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Caravaning in Europa: Wie campen die europäischen Nachbarn?

Wer als Reisemobilfahrer in Europa unterwegs ist, stellt rasch fest: Jedes Land hat seine eigene Caravaning-Kultur. promobil zeigt, wie unsere Nachbarn ticken, wenn es um die mobile Freizeit geht.

Welche Europäer besitzen die meisten Wohnmobile? Sind es Franzosen, Italiener oder Deutsche? Falsch: Es sind die Finnen. In keinem anderen Land unseres Kontinents sind die motorisierten Freizeitfahrzeuge so beliebt wie in Finnland. Auf 10 000 Einwohner kommen dort laut Statistiken des europäischen Herstellerverbands ECF 88 motorisierte Freizeitfahrzeuge.

Damit liegt das nordöstliche Land vor seinem Nachbarland Schweden (69 Wohnmobile auf 10.000 Einwohner) und vor Deutschland (56). Lässt man die Fahrzeugdichte einmal beiseite, sprechen die Zahlen eine andere Sprache: In Deutschland werden die meisten Wohnmobile gebaut, gekauft und gefahren. Im Folgenden sollen die deutschen Zahlen einmal außen vor bleiben; sie sind ohnehin Bestandteil der regelmäßigen Berichterstattung in promobil.

Wenden wir uns lieber den Ländern zu, die wir sonst vor allem als Urlaubsziele kennen. Wie halten es unsere Nachbarn mit dem Thema Wohnmobil?

Frankreich 

Geht es um die Wohnmobildichte, liegt Frankreich knapp hinter Deutschland. Kein Wunder: Lange Zeit wurden dort mehr Reisemobile neu zugelassen als bei uns. Seit einigen Jahren haben sich die Franzosen auf Platz zwei zurückgezogen. Das liegt weniger an mangelndem Interesse als an der fortdauernden Wirtschaftskrise, die sich auf das Konsumverhalten insgesamt auswirkt. Traditionell hält die Grande Nation die Wohnmobilfahne hoch.

Hier gibt es mit Notin – seit fast 100 Jahren – die wohl älteste noch existierende Freizeitfahrzeugmarke. Die kleine Manufaktur gehört inzwischen zur Trigano-Gruppe, und diese ist wiederum europaweit eine echte Größe. Rund 15 000 Wohnmobile liefen in den Herstellerbetrieben des Konzerns in der vergangenen Saison vom Band. Immerhin 16 europäische Wohnmobilmarken gehören aktuell zu Trigano.

Ganz vorne in den französischen Zulassungszahlen behauptet sich die Trigano-Marke Challenger, die in Tournon-sur-Rhône, südlich von Lyon, gebaut werden. Die beiden anderen französischen Gruppen, Rapido und Pilote, haben ihre Werke im Nordwesten des Landes. Ebenfalls weit oben in der Zulassungsstatistik: Bürstner – wohl wegen des zweiten Standorts im Elsass wird die deutsche Marke in Frankreich auch ein wenig als einheimischer Hersteller geschätzt.

Gibt es bei den Reisemobilvorlieben überhaupt große Unterschiede zwischen Frankreich und Deutschland? Grundsätzlich bevorzugen auch Franzosen ein Fiat-Fahrgestell, wobei der Ford eine etwas größere Rolle spielt als bei uns. Stärker ausgeprägt ist auch der Wunsch nach einem 3,5-Tonner, weil nur wenige Käufer einen Führerschein für höhere Gewichtsklassen besitzen.

Viel eindeutiger und schon lange vor den deutschen Kunden tendierten Franzosen zum Teilintegrierten. Alkoven interessieren nicht einmal am Rande. Der Hauptunterschied spielt sich jedoch im Schlafzimmer ab. Links des Rheins schätzt man ein kuscheliges Queensbett und weiß mit den bei uns beliebten Einzelbetten weniger anzufangen.

Größeres Gewicht als in Deutschland hat überdies die Autarkie eines Wohnmobils. Weil Franzosen gerne auch einfach ausgestattete Stellplätze anfahren, muss eine brauchbare Dusche an Bord sein.

