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Unterwegs mit Peter Linder: Ich liebe den Ducato

Handy am Ohr, italienische Worte, schraubstockartiger Händedruck. Doch jetzt geht Dottore Ducato Peter Linder.  Der Fiat-Großkundenbetreuer legt nach 30 Jahren den Zündschlüssel aus der Hand.

Ernste Miene zur Begrüßung: „Mir geht’s schlecht.“ In Italien streiken Spediteure, blockieren die Auslieferung von Ducato-Fahrgestellen. Bei deutschen Reisemobilherstellern steht die Produktion still. Schlecht für die Branche, für Fiat, für Großkundenbetreuer Peter Linder. Er macht den Job seit 30 Jahren, ist eine Instanz, ach was: die Instanz. Auch wenige Tage vor dem Ruhestand steht der knapp 61-Jährige unter Strom.

Dann das Umschalten: Plötzlich gleitet sein entwaffnendes Lächeln auf das markante Gesicht, es folgen der typische Schraubstock-Händedruck, italienische Einsprengsel. Linder zerrt zu einem Ducato, freut sich an Details wie dem neuen Schloss für die Ablage in der Mittelkonsole. Über dem Fiat-Auslieferungslager im badischen Kippenheim steht die Frühlingssonne hoch wie die Ducato-Marktanteile in der Statistik. Der Fiat erreicht bei Reisemobilen die Zwei-Drittel-Mehrheit. Linders Mehrheit.
Leidenschaft ist Markenzeichen des gebürtigen Badeners. Bei der Marke mit dem Stern lernt er Kfz-Schlosser. Techniker- und Meisterprüfung folgen. Neugier und Jobs ziehen Linder in jungen Jahren bis nach Berlin. Dann geht’s aus familiären Gründen in die Nähe von Heilbronn. Mercedes-Jobs gibt’s da keine, aber Fiat braucht einen Mitarbeiter für „Kodifizierung von Garantie-Anträgen“.
1982 sucht Fiat einen technisch Kundigen für den Vertrieb des neuen Ducato. „Ich habe mich mit Händen und Füßen dagegen gewehrt.“ Doch es wird sein Glück. Der Ducato, die Reisemobilbranche und Peter Linder, das ist eins. „Ich bin ein ganz schlechter Verkäufer“, sagt er. Aber er ist ein exzellenter Servicemann: „Du musst die Schuhe Deiner Kunden anziehen, die Kunden verstehen, ihre Interessen im Konzern durchsetzen.“ Am Anfang nicht einfach: Faxe und Anrufe gehen in Turin ins Leere, niemand interessiert sich für seine Wünsche. Doch das Blatt wendet sich: „Mai mollare“ lautet sein Credo - nie aufgeben. Er lernt italienisch, baut Kontakte auf nach Turin und ins Werk. Und so wachsen der Ducato und die Reisemobilhersteller gemeinsam. Nur Linder bleibt immer der, der er war.


Rückblende 1990: Ein Fiat-Kundendienstchef missversteht eine Leser-Veranstaltung von promobil als PR-Vortrag. Mittendrin steht Peter Linder auf, übernimmt. Es hätte ihn den Kopf kosten können - es bringt Fiat Sympathien.
Über ihm kommen und gehen die Transporter-Vertriebsleiter. Mehrmals will man ihn auf den Chefsessel hieven, Linder lehnt ab: „Mir lag und liegt die Reisemobilbranche zu sehr am Herzen.“ Rückblickend ist der Verzicht auf Karriere ein Segen: „Ich habe Recht gehabt.“ Seine Aufgabe ist ihm auf den Leib geschnitten.

Knapp 1000 Einheiten erzielt Linder im ersten Reisemobiljahr 1983. Heute sind es 20 000 Ducato und mehr. „Das ist die liebenswerteste Branche, die es auf der Welt gibt“, stellt er warmherzig fest. Man nimmt ihm solche Sätze ab, Glaubwürdigkeit und Herzlichkeit gehören zu seinem wichtigsten Kapital. Er kann zuhören, nimmt sein Gegenüber ernst. Man fühlt sich gut aufgehoben, selbst Fragen nach Gesundheit und Privatleben sind nie Floskeln.

