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Hymer und Mercedes auf dem Timmelsjoch

Fahrbericht des Hymer ML-I und ML-T 4x4

Timmelsjoch Foto: Mercedes Benz 27 Bilder

Wenn es auf tief verschneite Alpenpässe geht, und das mit einem Wohnmobil, verspricht die Geschichte durchaus Nervenkitzel. Wir fuhren gemeinsam mit Hymer und Mercedes Benz auf das Timmelsjoch.

13.12.2016

Im Winter aufs Timmelsjoch zu fahren, ist eine ganz besondere Herausforderung. Und eine besonders exklusive obendrein. Denn üblicherweise schließen die Behörden den Alpenpass, der Österreich und Italien verbindet, von Oktober bis Juni, weil die Schneeverhältnisse die Überquerung gefährlich, wenn nicht gar unmöglich machen. Für unsere Testfahrt mit einem Hymer-Wohnmobil auf dem Mercedes Sprinter dürfen wir allerdings hoch. Mit Ausnahmegenehmigung – die Daimler-Kollegen aus der Pkw-Sparte haben hier in der Woche zuvor das neue E-Klasse-Modell All-Terrain vorgestellt – und dazu die Strecke soweit räumen lassen, dass zumindest die Fahrspur wieder erkennbar ist. Links und rechts davon türmen sich einen guten halben Meter hoch die Schneewände. Mit einem Wohnmobil hat dieses Abenteuer noch niemand gewagt. Nicht wagen dürfen: akute Lawinengefahr. Allerdings nicht heute. Kein Neuschnee seit Wochen – die Skipisten-Betreiber im Ötztal stöhnen schon – und die Sonne lacht vom Himmel, als hätte sie nur auf uns gewartet. 

Timmelsjoch
Hymer und Mercedes auf dem Timmeljoch 2:14 Min.

Mit Hymer ML-I und ML-T aufs Timmelsjoch

Wir sind gespannt, wie sich der Allrad-Hymer, ein ML-I 580, auf Schnee und Eis schlagen wird. Für mehrere seiner Modelle auf dem Mercedes Sprinter bietet Hymer den zuschaltbaren Allradantrieb an. Neben dem schmalen Integrierten ML-I 580 auch dessen teilintegriertes Pendant ML-T (560, 580) sowie den Campingbus Grand Canyon S. Für den besonders kurzen Van S, den großen Starline sowie die ML-Varianten mit kurzem (540) und langem (620, 630) Radstand ist der Allradantrieb nicht verfügbar. Mit gut 11.000 Euro extra schlägt die traktionsfördernde Maßnahme bei Hymer zu Buche, was den ML-I 580 leicht über die 100.000-Euro-Marke drückt. Knapp 12.000 Euro sind es mit Getriebeuntersetzung. 

Damit wird aus dem Wohnmobil natürlich kein Offroader, doch allein die vorn um 110 mm und hinten um 80 mm angehobene Karosserie macht das Fahren abseits asphaltierter Wege wegen der deutlich größeren Bodenfreiheit stressloser und weist bereits optisch auf die verbesserte Geländetauglichkeit hin. Auch der Einstieg liegt dann ein merkliches Stück höher, zumindest beim Integrierten hilft allerdings eine speziell angepasste Trittstufe darüber hinweg. Das Mehrgewicht von 150 Kilo muss man verschmerzen können, entweder durch den Verzicht auf eine Nutzung mit mehr als zwei Personen oder eine Auflastung von 3,5 auf 3,8 oder 4,05 Tonnen Gesamtgewicht – mit Blick auf die Zuladungsreserven vermutlich die bessere Alternative. Das Untersetzungsgetriebe "Low Range" verkürzt die Übersetzung um 42 Prozent. Konkret reduziert sich die Maximalgeschwindigkeit in den einzelnen Gängen, gleichzeitig steigt die Zugkraft. Das Sprinter-Wohnmobil kann nun kupplungsschonend mit niedrigem Tempo gefahren werden. Gerade bei unsicheren oder sehr wechselhaften Gripverhältnissen eine willkommene Hilfestellung. Es braucht nicht viel, um zu erkennen, dass vor allem auch Wintercamper von dem Plus an Traktion und Fahrsicherheit besonders profitieren. 

Trotzdem ist die "Mission Timmelsjoch" nun wirklich kein gewöhnlicher Wochenendausflug. Unten im Ötztal liegt allerdings kein Flöckchen Schnee mehr. Deshalb bleibt der Allrad ausgeschaltet. Dank der famosen Sprinter-Heizung wird’s schnell gemütlich im Cockpit. Weil es (noch moderat, aber) stetig bergauf geht, hält die optionale 5-Gang-Wandlerautomatik die Fahrstufen lange. Es liegt auch daran, dass der 163-PS-Motor immer so klingt, als müsse er richtig arbeiten. Tut er ja auch, und zwar so gut und kraftvoll, dass man selbst lieber ein wenig früher hochschalten würde. Die modernere, flinkere 7-Gang-Automatik ist nur für den Hecktriebler und nicht für den Allrad-Sprinter verfügbar. Weiter hinten im Ötztal wird es kurviger. Der Asphalt ist trocken und schwingt sich sanft ansteigend bergauf – in Kurven, die man gern noch etwas flotter angeht. Umso erstaunlicher ist, wie wenig ein so hochbeiniges Auto wie der 4x4-ML-I wankt. Die Fahrwerksabstimmung, mit speziellen, etwas strafferen Dämpfern für die Allradversion, geht als gelungen durch. Keine Einschränkung im üblichen Reisebetrieb also gegenüber dem Hecktriebler, was heißt, die Fahrt über Sölden Richtung Joch verläuft entspannt, ohne Zwischenfälle und dank sehr guter Dämmung der Motorgeräusche angenehm ruhig. Der ML-I ist ein komfortabler Reisewagen. 