Ohnehin die Stellplätze: Gefördert vom dortigen Herstellerverband hat sich dort ein landesweit dichtes Netz von fast 2000 Plätzen geknüpft. Keinesfalls auf Kosten der Campingplätze: Hier nimmt Frankreich mit rund 10 000 Anlagen ebenfalls einen Spitzenplatz ein. Auch das hat wohl vor allem mit dem Interesse an Wohnmobilen zu tun, denn touristisch genutzte Caravans spielen auf dem französischen Markt kaum eine Rolle.

Großbritannien

Briten und Wohnmobile? Diese Kombination scheint gar nicht so typisch. Das Vereinigte Königreich gilt vor allem als bedeutender Caravan-Markt. Bei den aktuellen Zulassungszahlen für Wohnwagen liegen die Briten europaweit an erster Stelle.

Andererseits haben sie bei den Wohnmobilen stark aufgeholt: Durch ein dickes Plus im vergangenen Jahr erreichen die Neuzulassungen 2014 mit respektvollem Abstand zu Frankreich den dritten Platz in Europa.

Camping in allen Facetten ist in Großbritannien quer durch alle Gesellschaftsschichten tief verwurzelt – und liegt unverändert im Trend. Man bevorzugt Anlagen mit großen Grünflächen ohne auffällige Parzellierung. Spezielle Reisemobilstellplätze sind dagegen
nahezu unbekannt. Vielleicht passen sie auch nicht so gut zur Caravaning-Kultur des Landes: Man bevorzugt Parks gegenüber Parkplätzen.

Gemütlichkeit prägt auch das Innere eines klassisch britischen Wohnmobils. Wichtig ist hier zunächst die große Sitzgruppe – schließlich will man auch regnerische Stunden mit landestypischer Gelassenheit überstehen. Für ein üppiges und möglichst lichtdurchflutetes Wohnzimmer nehmen Briten auch umbaubare Betten in Kauf. Sehr beliebt: zwei Längssofas, die sich zu Einzelbetten verwandeln lassen. Weiterer kaufentscheidender Punkt: Die Küche. Sie darf ruhig ein wenig größer sein und muss unbedingt einen Backofen haben – nicht zuletzt für frisch getoastete Frühstücksspezialitäten.

Diese Vorlieben gelten ausdrücklich auch für ausgebaute Kastenwagen, die vielleicht auch wegen der teils schmalen Straßen äußerst beliebt sind. Dass britische Wohnmobile aufgrund von Rechtlenker-Fahrgestellen und linksseitigen Aufbautüren ohnehin etwas anders aussehen, liegt auf der Hand. Nur wenige Käufer, die oft diesseits des Ärmelkanals unterwegs sind, bevorzugen eine kontinentale Ausführung von Fahrerplatz und Grundriss.

In jedem Fall gehen die einheimischen Hersteller offenbar besonders gut auf die speziellen Bedürfnisse ihrer Landsleute ein. Marktführer ist Swift, im Jahr 1964 gegründet und inzwischen eine Mehrmarkengruppe. Während sich kontinentale Hersteller durchaus um den lukrativen Inselmarkt bemühen, gelangen britische Reisemobile nur selten zu uns. Aktuell baut Hersteller Lunar mit seiner Marke Cristall hierzulande ein Händlernetz auf.

Skandinavien

Eingangs war bereits zu lesen, dass Finnland, gefolgt von Schweden, die höchste Reisemobildichte in Europa aufweist. Dänemark und Norwegen hinken in diesem Punkt allerdings stark zurück. Sieht man sich die jüngsten Zulassungszahlen an, liegt Schweden vor Norwegen, Finnland und Dänemark. Zusammengenommen ergibt sich ein Markt, der fast britisches Niveau erreicht. Dass Dänen so wenige Reisemobile kaufen, hat sicher nichts mit mangelndem Interesse, sondern mit einer exorbitanten Besteuerung zu tun. Sie greifen häufig zum Caravan, wie im Übrigen auch die anderen Skandinavier, denn die Affinität zum mobilen Urlaub in der Natur ist im Norden insgesamt sehr hoch.