Und Linder kümmert sich. Typisch: Gestrandete Reisende rufen ihren Vermieter an, der den Reisemobilhersteller, der Hersteller ihn, er wieder die Urlauber. Und hilft. „Das macht kompetent“, lernt er gern dazu. Das größte Problem in 30 Jahren: die benötigten Fahrgestelle heranschaffen, nicht nur in Zeiten von Streiks. Vor allem während Modellwechseln, „das hat mich meine Frisur gekostet“, lacht Linder.
Erfolge zähen Nachbohrens in Turin für die Reisemobilszene: Automatikgetriebe, Radstände, Dachausschnitte, Flansche für Alko-Fahrgestelle, Breitspur-Fahrwerke und vieles mehr. „Fiat hat inzwischen einen ganzen Blumenstrauß von Wünschen umgesetzt.“
Vom Ducato 1994 war er auf Anhieb begeistert: „Da war das Herz über der Schädeldecke. Ich wusste: Das ist die Zukunft.“ Anders 2006: Lange vor dem Modellwechsel fliegt er mit Branchengrößen nach Italien, Prototypen begutachten. Doch der Neue gefällt weder den Reisemobilbossen noch ihm. Für Änderungen aber ist es zu spät. „Da habe ich einen Schutzengel gehabt“, gesteht Linder, denn das mutige Konzept entpuppt sich als Treffer. „Er hat die Augen von Gina Lollobrigida“, strahlt er heute halb ernst, halb spaßig über seinen Ducato, den „Duci“.

Gibt’s Probleme, wählt er direkte Wege: „Du musst wissen, wer im Werk fürs Produkt, für Technik und Qualität verantwortlich ist.“ Der Erfolg spricht für ihn: Dieses Jahr wird Fiat den 400.000. Ducato an deutsche Reisemobilhersteller liefern. „Darauf bin ich schlicht und einfach stolz.“ Jeder vierte Ducato wird in Frankfurt fakturiert.

Rückblende 2006. Besuch im Ducato-Werk Sevel. Linder kennt jeden, weiß, wem man mit einem Mitbringsel oder mit einigen Worten eine Freude macht. Und damit gutes Wetter. Vor 16 Jahren ist die deutsche Fiat-Zentrale von Heilbronn nach Frankfurt gewechselt. Seither ist Linder Wochenendpendler. Montags um 6.00 Uhr früh weg, freitags um 20.00 Uhr zuhause. Eine harte Zeit für ihn, der kein Stadtmensch ist. Seit einem Jahr kann er viel vom heimischen Büro arbeiten. Blüht spürbar auf. Stets energisch und anpackend im Laufschritt unterwegs, nimmt er wieder zwei Treppenstufen auf einmal.

Rückblende 2010. Podiumsdiskussion auf der Messe CMT in Stuttgart. Es geht um Partikelfilter-Nachrüstung. Im Anschluss beantwortet Linder geduldig im Zwiegespräch eine Vielzahl von Leserfragen. Dem Ruheständler wird nicht langweilig werden. Drei Enkel warten. Im Gepäckraum liegen ein mächtiger Vorschlaghammer und eine Axt, das Grundstück für den anstehenden Hausbau muss aufgeräumt werden. Vor längerer Zeit hat Linder sein Akkordeon wieder entdeckt, damit geht’s im Hause Linder volkstümlich zu. Das Motorrad soll Kilometer bekommen, auch das Mountainbike. Die Inliner, auf denen er so oft durch Frankfurt gerollt ist. Und dann wäre da das Rennrad. Italienisches Fabrikat, Campagnolo-Schaltung, was sonst.
Der nächste Caravan-Salon? „Das wird schwer. Es täte weh, hinzugehen und nicht dazuzugehören.“ Die Alternative heißt Gargano in Süditalien. Dort hat er im vergangenen Herbst während eines Reisemobilurlaubs einen Traum-Stellplatz auf einem Plateau über dem Meer entdeckt. Im eigenen Reisemobil, die Marke wird ausgeklammert.
Zum Abschied bricht es noch einmal aus Peter Linder heraus wie der Korken aus einem spritzigen Spumante: „Ich liebe diese Branche, ich liebe den Ducato, was kann man da falsch machen?“ Stimmt.

Autor

Foto

Frank Eppler

Datum

26. April 2012
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