Schnell nähern wir uns dem Ziel. Hinter Obergurgl geht’s scharf links ab Richtung Timmeljoch. "Keine Überfahrt nach Italien" verkündet ein Schild. Die ersten Kehren. Noch kein Bedarf für zwei zusätzliche angetriebene Räder. Bis zur Mautstation am Crosspoint auf 2200 Meter Höhe ist der Asphalt frei. Doch das ändert sich bald. Wir halten kurz, um den Allrad zuzuschalten. Das klappt beim Sprinter im Stand oder bis 10 km/h. So munitioniert passieren wir die Station, ein Mensch öffnet das Schiebetor, wir rattern über ein Viehgatter in der Straße. Hinter dem Pacecar her die Ötztalstraße runter bis zum Windeck und dann scharf rechts rum ins Timmelstal. Hier verändern sich die Verhältnisse oft ganz plötzlich und das ist auch heute so. Sturzbäche über die seitlichen Felsen sind zu riesigen Eiszapfen erstarrt. Einer hat eine Barriere über die ganze Fahrbahnbreite geschaffen. Schnee überzieht die Straße, doch das ist nur die halbe Wahrheit. Darunter, zu einem steinharten Waschbrett gefroren eine geschlossene Eisdecke. Allein die spontan auftretenden Vibrationen im Cockpit mahnen dazu, das Tempo zu drosseln. Wer plötzlich bremst, spürt sofort das ABS im Regelmodus, was nur eines bedeuten kann: Die Straße ist spiegelglatt. Obwohl der Hymer-Integrierte gut beherrsch- und vor allem lenkbar bleibt, nimmt man Tempo besser behutsam raus. 

Vollgas mit dem Wohnmobil auf dem vereisten Pass

Umso mehr überrascht die Ansage der Instruktorin im Pacecar. "Und da vorn an der zweiten Markierung bleiben wir kurz stehen und beschleunigen dann mal mit Vollgas." Als eines der Räder kurz durchdreht, versetzt es den Hymer für einen Wimpernschlag Richtung Schneewand. Doch augenblicklich regelt die Elektronik die Antriebskraft vom Rad ohne Haftung weg. 4-ETS nennt Mercedes das System, das beim Allrad-Sprinter das Drehmoment individuell auf die Räder verteilt. Es baut auf dem ESP auf und bremst wie dieses durchdrehende Räder selektiv ab. Führung und Vortrieb liegen so immer bei den Gummis, die (mehr) Haftung haben. Gusseiserne Offroader werden ein mechanisches Differenzial vermissen, doch unser Sprinter gibt sich keine Blöße. Stoisch zieht er den ML-I bergauf, selbst als es steiler wird. Wenn überhaupt greift die Elektronik blitzschnell und kaum merklich ein, sofern man den Wagen nicht mit plötzlichen Lastwechseln provoziert. Was bei diesen Verhältnissen allerdings sehr unvernünftig wäre. Physik bleibt Physik, und ein Reisemobil ist per se ein schweres Gefährt. Wenn diese Masse mal ins Rutschen kommt, kommen selbst ABS und ESP an die Grenzen. Also langsam um die Kehren, aber nicht den Schwung verlieren. Das Ganze funktioniert so unspektakulär, dass man nach der zweiten, dritten Kehre fast ein wenig den Respekt verliert vor den Kurven und überhaupt den ganzen hochalpinen Verhältnissen. 

Kehre für Kehre schrauben wir uns auf fast 2500 Meter hoch. Oben, wo Betonkunst in Form eines riesigen Röhrenfernsehers den höchsten Punkt und gleichzeitig den Grenzübergang von Tirol nach Südtirol markiert ist dann leider doch Schluss. Die Abfahrt nach Süden ist tief verschneit. Die Auffahrt hat großen Spaß gemacht, auch wenn wir die Aussicht nur mit einem Auge genießen konnten. Und offen gestanden – auch wenn es etwas schwer fällt das zu sagen – erforderte die "Mission Timmelsjoch" noch nicht einmal besonders fahrerisches Geschick. An Bord des Hymer ML-I hielt sich die Herausforderung so sehr in Grenzen, dass man sich kurz fragt, wie sich wohl ein Front- oder Hecktriebler im Vergleich geschlagen hätte und ob man Allrad überhaupt braucht, bis zu dem Moment, in dem man aussteigt und gerade noch den Türgriff zu fassen bekommt, bevor man der Länge nach hinschlägt. Ach ja, fast vergessen. Es war ja glatt. 

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