Diese Einstellung hat in der Vergangenheit auch immer wieder einheimische Hersteller hervorgebracht, die sich jedoch vor allem auf Wohnwagen konzentrieren. Das gilt für die Marke Solifer, die sich ihre aktuellen Reisemobile von der Hymer-Gruppe bauen lässt, sowie für Kabe. Dort hält man mit typisch schwedischen Hochpreismobilen im Heimatland einen Marktanteil von etwa fünf Prozent. Längst haben deutsche und französische Hersteller die Vorlieben der nordischen Kunden erkannt und richten ihre Modellpaletten darauf aus. Kaum verwunderlich, dass hier gute Wintereigenschaften gefragt sind – am besten mit der schwedischen Alde-Warmwasserheizung. Wie bei uns schätzt man in Skandinavien Einzelbetten, dort aber gerne auch in einer ausgefallenen Variante: Beliebt sind tief angeordnete Betten mit Durchgang zu einem breiten Bad im Heck.

Die wachsende Anzahl von Reisemobilen im Norden verändert auch zunehmend die Infrastruktur für Freizeitfahrzeuge. Zur großen Anzahl einladender und naturnaher Campingplätze kommen in jüngster Zeit immer mehr Stellplätze.

Alpenländer

Österreich und die Schweiz haben nicht nur geografische Gemeinsamkeiten, sondern auch die gleiche Tendenz auf dem Reisemobilmarkt. Im vergangenen Jahr konnten beide Alpenländer starke Zuwächse bei den Neuzulassungen vermelden, allerdings auf sehr unterschiedlichem Niveau. In der Schweiz wurden fast dreimal so viel Wohnmotorwagen – wie sie in der dortigen Amtssprache heißen – verkauft wie in Österreich, obwohl die Bevölkerungszahl auf ähnlichem Niveau liegt. Entsprechend höher ist die Reisemobildichte bei den Eidgenossen. Sie kaufen auch mehr Caravans als ihre
Nachbarn, wobei Wohnwagen in beiden Ländern weniger gefragt sind als Reisemobile.

Die Zurückhaltung der Österreicher kann auf die hohe Besteuerung von Neufahrzeugen zurückgeführt werden, aber auch auf die Tatsache, dass größere Bevölkerungsteile im Tourismus arbeiten, denen dann wiederum in der Saison die Zeit fehlt, mit dem eigenen Freizeitfahrzeug auf Reisen zu gehen. Einheimische Hersteller gibt es bei unseren südlichen Nachbarn praktisch nicht, doch vielleicht genießt die ursprünglich österreichische Marke Pössl einen gewissen Heimatbonus, die ihr den zweiten Platz in der Zulassungsstatistik hinter dem VW California einbringt. Für die Schweiz liegen keine detaillierten Auswertungen vor. Grundsätzlich zeigt der Markt wie in Österreich jedoch starke Parallelen zur Situation in Deutschland.

Was den Umgang mit Freizeitfahrzeugen angeht, zeigen die beiden Alpenländer weitere Ähnlichkeiten. Beide verschaffen sich durch Mautforderungen, strenge Reglementierungen und wirksame Kontrollen nicht nur Sympathien. Am Urlaubsort sind sie aber umso gastfreundlicher, bieten viele Campingmöglichkeiten unterschiedlichster Kategorien und ein noch überschaubares, aber ein stetig wachsendes Netz an Stellplätzen.

Benelux

Unsere Nachbarn im Nordwesten gelten als leidenschaftliche Camper. Zählt man die Neuzulassungen von Reisemobilen in Belgien und den Niederlanden zusammen, erreichen sie fast das Niveau der Alpenländer. Hier wie dort gibt es klare Zuwächse.

Luxemburg wird in den Statistiken des europäischen Herstellerverbands übrigens nicht einzeln ausgewiesen. Eine weitere Unschärfe bringt die Tatsache mit sich, dass Niederländer oft junge Gebrauchte in Deutschland kaufen, die nicht in den Statistiken für Neufahrzeuge landen.

Daher liegt die gesamte Reisemobildichte in den Niederlanden über dem europäischen Durchschnitt und erreicht fast das französische Niveau. Dass man in Holland eine besondere Liebe zu Wohnwagen pflegt, ist kein Gerücht und spiegelt sich in hohen Bestands- sowie Zulassungszahlen wider. Allerdings gehen dort die Neuzulassungen von Caravans seit einigen Jahren deutlich zurück.

Ohne Zweifel hat diese Vorliebe Auswirkungen auf die Freizeiteinrichtungen: An der Nordseeküste prägen luxuriöse Campingplätze das Bild. Im Inland gehören Campingwiesen auf dem Bauernhof oder an Yachthäfen zu den landestypischen Spezialitäten. Übernachtungen außerhalb vorgesehener Anlagen werden dagegen nicht toleriert. Erfreulich, dass in allen drei Beneluxstaaten inzwischen vermehrt Wohnmobilstellplätze entstehen.

