Interview mit Andreas Lobejaeger 7 Bilder Zoom

Hymervorstand Andreas Lobejäger: Es geht um mehr als Fahrzeugproduktion

Vor einem Jahr entstand die Erwin Hymer Group. promobil befragt Vorstandsvorsitzenden Andreas Lobejäger nach der künftigen Strategie des Freizeitfahrzeug-Konzerns. Wohin geht die Reise?

Welche großen strategischen Ziele verfolgt die Erwin Hymer Group?

Wir sind als Familienunternehmen langfristig und nachhaltig aufgestellt, es geht uns nicht um den schnellen Erfolg, hier mal ein Prozent Marktanteil zu holen. Wir wollen die führende globale Gruppe in unserer Branche sein und damit alles rund um die mobile Freizeitgestaltung abdecken.

Es geht mittlerweile um mehr als nur um die Produktion und den Vertrieb von Fahrzeugen, sondern um die gesamte Wertschöpfungskette der mobilen Freizeitgestaltung. Wir verstehen uns – vielleicht anders als manche Wettbewerber – nicht nur als Wettbewerber zu anderen Fahrzeuganbietern, sondern auch zu anderen Urlaubsformen wie Kreuzfahrten oder Hotelurlauben. Und dafür bietet unsere Unternehmensgruppe das größte Portfolio an.

Wie steht die Gruppe im Wettbewerb da?

Die Erwin Hymer Group ist die mit Abstand führende Gruppe Europas bei Freizeitfahrzeugen. Wir haben bei den Reisemobilen in Europa einen Marktanteil von 31 Prozent und bei den Caravans 21 Prozent. Das heißt, mehr als jedes vierte Freizeitfahrzeug wird von der Erwin Hymer Group produziert. In Europa sind wir als Gruppe bei den Reisemobilen die Nummer eins, und bei den Caravans die klare Nummer zwei. In Deutschland war das letzte Jahr sehr erfreulich für uns. Auch hier sind wir Marktführer bei Reisemobilen. Im Gegensatz zu anderen Unternehmen, die das nur behaupten, ist das bei uns de facto so. In einem stagnierenden Markt haben wir in diesem Bereich beispielsweise 3 Prozent gewonnen, unser Marktanteil bei Reisemobilen liegt bei 38 Prozent und bei den Caravans bei 29 Prozent. In Summe entspricht das etwa einem Marktanteil von 35 Prozent. Daher sind wir mit dem Verlauf des letzten Jahres sehr zufrieden.

In welchen Bereichen haben Sie gewonnen?

Wir sind im Premium- und Luxusbereich sehr gut vorangekommen, beispielsweise mit dem Arto von Niesmann + Bischoff. Aber auch im Einstiegssegment, wo wir mit den beiden Marken Sunlight und Carado vertreten sind, läuft es hervorragend. Und in diesem Bereich gibt es entgegen vieler Mutmaßungen keinerlei Kannibalisierungseffekte, weil es uns gelungen ist, die Markenidentitäten zu stärken. Uns ist es sehr wichtig, dass jede Marke der Erwin Hymer Group am Markt individuell, stark und eigenständig auftritt. Das Wachstum im Einstiegssegment ist auch deshalb so erfreulich, weil viele Wettbewerber versucht haben, hier Fuß zu fassen. In unserem Werk in Neustadt haben wir zudem einen zweistelligen Millionenbetrag investiert, um weiterhin exzellente Qualität "made in Germany" bieten zu können. Hier wollen wir klar die Nummer eins bleiben.

Wie unabhängig agieren die Marken?

Erste Prämisse ist die konsequente Orientierung am Markt und an unseren Kunden. Die Marken sind grundsätzlich sehr unabhängig beim Vertrieb, beim Marketing und bei der Produktgestaltung innerhalb ihrer Segmentierung. Ein Kunde muss beispielsweise den Bürstner erkennen können, er muss den Dethleffs erkennen können. Die Profile der Einzelmarken sollen absolut unabhängig sein. Alles, was der Kunde sieht und was dem Kunden wichtig ist, wird die Marke differenzieren.

