bekanntes Hubdach. Exotisches für eine in diesem Jahrzent des Aufbruchs exotische Fahrzeuggattung: Das Kraftfahrt-Bundesamt weist zu dieser Zeit einen Bestand von gerade einmal 209 Reisemobilen in Deutschland aus. Die meisten davon tragen das VW-Logo und beherbergen einen Westfalia-Ausbau. Doch die Caravano-Historie soll eine kurze Episode bleiben: Nach nur drei Reisemobilen legt Hymer das Thema Ende 1961 ad acta. Unfreiwillig, denn die Bremer Borgward-Werke schlittern in den Konkurs. Jungunternehmer Erwin widmet sich fortan besonders dem stark wachsenden Wohnwagengeschäft und bastelt bereits an seinem Firmenimperium. Getreu seinem urschwäbisch geprägten Motto „Die beste Versicherung für die Zukunft sind heute schon gute Zahlen“ kauft Hymer seinem ehemaligen Arbeitgeber Dornier eine Aluminiumleitern-Fertigung ab. Fortan hat er zwei Standbeine, die er im Laufe der Jahrzehnte erweitert. Heute ist der 1930 Geborene Mehrheitseigner der Hymer AG mit den Marken Hymer, Bürstner, Niesmann + Bischoff und Laika. Die Marken Dethleffs, TEC und LMC gehören Erwin Hymer ebenfalls noch. Das Jahr 1968 beendet die Erfolgsstory des Wohnwagenbaus in Bad Waldsee abrupt. Ein Großbrand vernichtet am 13. März fast die gesamte Firma. Produktionsanlagen, das Materiallager und alle gerade gebauten Fahrzeuge werden ein Raub der Flammen. Das Ende? Mitnichten. Die Produktion geht ohne Unterbrechung weiter, zum Teil unter freiem Himmel. „Hymer ist in diesem Jahr eine Familie geworden“, sagt Erwin Hymer im Oktober 2004 über diese turbulente Zeit. Zehn Jahre nach dem Caravano aber nimmt Hymer einen zweiten Anlauf aufs Reisemobil. Seine Caravan-Geschäfte boomen, mittlerweile sogar international, die Jahresproduktion erreicht die 3000er-Grenze. Da unternimmt Hymer den, wie man heute weiß, wichtigsten Schritt zum Erfolg: 1971 präsentiert er das erste „echte“ Reisemobil von Hymer, das Hymermobil 550 mit 7,40 Meter Länge. Später Inbegriff für die Integrierten aus Bad Waldsee, steht Hymermobil beim Erstling jedoch für einen Teilintegrierten. Er besteht aus einem Wohnwagen auf einem Mercedes-Transporter L 508. Das in Einzelfertigung gebaute Fahrzeug kostet 38 900 Mark – und wird sehr schnell zum Renner: 1973 und ’74 verlassen jeweils etwa 100 Hymermobile Bad Waldsee. Schon 1974 kann Erwin Hymer eine eigene Fertigungsstraße für Reisemobile in Betrieb nehmen, auf der auch das zweite Reisemobilmodell hergestellt wird, das Hymermobil 462. „Damit wollten wir Leute mit weniger Geld locken“, erinnert sich Erwin Hymer. Der 462, ein schickes Fahrzeug, mit 2,8 Tonnen Gesamtgewicht deutlich leichter als der 550 und zudem einen Meter kürzer. Ein Fahrzeug zudem, das Erwin Hymer noch gerne fahren möchte: „Die Sechs-Meter-Klasse, die ist mir die liebste.“ Das sagt einer, der auch heute noch jedes Fahrzeug aus seinem Haus aus dem Effeff kennt und „immer was verändern möchte“, wie die Ideenmaschine Erwin Hymer gerne zugibt. Mit der Einrichtung des Reisemobilproduktionsbands im Jahr ‘74 verfolgt Hymer eine Idee, die dem Unternehmen den endgültigen Durchbruch bringt: der Integrierte. Die Königsklasse des Reisemobils, bei der das Fahrerhaus komplett in den Wohnraum einbezogen ist, besetzt Hymer konsequent, zuerst mit den Modellen Hymermobil 660 und 720, später mit 620 und 520. Charakteristisch ist ihr „Hymer-Gesicht“ mit der geteilten Windschutzscheibe. „Es beginnt die Zeit, in der das Wort Hymermobil zum Syno-nym für das Reisemobil wird“, heißt es über die späten siebziger Jahre in der Hymer-Chronik von Adi Kemmer und Randolf Unruh (siehe Foto rechts).
Die Jahresfertigung liegt damals bereits bei über 1000 Reisemobilen. Kein Wunder, der Markt wächst gigantisch schnell, zudem gibt es eine stattliche Zahl an Innovationen. Eine davon ist das Hymermobil 521 aus dem Jahr 1976, ein Integrierter auf Bedford, in dem Hymer erstmals ein absenkbares Doppelbett einbaut. Dieses mit 36 000 Mark vergleichsweise günstige Fünf-Meter-Modell habe dem Reisemobil in Deutschland den Durchbruch gebracht, glaubt Erwin Hymer. Denn: Vier Personen finden in dem kompakten Fahrzeug einen Schlafplatz. Noch vor den 80ern entwickelt Hymer sein bis heute einzigartiges System des Wand-aufbaus, die Pual-Bauweise. Pual steht für Polyurethan und Aluminium und bezeichnet eine Fertigungsweise, bei der die Wände ausgeschäumt und mit Metallprofilen verstärkt werden. Der Aufbau nimmt also keine Feuchtigkeit auf und verfügt über gute Isolationswerte, weil kaum Kältebrücken entstehen können. Auch die Präsentation des Hymermobils 900, eines Luxusfahrzeugs mit typisch amerikanischer Optik, fällt in dieses Jahrzehnt. Noch sind die 80er Jahre nicht angebrochen, gelingt mit der S-Klasse ein weiterer Hymer-Coup, dem ein Jahr später ein Geniestreich folgt: die B-Klasse, der Volkswagen unter den vollintegrierten Reisemobilen und bis heute die erfolgreichste Baureihe des Hauses. Eine Erfolgsgeschichte, aber keine ohne Makel. 1993 präsentieren die Hymer-Vorstände Hans-Jürgen Burkert und Claus Pacchiaffo (Bild oben) in promobil Zeichnungen der E-Klasse, mit der Hymer das Beste von S- und B-Klasse vereinen möchte. Ein Jahr später wird die Baureihe präsentiert, verschwindet aber schnell wieder. Ein Streit mit Mercedes um den Begriff E-Klasse stoppt Hymer. Der steckt auch diese Niederlage weg. Das Cleverle hat bis heute andere Überraschungen parat ...

