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Interview mit Mike Reuer: Mit Westfalia in eine neue Ära

Mike Reuer lenkt Westfalia in eine neue Ära. promobil sprach mit dem neuen Geschäftsführer der Traditionsmarke über die Historie, geänderte Firmenstrukturen und einen Westfalia-Ausbau des VW T5.

? Vor gut einem Jahr übernahm die französische Rapido -Gruppe die damals insolvente Marke Westfalia . Wie steht das Unternehmen heute da?

Reuer: Im ersten Rumpfgeschäftsjahr haben wir ein positives Ergebnis erreicht. Die wirtschaftliche Lage von Westfalia ist gut und solide. Wir werden weiterhin schwarze Zahlen schreiben, wähnen uns aber noch nicht in sicherem Fahrwasser und müssen konzentriert an unseren Aufgaben bleiben.

? Was hat sich seit der Übernahme bei Westfalia konkret verändert?

Reuer: Wenn ein Unternehmen aus der Insolvenz kommt, sind zunächst Investitionen nötig, beispielsweise in Gebäude und Anlagen. Wir haben umstrukturiert und eine neue und schlagkräftige Serviceabteilung geschaffen. Außerdem haben wir die Entwicklungsabteilung verstärkt. In der Produktion werden wir vom Outsourcing der Vergangenheit zum Insourcing zurückgehen. Wir erhöhen die Produktionstiefe, indem wir beispielsweise extern gefertigte GfK-Teile wieder ins Haus holen. Das ist mit Investitionen verbunden und erfolgt deshalb Schritt für Schritt.

? Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit Rapido und mit Campérêve, dem französischen Campingbus-Spezialisten der Rapido-Gruppe?

Reuer: Wir arbeiten nach Maßgabe des Gesellschafters, aber relativ autark. Es gibt eine markenübergreifende Konzern-strategie, die aber den Wettbewerb untereinander erlaubt. Rapido lässt einen eigenen Kastenwagen bauen, Campérêve entwickelt und vertreibt eigenständige Produkte. Wir sind im permanenten Ideenaustausch und nutzen die Erfahrungen von Rapido und Campérêve. Da werden viele Synergien genutzt. Es gibt für Westfalia aber keine konkreten produktbezogenen Vorgaben.

? Wo wird der Kurs von Westfalia festgelegt? In Rheda-Wiedenbrück oder am Rapido-Stammsitz in Mayenne?

Reuer: Es gibt regelmäßige Boardmeetings mit Pierre Rousseau, dem Inhaber der Rapido-Gruppe. Dort legen wir die Leitplanken der gemeinsamen Strategie fest. Pierre Rousseau ist ein echter Reisemobilmann. Er steht mit Stolz zu Westfalia. Für ihn ist die Marke ein langfristiger Teil seiner Unternehmensgruppe und passt sehr gut in das Portfolio der Rapido-Gruppe.

? Wie wirkt sich der Neustart der Marke auf die Produkte von Westfalia aus?

Reuer: Westfalia hat ein aus der Historie entstandenes und teilweise zufällig gewachsenes Produktportfolio. Für die Zukunft setzen wir auf eine Gleichteilestrategie und eine modulare Entwicklung. Wir werden rasterbezogene Möbelsätze entwickeln und dadurch beispielsweise weniger unterschiedliche Klappengrößen haben. Das Programm wird dadurch weniger Variationen haben und weniger erklärungsbedürftig sein. Es soll keine wissenschaftliche Ausarbeitung nötig sein, um einen  Westfalia zu bestellen. Alles muss klar und übersichtlich strukturiert sein.

? Westfalia baut seit vielen Jahren Campingbusse für die Autoindustrie, die sogenannten OEM (Original Equipment Manufacturer). Wie wichtig ist dieses Geschäftsfeld?

Reuer: Als ich an Bord kam, machte das OEM-Geschäft 90 Prozent der Westfalia-Produktion aus. Durch die verstärkte Entwicklung eigener Fahrzeuge  wird der Anteil in drei bis fünf Jahren bei 60 oder sogar 50 Prozent liegen. Die Produktion für die Automobilindustrie werden wir nicht vernachlässigen. Das wird immer ein wichtiges Standbein sein. Wir bekommen durch eigene Produkte jedoch ein zweites Standbein, womit wir auch Schwankungen abfedern können.

? Wie unterscheiden sich denn die Westfalia-eigenen Campingbusse von den Modellen, die für Mercedes, Ford und Opel gebaut werden?