Die Erwin Hymer Group wächst gerade als starke Markenfamilie mit einheitlicher Leitung zusammen. Uns ist es wichtig, Synergien in der Gruppe zu nutzen. Das sehen wir ganz klar als Wettbewerbsvorteil gegenüber anderen Herstellern und Gruppen der Branche, den wir klar ausschöpfen wollen. Wir wollen beste Standards gruppenweit etablieren, so dass jede Marke davon profitiert. Beispielsweise investieren wir gerade in ein gruppenweit einheitliches IT-System. Themen wie Ersatzteilbeschaffung etc. werden damit zukünftig wesentlich schneller und reibungsloser funktionieren.

Wird die Modellplanung der Hersteller in der Gruppe abgesprochen?

Ja, hier koordinieren wir uns. Wir haben ja seit einiger Zeit Segmentsverantwortliche, die sich markenübergreifend um die Modellplanung kümmern. Darüber hinaus haben wir übergeordnete Strategierunden, wo sich die jeweiligen Markengeschäftsführer abstimmen. Innerhalb unserer Drei-Jahres-Roadmap haben wir beispielsweise für die nächsten drei Jahre unsere Produkte definiert.

Wird es auch in fünf Jahren noch alle Marken in der Gruppe geben?

Im Moment haben wir keine Veranlassung, an unserem Markenportfolio etwas zu ändern. Wie das in fünf oder zehn Jahren aussieht, hängt auch ein Stück weit davon ab, wie sich Märkte entwickeln. Im derzeitigen Markt, der kein großes Wachstum hergibt, macht die Streichung einer Marke keinen Sinn, weil man die Anteile, die man dadurch an den Wettbewerb verlieren würde, nicht durch das übrige Angebot ersetzen könnte. Bei unserer jetzigen erfolgreichen Entwicklung wäre es daher nicht sinnvoll, eine Marke herauszunehmen.

Und umgekehrt? Wird es Zukäufe geben?

Grundsätzlich ist das denkbar. Wir wollen die führende globale Unternehmensgruppe für mobiles Reisen und hochwertige Freizeitgestaltung werden. Dabei wollen wir die gesamte Wertschöpfungskette der Welt des Caravanings anbieten. Können mögliche Zukäufe hier eine Lücke schließen, die wir mit unserem derzeitigen Produkt- und Serviceportfolio noch nicht abdecken, dann können wir uns weitere Marken im Portfolio vorstellen.

Denken Sie bei Zukäufen eher an Dienstleistungen oder an Produkte?

Ich sehe aufgrund unserer Segmentierung keine Defizite in unserem Portfolio an Fahrzeugmarken. Bei den heutigen Kapazitätsvoraussetzungen wäre der stumpfe Zukauf einer Marke oder eines Standorts nicht sinnvoll. Das bedeutet ja immer auch Integrationsaufwand und bindet Managementressourcen. Wir schauen im Moment eher darauf, unsere Prozesse und unsere Dienstleistungen zu verbessern.

Wie sieht es aktuell bei den Produktionskapazitäten aus?

Kapazitäten gibt es mehr als genug. Die Verlagerung beispielsweise nach Osteuropa, wie es der Wettbewerb macht, sehe ich eher kritisch. Die Standorte, die wir in Deutschland haben, wollen wir auch weiterhin so halten. Zusätzlich investieren wir in Summe 40 Millionen Euro in ein komplett neues Werk bei Laika in Italien, das derzeit entsteht. Hier wollen wir für den südeuropäischen Raum produzieren. Die Kapazitäten, die wir haben, wollen wir nutzen, um nachhaltig Marktanteile zu gewinnen.

Verstärkt sich aktuell der Austausch der Kapazitäten in der Gruppe?

Grundsätzlich denke ich, dass sich dieser Prozess fortsetzen wird. Wenn jede Marke ihren eigenen neuen Boden entwickeln würde, hätten wir in diesem Fall achtmal die Entwicklungskosten dafür. Das macht die Fahrzeuge teurer, aber nicht notwendigerweise besser.

Wir wollen den Austausch unseres technologischen Knowhows innerhalb der Gruppe verbessern im Sinne des Kunden. Die DNA einer Marke muss dabei aber unbedingt erhalten bleiben. Es ist also eher unwahrscheinlich, dass die Kollegen von Bürstner die Außenhülle eines Dethleffs entwickeln.