Die erfolgreichsten Hymer-Linien

Erfolg lässt sich am besten in Prozentzahlen messen. Wer also ist der Erfolgreichste im Hymer-Land? Sind es die Integrierten, mit denen Erwin Hymer der Durchbruch gelang und deren Typus er berühmt machte, oder liegen die Alkovenmodelle aus Bad Waldsee um Nasenlänge vorn? „Die Integrierten machen drei Viertel der Verkaufszahlen bei Hymer aus“, so heißt es nahezu unisono, wenn man Experten befragt. Ein Trugschluss: Die Integrierten, also B-Klasse, B-Classic (auf Fiat und Mercedes), B-Starline, E-Klasse, S-Klasse und die im französischen Hymer-Werk produzierten Eriba-Jet-Modelle, bilden jedoch „nur“ knapp 50 Prozent der bisher produzierten 100 000 Hymer-Reisemobile ab. Besser als gedacht sieht es dagegen mit den Alkoven-Anteilen von Camp, Camp GT und Camp Starline am Hymer-Erfolg aus: Gut 40 Prozent der bislang gebauten Fahrzeuge der Hymer-Flotte hatten eine Nase überm Fahrerhaus. Das ist dem großen Anteil an Alkoven-Fahrzeugen im Vermietgeschäft zuzuschreiben (siehe dazu auch Beitrag auf Seite 72). Die letzten zehn Prozent des 100 000er-Kuchens teilen sich die Teilintegrierten von Hymer und Eri-ba (ca. 7,5 %) sowie die nicht mehr gebauten Kleinfahrzeuge wie Hymercar oder Hymervan.

Feiern mit B- und Camp-Classic

Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus. Erst deutlich nach dem Stapellauf des 100 000. Hymer-Reisemobils darf die Fangemeinde der Marke aus Bad Waldsee mitfeiern – zur Stuttgarter Fachmesse CMT (15.–23. Januar 2005) wird Hymer zwei Sondermodelle zum Jubiläum präsentieren. Gedacht ist derzeit an den Integrierten B-Classic, der zur Saison 2004/2005 außen stärker gerundet auftritt und innen das Ambiente der B-Klasse erhielt. Sondermodell Nummer zwei ist ein Alkoven: der Camp-Classic, Inhaber einer Dauerkarte auf dem Podest bei der alljährlichen promobil-Leserwahl. Grundrisse stehen noch nicht fest.

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Datum

11. Dezember 2004
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