Italien

Die Wirtschaftskrise hat auf dem italienischen Reisemobilmarkt tiefe Spuren hinterlassen. Lagen die Neuzulassungen viele Jahre hinter Frankreich und Deutschland auf dem dritten Platz, tauchen die Italiener heute im Mittelfeld der Statistik auf. Und die rasante Talfahrt scheint mit einem zweistelligen Minus im vergangenen Jahr noch nicht am Ende.

Dass Italien eine langjährige Reisemobiltradition hat, ist für Touristen kaum zu übersehen. Viele aktive Kommunen haben dafür gesorgt, dass ein dichtes Netz von Stellplätzen zur Verfügung steht. Nahezu unverändert existiert auch eine enorme Vielfalt an Fahrzeugmarken und -typen aus dem eigenen Land. Hier findet man technisch ausgefeilte Spezialitäten, wie etwa von Wingamm, aber auch günstige Massenware, die oft über Discountmarken zu uns gelangt.

Die Nachfrageflaute hat jedoch dazu geführt, dass die großen Marken inzwischen den Besitzer gewechselt haben. Nach Ci, Roller Team und Arca hat sich die französische Trigano-Gruppe zunächst McLouis, Elnagh und Mobilvetta und jüngst auch Rimor einverleibt. Laika gehört bereits seit 15 Jahren zur Hymer-Gruppe.

Übriges Europa

Stärker noch als Italien hat die Wirtschaftskrise die Iberische Halbinsel getroffen. Verglichen mit den Höchstständen bei den Neuzulassungen im Jahre 2007 sind die Reisemobilmärkte in Spanien und Portugal praktisch zusammengebrochen.

Doch inzwischen geht es dort – auf niedrigem Niveau – wieder bergauf. Mit Benimar, einem Teil der Trigano-Gruppe, überlebte auch ein namhafter spanischer Hersteller die Krise. Sonst haben Reisemobile im Südwesten Europas fast ausschließlich als Urlauberfahrzeuge Tradition, wie die niedrigen Bestandszahlen in Spanien und Portugal zeigen.

Das gilt erst recht für osteuropäische Länder. Sie sind in der europäischen Statistik unter "Andere" zusammengefasst. Nur ein kleines Land wird einzeln aufgelistet: Slowenien. Das liegt weniger an den Zulassungen. Slowenien nimmt aus einem anderen Grund eine Sonderstellung ein. Adria, einer der bedeutenden europäischen Hersteller, ist hier beheimatet. Seit 2008 baut dort außerdem Carthago einen großen Teil seiner Wohnmobile.

Sieht man von solchen Ausnahmen ab, gilt europaweit, dass Reisemobile vor allem in jenen Ländern gebaut werden, wo sie traditionell auch ihre Käufer finden. Es gibt wohl nicht mehr viele Konsumgüter, auf die diese Regel zutrifft.

Zum Vergleich: der US-Markt

Nach der Wirtschaftskrise um 2007 hat sich die Wohnmobilbranche in den USA wieder erholt. 2014 setzte man dort 43 900 Fahrzeuge ab; der Trend zeigt weiter nach oben. Dennoch bleibt ein großer Abstand zum europäischen Markt: 2014 wurden hier 72 035 Wohnmobile zugelassen. In den USA bewegten sich lediglich Pick-up-Camper im Rückwärtsgang, während ausgebaute Kastenwagen zulegten. Die Stückzahlen beider Bauarten liegen jedoch weit unter denen der bei Vermietern beliebten Alkoven. An der Spitze bleiben Integrierte, befeuert durch Neuheiten wie dem Retro-Modell Brave, das von einem Branchenmagazin als "RV of the Year" ausgezeichnet wurde.

* Schätzungen    Quelle: ECF/CIVD 2015

Report: Günstige Reisemobile

Foto

1xpert/Fotolia, Pompe, Müller, Kohstall, Archiv

Datum

5. Juni 2015
Dieser Artikel stammt aus Heft promobil 05/2015.
Hier finden Sie alle Artikel dieser Ausgabe im Überblick.
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