Genießt die Marke Hymer dabei nicht doch irgendwelche Privilegien?

Alle Marken sind uns gleich wertvoll. Keine soll irgendwelche Privilegien genießen. Aber wir können uns das segmentspezifisch durchaus vorstellen. Wenn über eine technologische Errungenschaft im Premium- und Luxussegment innovative Features entwickelt werden, könnte es schon sein, dass diese erst einmal den Fahrzeugen in diesem Segment vorbehalten bleiben und erst später an die Marken in den anderen Segmenten weitergegeben werden.

Was werden künftig die Schwerpunkte der Entwicklung sein?

Wir haben drei große Themenblöcke. 1. Fahrzeugsicherheit ist allgemein ein Thema. 2. Automobile Kennzeichen, die im Pkw-Bereich nahezu selbstverständlich sind, wollen wir auch in Freizeitfahrzeugen etablieren. 3. Die Konnektivität und Convenience (Anm.: bequeme, einfache Bedienbarkeit) sind ebenfalls wichtige Punkte. Gerade Neueinsteigern in die Welt des Caravanings fällt es oft nicht leicht, das Reisemobil nach kurzer Zeit zu bedienen. Hier muss vieles intuitiver werden, und ebenfalls müssen markenübergreifend wichtige Bedienelemente vereinheitlicht werden. Schauen Sie zur Automobilbranche, jeder kann einen Pkw mieten und ohne Probleme sofort losfahren. Bei den Reisemobilen ist dies nicht so. Das muss sich ändern.

In erster Linie ist es uns wichtig, die Kompetenz und Expertise, die Goldschmitt in Sachen Fahrwerk hat, in unserer Gruppe zu integrieren. Das versetzt uns auch in die Lage, ein guter Sparrings- und Entwicklungspartner für unsere Lieferanten zu sein, zu denen wir im Übrigen ein gutes Verhältnis haben.

Welche Rolle spielen die Märkte außerhalb Europas für die Gruppe?

Die weitere Internationalisierung ist einer der strategischen Meilensteine der Gruppe. Gerade eben haben wir diesbezüglich einen großen Schritt gemacht und sind mit dem Hymer-Car Grand Canyon in den USA gestartet. Der Campingbus wurde in Bad Waldsee für den amerikanischen Markt entwickelt und wird auf Chrysler-Basis bei einem Partner in den USA produziert. Für uns war es wichtig, hier langsam zu starten und mit lokalen Partnern zusammenzuarbeiten. Beispielsweise bauen wir ein entsprechendes Servicenetz vor Ort auf. Es macht keinen Sinn, mal schnell mit einem Produkt in den Export zu gehen, ohne den gesamten After-Sales- und Service-Bereich mit lokalen Partnern abbilden zu können.

Welche anderen ausländischen Märkte haben Sie noch im Auge?

Die Region Asia Pacific, mit Ländern wie Korea, ist interessant. In diesem Zusammenhang war beispielsweise auch der Zukauf von 3DOG camping ein wichtiger Schritt, denn gerade in Korea gibt es einen großen Markt für Zeltcaravans. Wir haben auch Länder wie China, Australien und Neuseeland im Auge. Hier geht es eher darum, den berühmten Fuß in der Tür zu haben.

Erwin-Hymer-Group: Einstieg in den US-Markt

Hymer-Car, die Campingbus-Marke von Hymer, kommt 2015 in den USA. Als zunächst einziges Modell der Erwin Hymer Group soll der Grand Canyon den Markt ausloten. Seine Einrichtung entspricht grundsätzlich dem gleichnamigen europäischen Modell, wird aber in den USA gefertigt. Als Basis dient der Ram Promaster, ein Kastenwagen der Fiat-Chrysler-Gruppe, der in Mexico gebaut wird und weitgehend dem Fiat Ducato entspricht. Mit einem Promaster-Ausbau ist Hymer-Car nicht allein auf dem US-Markt. Beispielsweise baut Winnebago auf dieser Basis den Travato mit Einzelbetten oder Längsbett.

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Autor

Foto

Frank Eppler

Datum

25. März 2015
Dieser Artikel stammt aus Heft promobil 03/2015.
Hier finden Sie alle Artikel dieser Ausgabe im Überblick.
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