Reuer: Wir haben es mit zwei Marktsegmenten zu tun, einerseits multifunktionale Fahrzeuge ohne Toilette, die eher im Autohandel gesucht werden, und andererseits Reisemobile mit Sanitärbereich, die man im Freizeitfahrzeughandel findet. Die eigenen Produkte von Westfalia werden sich zukünftig immer mehr in die letztgenannte Richtung bewegen.

? Mit den eigenen Campingbussen bewegt sich Westfalia in einem Marktumfeld, das stärker von Schreinerarbeiten als von Automobileinrichtungen geprägt ist. Welche Richtung schlägt Westfalia ein?

Reuer: Unsere Produktion für die Automobilindustrie strahlt auf die eigenen Fahrzeuge ab. Die Qualitätsvorgaben und Qualitätsansprüche sind die gleichen. Westfalia wird auch in Zukunft  viel Wert auf automobiles Ambiente legen und die Synergien aus dem OEM-Bereich nutzen. Ein Beispiel ist der Ausbau des neuen Jules Verne. Es macht schon einen Unterschied, ob ich eine saubere Innenverkleidung habe oder ein Holzbrett mit sichtbaren Verschraubungen. Bei den Oberflächen ist Westfalia heute deutlich moderner als andere. Wir werden aber nicht grundsätzlich sagen, ein Holzdekor sei nur etwas für andere.


? Beim Ford Transit ist demnächst ein Nachfolgemodell in Sicht. Wie geht es mit dem Nugget weiter?

Reuer: Wir sind mit Ford im Gespräch und werden die Erfolgsgeschichte des Nugget mit Sicherheit weiterführen. Ein weiteres Wachstum halte ich für möglich.

? Wird aus dem Freizeitfahrzeug Opel Vivaro Life einmal ein echtes Reisemobil?

Reuer: Das Potenzial ist vorhanden. Wir haben konkrete Vorschläge dazu gemacht. Die Entscheidung von Opel steht aber noch aus.

? Kommt für Westfalia in Zukunft der Bau eines Teilintegrierten in Frage?

Reuer: Wir bleiben beim Kastenwagen, das ist unsere Kompetenz, und wir sind gut beraten, dabei zu bleiben.

? Die größten Erfolge feierte Westfalia früher mit Ausbauten von VW-Bussen. Wird es einen Westfalia-Campingbus auf VW-T5-Basis geben?

Reuer: Wir führen Gespräche mit Volkswagen. Dabei konnten wir Hindernisse aus der Vergangenheit, die Westfalia erzeugt hat, beseitigen. Wir haben eine gemeinsame Historie.

? Können wir einen VW-California-Konkurrenten zum Caravan-Salon erwarten?

Reuer: Wir wollen nichts gegen VW oder gegen einen unserer OEM-Partner machen. Eine Zusammenarbeit mit VW wird beiden Partnern guttun. Sicher ist: Ein Westfalia auf T5-Basis wird nichts Gebasteltes. Für eine Präsentation auf dem Caravan-Salon 2012 wird es aber knapp.

? Wie werden sich die Stückzahlen der Westfalia-eigenen Ausbauten entwickeln?

Reuer: Bei den eigenen Produkten sehe ich mittelfristig 500 Einheiten pro Jahr. Ich gehe langfristig von einem Marktpotenzial von rund 1000 Fahrzeugen aus. Um die Stückzahlen abzusichern, erschließen wir Exportmärkte. Neben Frankreich und den Beneluxländern sind das vor allem England und Skandinavien.

? Welche außereuropäischen Märkte sind interessant?

Reuer: In den USA gibt es eine starke Westfalia-Fangemeinde. Wir haben Kontakte in die USA und sehen dort einen hohen Bedarf. Wir benötigen dafür aber auch Basisfahrzeuge, die dort zulassungsfähig sind. Der US-Markt hat seine eigenen Gesetze und braucht eigene Aufmerksamkeit.

? Westfalia will nun zuvor versteigerte Museumsfahrzeuge zurückkaufen. Mit Erfolg?

Reuer: Die Fahrzeuge sind Teil unserer DNA, unserer ursprünglichen Identität. Wir haben alle Besitzer angeschrieben, die ein Museumsfahrzeug ersteigert haben, und dabei ein gutes Feedback bekommen. Es sind gute Kontakte zu Clubs und Sammlern entstanden. Vier bis fünf Exemplare haben wir bis heute  wieder hier. Manche Fahrzeuge kommen eventuell als Leihgabe zurück. Dabei konzentrieren wir uns auf einige wenige Schmuckstücke. Wir müssen und wollen das Geld, das wir ausgeben, auch verdient haben.

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24. April 2012
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